Technologie und Glaube Fürchtet euch nicht!

Was haben Technologie und Religion gemeinsam? Sie provozieren genauso viel Euphorie wie Ablehnung. Der Facebook-Skandal lässt viele an den Segnungen der Tech-Realität zweifeln, dabei wäre Zuversicht gefragt.

"Like"-Zeichen an der alten Facebook-Zentrale in Menlo Park
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"Like"-Zeichen an der alten Facebook-Zentrale in Menlo Park

Eine Kolumne von


Wiederauferstehung ist machbar, so heißt es. Und das ewige Leben ist für manche eine echte Option. Es ist Ostern, aber die Jünger des neuen Morgen verneigen sich nach Westen, gen Silicon Valley. Technologie ist die neue Religion.

Man kann sich einfrieren lassen und darauf warten, bis die Wissenschaft so weit ist, den Tod zu besiegen. So sehen es die Tech-Visionäre voraus, denen jedoch langsam selbst die Zeit ausgeht, bis dieser chiliastische Traum für sie Realität wird.

Oder, so ein anderer Gedanke, man kann sich und sein Gehirn downloaden, auf eine Festplatte speichern, und darauf warten, bis die Computer zu jenen "spirituellen Maschinen" geworden sind, von denen der Futurist Ray Kurzweil schon vor 20 Jahren redete und die dann das haben, was Menschen ausmacht: ein Bewusstsein.

Man lebt dann im Computer, als Computer, aber man merkt es nicht. Die Simulation ist perfekt, das Selbst täuscht sich über seine eigenen Begrenzungen hinweg und nennt es Leben - es ist das alte Problem von Leib und Seele, das René Descartes zu lösen versuchte durch den Satz "Ich denke, also bin ich". Was aber, wenn die Maschine denkt?

Die Technologie stellt, in ihrer eigenen Terminologie, ähnliche Fragen an den Menschen wie seit Jahrtausenden die Religion, die ja letztlich, Traditionshase hin oder her, auch nur eine andere Möglichkeit ist, sich eine Form von Existenz und metaphysischer Berechtigung zu schaffen, eine Art Gebrauchsanweisung für das Nichts.

Wie die Religion ist die Technologie damit dem Menschen nicht fremd, sie ist nicht von ihm getrennt, sie ist ihm eigen und von ihm geschaffen, sie ist, in vielem, sein Bild und nicht außerhalb seiner Macht. Und doch wird die Technologie, das ist der inhärente Widerspruch, oft als das Andere gesehen; und weil das Andere, seien es Götter, Fremde, Computer, so oft mit Angst besetzt ist, wirkt auch die Technologie für viele wie ein Fluch.

Das Problem also ist, dass etwas wie Technologie, die von Rationalität geprägt ist und von Rationalität regiert wird, einerseits selbst Irrationalität produziert, etwa bei den Jüngern der "Singularity", jenem Moment, an dem die Maschinen den Menschen ebenbürtig werden und ihn in seinem metaphysischen Alleinvertretungsanspruch ablösen. Andererseits ist die Reaktion auf Technologie genauso oft von Irrationalität geprägt ist.

Die Angst wird zum Verbindenden - und zum Problem

Das ist die Verwandtschaft von Technologie, Religion, dem Fremden überhaupt: dass sie Angst und Irrationalität produzieren, obwohl sie das Eigene sind. Und in dieser so angespannten und aufgeladenen Zeit, die wir gerade erleben, überlagern, verstärken, potenzieren sich nun diese Kräfte: Die Angst ist das, auf was sich viele Menschen einigen können, sie ist das Verbindende und zugleich das Problem.

Denn Angst trennt die Menschen von der Wirklichkeit. Angst ist, in Form von Islamophobie, übersteigertem Nationalismus oder stumpfer Technikfeindlichkeit, das Material, aus dem der Hass erwächst, die Aggression gegen das Andere, die Spaltung der Gesellschaft, von der so oft geredet wird. Deren eigentliche Ursache ist zumeist nicht das Andere, als abstrakte Größe, sondern sehr reale gesellschaftliche und wirtschaftliche Faktoren wie Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Armut.

Die neue Technologie - also Künstliche Intelligenz, Algorithmen, Big Data - ist, wie jede Technologie - in den Worten des amerikanischen Historikers Melvin Kranzberg - weder gut oder schlecht und auch nicht neutral. Sie ist aber immer auch ein Mittel, den Fortschritt so zu gestalten, dass er den Menschen dient. Diese Technologie zu verdammen und mit einem pauschalen Verdacht zu belegen, das ist so ziemlich das Dümmste und Gefährlichste, was man in einer globalen Krisensituation machen kann.

Wir lernen, als Spezies, Bürger, Konsumenten, gerade gemeinsam, was diese neue Technologie wirklich bedeutet: soziale Netzwerke, künstliche Intelligenz, Krypto-Währungen, die verborgenen Formeln hinter den Webseiten, die wir besuchen, Algorithmen, die Macht der Daten, das Denken der Digitalisierung, die Digitalisierung des Kapitalismus, die Vermarktung all dessen, was wir sind und denken. Eine Umkehrung von Descartes also, dessen Frage nach der Realität mit dem Denken seine Antwort fand. Heute schafft das Denken, das Reden, das Sich-Bewegen im Netz, das Kaufen, das Lesen, das digitale Sein eine Realität, die vollständig kontrollierbar erscheint.

Es ist irrsinnig kompliziert

Es ist irrsinnig kompliziert, und jeder, der etwas anderes sagt, ist entweder schon von der Maschine überrollt oder hat keine Ahnung. Aber gerade weil es so kompliziert ist, ist die Versuchung groß, einfache Antworten zu finden. Speziell in Deutschland, so scheint es, haben die meisten Menschen erst spät verstanden oder zu verstehen versucht, was die digitale Realität ist. Sie haben also die Phase der Neugier, des Optimismus, der schieren Möglichkeiten übersprungen und sind gleich im Skeptizismus und in der Ablehnung gelandet.

Ereignisse wie der Facebook-Skandal machen es solchen Menschen leicht, sich in ihrem Pessimismus heimisch zu fühlen. Dabei wäre kenntnisreiche, konstruktive Kritik an der Technologie im Moment elementar wichtig, um genau aus dieser ängstlichen Defensive wieder herauszufinden. Denn die Technologie wird nicht verschwinden, im Gegenteil.

Das digitale Dilemma des Augenblicks ist also ein doppeltes: Auf der einen Seite die übersteigerte Tech-Verzückung im Silicon Valley, die sich durch eine Mischung aus Brillanz, Naivität und Überheblichkeit auszeichnet - und auf der anderen Seite die übersteigerte Tech-Verteufelung, die sich durch eine Mischung aus Unwissenheit, Fatalismus und Ressentiment auszeichnet.

Dazwischen aber muss ein Weg sein für ein anderes, emanzipatorisches Nachdenken über Technologie - denn eine rationale, progressive Politik lässt sich nur mit und nicht gegen Technologie erreichen. Es ist die Facebook-Falle, dass es nun so scheint, als könne es anders sein.

Die Technologie aber schafft sich ihre gesellschaftlichen Bedingungen, die Umbrüche und Revolutionen, die ihr eigenen sind. Das ist eine Lehre aus der Geschichte. Darin liegt sowohl Gefahr als auch Chance, weil sich durch Technologie das Menschenbild neu definieren lässt. Die letzte, ähnlich markante Verschiebung dieser Koordinaten gab es vor etwa 500 Jahren, es war ein Kampf zwischen Religion und Rationalität um die Stellung des Menschen.

Damals wie heute war die Rede von einer Renaissance: eine andere als die christliche Version der Wiederauferstehung, eine technikgetriebene, humanistische Vision von Wiedergeburt.

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Theodor 02.04.2018
1. Gut geschrieben - aber leider zu schwarz-weiss
Die Geschichte lehrt viel, aber damit Lehren aus ihr gezogen werden können, müssen die Unterschiede auch klar benannt werden. Der Artikel beschreibt die Zusammenhänge treffend, aber er vergisst, dass die Geschwindigkeit der Veränderung eine völlig andere ist, als die in der Geschichte und dass der Träger der Motivation des Veränderns heute der wirtschaftliche Nutzen einer Idee gepaart mit Kapital ist und nicht im Vordergrund die Verbesserung der Lebenslage oder der Glaube an diese u.a. der Menschen steht. Im Gegenteil: Die Wandlung hin zur digitalen Gesellschaft lässt die Möglichkeit äusserst real erscheinen, dass mittels technischen Fortschritt vielen Mnschen die Möglichkeit genommen wird sich zukünftig ihre Lebensgrundlage selbst zu erarbeiten und dies in direkter Folge zu den Erfahrungen aus der Globalisierung der Wirtschaft, bei dem viele Menschen genau dies prägend miterleben mussten. Mitentscheidend für die erfolgreiche Veränderung ist demnach nicht nur der Zeitpunkt selbst, sondern auch die Zeitspanne die der Veränderung voraus geht und die Symbolik oder Symbolfigur und deren Glaubwürdigkeit, die sie begleitet. Richtig ist, technische Entwicklung lässt sich auf Dauer nicht aufhalten, aber deren nachhaltig Wirkung auf unsere Gesellschaft und deren Gestaltungsformen muss frühzeitig untersucht, vorausgesagt und kommuniziert werden, den nur so kann nachteiligen Entwicklungen entgegen getreten und Angst reduziert werden. So lange aber der Antrieb des technischen Fortschritts nur der wirtschaftliche Nutzen der Idee gepaart mit Kapital für deren Durchsetzung am Markt ist, wird dieser weiterhin unsere Gesellschaft spalten und die Möglichkeit eröffnen diese zu zerstören.
yksas 02.04.2018
2. Die Unterschiede sind die Rechte
Keiner käme auf die Idee, das Computer oder Informationen Rechte haben. Gott dagegen werden Rechte zugeschrieben und mit ihnen werden sogar Gesetze unsinniger Weise begründet. Das Leben sei von Gott gegeben, das dürfe der Mensch, der nur Pächter im Körper sei nicht nehmen (Sterbehilfegesetz) Beschneidungsgesetz ruht auf dem angeblichen Bund zwischen Gott und Mensch, den keiner stören dürfe, dafür sei es auch ok die Kinder zu verstümmeln, sic. Wenn AKWs detonieren werden sie zugemacht. ( Wenn die Vernunft regiert) Für Übel halte ich es wenn wie im Text religiös definierte Worte gebraucht werden in denen schon die falsche Weltanschauung drin steckt. Das ist der Fall beim Wort "segen". Klar kann das bedeuten einen gut gemeinten Wunsch aussprechen, da stellt sich aber gleich die frage, nutzt das was oder sind wir hier bei Voodo? Geht es bei Segen ums verspritzen von Wasser oder doch mehr um das gleichzeitigeheben von Händen? Ohne die Behauptung der Existenz von Gott und der Zuschreibung von Einfluss ist der inhalt null. Rechner werden programmiert, können aber wenn wir Menschen es wollen ohne Umweg verändert werden. Und selbst wenn wir es fertigbringen daß die Dinger das alleine tun passiert des ausschließlich wegen uns und hoffentlich unter Beachtung der Menschenrechte.
magiclite 02.04.2018
3. Digitale Erlösung!?
Erlösung und ewiges Leben erreichen wir nur, wenn wir das Opfer unseres Herrn Jesus Christus annehmen. Leider ist Herr Diez in seiner Kolumne einem Irrglauben erlegen, wenn er all seine Hoffnung in Wissenschaft und Technik legt. An Ostern dürfen wir die Hoffnung feiern, dass mit dem fleischlichen Tod ein Leben in Herrlichkeit beginnt. Das Ticket hierfür ist völlig kostenlos, wir müssen nur das Evangelium unseres Herrn in unserem Herzen annehmen.
erla974 02.04.2018
4. Religion Technik ?
Der Vergleich scheint mir schlecht gewählt, denn Religion und Technik haben sicherlich einiges von dem gemein, was dieser zwaghaft kohärenzsuchende Artikel angibt, sind aber nicht gleichzusetzen, das sie untetschiedliche Ziele verfolgen. Zudem wird Technik eben als ein Phänomen dargestellt, das eben so ist, Digitalisierung des Kapitalismus gehört zur Technik dazu wie das Kreuz zum Christentum. Das ist etwas unkritisch. Hier liegt nämlich das eigentliche Problem: Gewinnmachen durch Technik. Hinzu kommt die Geschwindigkeit der Entwicklung, die keine Zeit lässt über eventuelle Gefahren nachzudenken oder gar zu testen. Der Staat, die Politik wie der Artikel sagt (obwohl das nicht dasselbe ist), sollte seine grundlegenste Aifgabe wieder wahrnehmen, nämlich das Volk zu schützen, dafür gibt das Volk ja theoretisch seine Souveränität an den Staat ab, das ist der Deal. Der Staat schützt aber die Industrie und deren Gewinne mehr. Deshalb haben alle Recht, die Angst haben, allerdings muss man nicht vor der Technik Angst haben, sondern vir unseren verantwoetungslisen Politikern. Der Artikel verschleiert das mit recht absurde kobstruierten Argumenten und Behauptungen. Mehr Kontrolle, könnte die Angst vor der Technik nehmen.
dirk1962 02.04.2018
5. Richtig Herr Diez
was mir in der ganzen Diskussion fehlt ist die klare Abgrenzung zwischen Fiktion und Realität. Auf absehbare Zeit wird es weder denkende, noch Lernende Maschinen geben, wie der Spiegel vor Kurzem plausibel dargestellt hat. Nicht einmal das vielgepriesene selbstfahrende Auto wird es geben die nächsten Jahre. Industrie 4.0 kommt außer auf Konzernebene nicht über Ankündigungen hinaus. Bleiben wir in der Realität, dann reduziert sich unser Problem im Wesentlichen auf den Datenschutz und das wäre politisch lösbar, wenn unsere Politiker den Sprung über naive Sprechblasen hinaus schaffen würden.
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