Reporter unter Verdacht "taz"-Redakteur soll KollegInnen bespitzelt haben

Ungeheuerlicher Verdacht bei der "taz": Ein Redakteur soll auf mehreren Rechnern in der Redaktion die Tastaturanschläge aufgezeichnet haben. Jetzt fragen sich die Journalisten: warum nur?

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Das Redaktionsgebäude der "taz" in Berlin: Jede Eingabe mitgeschnitten
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Das Redaktionsgebäude der "taz" in Berlin: Jede Eingabe mitgeschnitten


Berlin - Die "taz" war schon immer ein Ort, an dem sich auch Charaktere aufgehoben fühlen können, die anderswo vielleicht anecken würden: Bei der alternativen Berliner "tageszeitung" gibt es einen Kollegen, der grundsätzlich barfuß läuft, zu jeder Jahreszeit und Witterung. Ein anderer trägt dafür stets Wollmütze und Handschuhe. Hier spielt die Kleidung, die Hautfarbe, die sexuelle Orientierung keine Rolle: Jeder und jede ist akzeptiert.

Einem Redakteur könnte nun jedoch ausgerechnet eine Eigenschaft zum Verhängnis werden, die gemeinhin als beste Voraussetzung für den Beruf des Journalisten gilt: übergroße Neugierde.

Passwörter, Chats, Webseitenaufrufe abgegriffen

Am vergangenen Mittwoch eröffnete die Chefredakteurin Ines Pohl ihrer verdutzten Redaktion, dass mehrere Arbeitsplatzrechner im Haus mit einem sogenannten Keylogger angezapft worden seien. Mit einem solchen Gerät, äußerlich einem herkömmlichen USB-Stick ähnlich, können die Tastaturanschläge eines Computers aufgezeichnet werden. So lassen sich beispielsweise Passwörter abgreifen, aber nicht nur diese: Sämtliche Webseitenaufrufe, Texteingaben, Chat-Nachrichten lassen sich für den Angreifer nachvollziehen.

Im Verdacht, den Keylogger angebracht zu haben, stehe ein Kollege, informierte Pohl. Es handelt sich dabei, so hört man aus dem Haus, um einen langjährigen Mitarbeiter, einen als überaus engagiert geltenden Investigativjournalisten.

Wie mehrere "taz"-Mitarbeiter berichten, sei das Spionagegerät zunächst bei der Wartung eines Rechners in der EDV-Abteilung aufgefallen. Die IT-Leute waren verblüfft. Der Einsatz von Keyloggern ohne die Einwilligung des Nutzers ist in Deutschland strafbar.

Die EDV-Spezialisten warteten ab - und tatsächlich erschien ein Redakteur im Inlands-Ressort und versuchte, den Keylogger unauffällig an sich zu nehmen. Zur Rede gestellt stritt er ab, seine Kollegen ausgeforscht zu haben. Dennoch wurde er des Hauses verwiesen, seine Schlüssel musste er abgeben. Eine externe Festplatte, die er an seinen eigenen Rechner zu hängen pflegte, durfte er mitnehmen.

Weniger Wut als Erschrecken

Seither blühen in der Rudi-Dutschke-Straße die Spekulationen. Obwohl allseits die Unschuldsvermutung betont wird, zweifelt bereits im zweiten Satz niemand, den man danach fragt, ernsthaft an einem Fehlverhalten des verdächtigten Kollegen. Wütend erlebt man die tazler dabei kaum, eher erschrocken. Der Verdächtige wird als Einzelgänger beschrieben, der sich stets äußerst akribisch seiner Arbeit widme, geradezu dafür lebe. Und der jetzt wohl kaum noch als Journalist arbeiten könne. Von möglichen strafrechtlichen Konsequenzen ganz abgesehen. Ob die "taz" in der Sache die Polizei eingeschaltet hat, ist nicht bekannt.

Ausgeforscht worden seien die Rechner von Ressortleitern, ehemaligen und aktuellen Redakteuren, dazu die einer Volontärin und einer Praktikantin. Aber zu welchem Zweck? Und steht ein Einbruch bei der "taz" in der Nacht zum Donnerstag mit der Sache in Verbindung? Ein Unbekannter hatte die Eingangstür aufgebrochen - an einer mit einer Codenummer gesicherten Zwischentüre fanden sich allerdings keine Manipulationsspuren. Der Code ist jahrelang nicht geändert worden und jedem aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter bekannt, zudem sind die richtigen Tasten so erkennbar abgegriffen, dass es nicht viel Fantasie braucht, um auf die korrekte Kombination zu kommen. Gestohlen worden sei jedoch nichts. Die Polizei ermittelt.

Ein persönliches Motiv gilt als wahrscheinlich

Auch wenn die Sorge um die Integrität der Zeitung jetzt groß ist und alle Mitarbeiter aufgefordert wurden, ihre Passwörter zu ändern, glaubt kaum jemand daran, dass Interna nach außen getragen werden sollten, etwa im Zuge einer Recherche über vermeintliche Missstände bei der Zeitung. Ein persönlicher Hintergrund der Ausforschungen gilt als wahrscheinlicher. Was bleibt, ist das ungute Gefühl eines ungeheuerlichen Vertrauensbruchs.

Offiziell möchte sich aus der "taz" niemand zu dem Vorgang einlassen. "Zu Personalangelegenheiten äußert sich die taz grundsätzlich nicht", lässt der Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch im Hausblog der "taz" verlauten. Die zweiköpfige Chefredaktion ist an Grippe erkrankt. Der Betroffene selbst war für SPIEGEL ONLINE bis zum Erscheinen dieses Textes nicht zu erreichen. Am Montag soll er sich bei einem Personalgespräch zu den Vorwürfen erklären. Das ganze Haus ist gespannt.

Offenlegung: Der Autor dieses Artikels war bis Oktober 2010 Redakteur bei der "taz".

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
whitewisent 20.02.2015
1.
Es ist atemberaubend, mit welcher Naivität dort in der Redaktion gearbeitet wird, und selbst nach Bekanntwerden der Umstände immer noch das Gute im Täter gesehen werden soll. Das gerade Journalisten soviel Gewese um ihren verfassungsmäßigen Schutz für Quellen und Informaten machen, die dann dann untereinander offenbar kaum Geheimnisse machen wollen, wirkt bei dieser großen Redaktion erschreckend. Immer das Selbe, man will die Gefahr und die Verletzung einfach nicht wahrhaben, weil man dann ja vieleicht selbst eine Mitschuld und Verantwortungslosigkeit zugeben müßte. Da ist aber wohl kein Problem der taz, sondern in vielen "lockeren" Bürogemeinschaften, wo selbst der Pizzabote durch Zugangssperren kommt, weil es so viel einfacher ist.
Dark Agenda 20.02.2015
2.
Zitat von whitewisentEs ist atemberaubend, mit welcher Naivität dort in der Redaktion gearbeitet wird, und selbst nach Bekanntwerden der Umstände immer noch das Gute im Täter gesehen werden soll. Das gerade Journalisten soviel Gewese um ihren verfassungsmäßigen Schutz für Quellen und Informaten machen, die dann dann untereinander offenbar kaum Geheimnisse machen wollen, wirkt bei dieser großen Redaktion erschreckend. Immer das Selbe, man will die Gefahr und die Verletzung einfach nicht wahrhaben, weil man dann ja vieleicht selbst eine Mitschuld und Verantwortungslosigkeit zugeben müßte. Da ist aber wohl kein Problem der taz, sondern in vielen "lockeren" Bürogemeinschaften, wo selbst der Pizzabote durch Zugangssperren kommt, weil es so viel einfacher ist.
In Zeiten der Allgegenwärtigkeit von Computerkriminalität sollte hier mal ein Zeichen gesetzt werden. Datenspionage wird ja auch von unserer Regierung gern mal als Lappalie abgetan. Ich arbeite auch in der EDV und würde in so einem Fall den Chefs zur Anzeige raten ob nun Taz oder sonst in einem Betrieb. Vielleicht setzt bei der Person dann Unrechtsbewußtsein ein.
al3x4nd3r 20.02.2015
3.
Es steht noch gar nichts fest, aber schon folgen die Verurteilungen!
roflem 20.02.2015
4. Wirklich so dämlich?
Soll der Redakteur wirklich so bescheuert gewesen sein, einen dieser billigen USB Sticks im zu überwachenden Rechner stecken gelassen zu haben? Es gibt wesentlich bessere einfache Keylogger, die installiert werden. Aber Dummheit soll ja angeblich grenzenlos sein....
thomweb 20.02.2015
5. Externe Festplatte?
Dieser Satz hat bei mir Stirnrunzeln bis zum Fußboden ausgelöst: "Eine externe Festplatte, die er an seinen eigenen Rechner zu hängen pflegte, durfte er mitnehmen." Der Mitarbeiter durfte also eine Virenschleuder mit Spionageprogrammen, Viren, Malware und allen Schadprogrammen, mit denen mit die Daten aller Rechner, Server, Handys und Festplatten der KollegInnen abgreifen kann, an seinem Rechner anschließen? Er durfte Schadcode in die Redaktion einschleusen? Ich arbeite seit 25 Jahren am Rechner. Habe lange Jahre in der IT selbst gearbeitet. Normal ist heutzutage, dass die Rechner von Mitarbeitern keinen USB-Port mehr haben, damit Dummbratzen das gesamte Firmennetzwerk in Sekundenschnelle verseuchen können. Gerade die Dummschwätzer des Management schieben ja jeden geschenkten USB-Stick in ihren Rechner und brüllen dann die Fachleute der EDV an, warum diese Versager ihren Rechner so langsam gemacht haben. Wenn man die Dummmanager dann mit ihrem Fehlverhalten konfrontiert, dass sie nämlich gerade alle Firmengeheimnisse nach China exportiert und die Firma um Milliarden von Euro geschädigt haben, dann zeigen die DM, dass sie Fleisch gewordene Dummheit sind. Jeder IT-Verantwortliche in der Welt hat eigentlich aus solchen Vorfällen die Konsequenz gezogen, dass es Mitarbeitern bei Androhung des sofortigen Austritts aus der Firma verboten ist, fremde Geräte an Firmenrechner anzuschließen. Ich verstehe nicht, warum ein Mitarbeiter überhaupt fremde Geräte anschließen durfte. Fiktion: Vielleicht hatte der Mann finanzielle Probleme und wurde vom BND geködert? Raum genug für einen echten Krimi!
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