"Teenager außer Kontrolle" bei RTL Therapie? Prärie!

Wenn RTL sechs Problemkids in ein Erziehungscamp im Wilden Westen schickt, ist Schlimmes zu befürchten. Doch die siebenteilige Reihe mit dem reißerischen Titel "Teenager außer Kontrolle" lässt den Zuschauer aus Anteilnahme, nicht aus Voyeurismus dranbleiben.


"Das Wichtigste daran ist, dass hier deine Persönlichkeit scheinen kann, da brauchste nicht mit Schmuck zu scheinen", erklärt die deutsch-amerikanische Therapeutin Annegret Noble, 36, der 17-jährigen Ausreißerin und Trinkerin Vanessa, während sie ihr die Habseligkeiten abnimmt. "Aber die Piercings darf ich schon drin lassen?", entgegnet das Mädchen. Nein, darf sie nicht. Zum Konzept des Erziehungscamps "Turn-About Ranch" im US-Bundesstaat Utah gehört es, dass die zur Behandlung eingetroffenen Problemkinder alle persönlichen Dinge abgeben, "mit gar nichts anfangen und sich alles verdienen müssen" (Noble).

In Therapiephase eins beziehen die Jugendlichen Einzelzelte in der Wüste, um die herum sie Steinkreise anlegen, die sie nicht verlassen dürfen. Auch reden ist zunächst verboten – stattdessen sollen die Patienten schreibend eine Zwischenbilanz ihres Lebens ziehen. Nur wer das erfolgreich meistert, steigt in Level zwei auf und zieht - zu besseren Bedingungen - direkt auf die Ranch.

Bereits seit zehn Jahren versucht die Therapieeinrichtung, die zur Aspen Education Group gehört, mit solcher "outdoor education" vorwiegend amerikanische "troubled teenagers" auf den rechten Weg zurückzuführen – angeblich beträgt die Erfolgsquote 80 Prozent. Rebellin Vanessa ist Teil der ersten deutschen Gruppe, die das Programm durchläuft. Zusammen mit der 16-jährigen Punkerin Gina, dem 17-jährigen Dauerkiffer Simon, dem 14-jährigen Mutterhasser Daniel, dem 15-jährigen Randalierer Gerrit und dem 17-jährigen Möchtegern-Gangster Marvin hat sie den Oktober und November vergangenen Jahres in Cowboy-Country verbracht. Hinter dem Projekt steht der Sender RTL, der nach dem Vorbild der sowohl Emmy-gekrönten als auch heftig umstrittenen britischen Serie "Brat Camp" die Jugendlichen mit der Kamera begleitet hat. "Teenager außer Kontrolle – Letzter Ausweg Wilder Westen" heißt die so entstandene siebenteilige Doku-Soap, die ab heute mittwochs um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird.

Quotenträchtiges Edutainment

Dafür, dass an polarisierenden Erziehungsformaten im deutschen Fernsehen kein Mangel herrscht, ist also weiterhin gesorgt: Kaum ist in der ARD die "Bräuteschule" vorbei und auf RTL II "Das Erziehungscamp" um die hessische Jugendhilfeeinrichtung von Lothar Kannenberg zu Ende gegangen, schon läutet der große Bruder RTL, bekanntlich auch Auftraggeber der "Super-Nanny" Katharina Saalfrank, die nächste Runde des quotenträchtigen Edutainments ein. Vorbehalte gegen das Genre sind begründet, und auf den ersten Blick scheinen sie auch hier berechtigt: Wenn der Off-Kommentator, begleitet von peitschender Punk-Musik, Stakkato-Sätze spricht wie "Alkohol und Drogen im Exzess. Das Leben als Dauerparty. Alltag in deutschen Kinderzimmern" und dazu flotte Clips das bisherige Sündenregister der Problemkids visualisieren, liegt der Verdacht nahe, dass hier das Leid Gebeutelter zur Schau gestellt und zur Unterhaltung des Zuschauers ausgebeutet werden soll.

Doch im Verlauf der ersten beiden Folgen erweisen sich solche Befürchtungen als überzogen. Jenseits der Debatte, ob derartige Therapiekonzepte wirklich ein Patentrezept darstellen, muss man fairerweise festhalten, dass es sich bei der "Turn-about Ranch" nicht um eines jener berüchtigten Bootcamps handelt, in denen vor allem militärischer Drill exerziert wird. Das Schmuckablegen, Im-Steinkreis-Sitzen und Schweigen der ersten Therapiephase mag eine durchaus harte Maßnahme sein – es als systematisches Brechen der Persönlichkeit zu bezeichnen wäre jedoch zu hoch gegriffen. Cheftherapeutin Noble präsentiert sich zwar als resolute Person mit konsequenten Ansagen – im Gegensatz zu einem bekannten Hamburger Pöbel-Produzenten aus einem anderen RTL-Format behandelt sie ihre minderjährige Klientel jedoch nie mit Verbalinjurien.

Geschickt gecastet

Dem Konzept, die Jugendlichen in der Natur an Regeln und Respekt zu gewöhnen, lässt sich überdies eine gewisse Schlüssigkeit nicht absprechen: Nicht nur wirkt der Umstand, dass die Zivilisation vier Tagesmärsche entfernt ist, nachvollziehbar disziplinierend, auch die Urgewalt von Regenstürmen, die die Zelte wegzuwehen drohen, verdeutlicht plausibel die Notwendigkeit von Eigeninitiative, Zusammenhalt und Verantwortung.

Erfreulicherweise korrespondiert – trotz der sehr amerikanisch-populären Machart – insgesamt auch die Fernseh-Aufbereitung mit diesem Niveau: Die offenbar mit viel Geschick gecasteten Jugendlichen werden in ihren Problemlagen authentisch-drastisch dargestellt, ohne sie zu kleinen Monstern zu verzerren. Genauso wie ihre in die Therapie mit einbezogenen Eltern zwar rat-, aber nicht würdelos gezeigt werden. Zwischen den – mit Songs von Calexico über Johnny Cash bis Jan Delay stimmungsvoll unterlegten – Szenen im Erziehungscamp kommen sie in der Heimat zu Wort, schreiben ihren Sprösslingen Briefe, die dann in Utah diskutiert werden. Ob Gina sich unter Tränen von ihrer Halskette trennt oder Marvin von den Zeilen seiner Mutter betroffen ist ("Hallo, mein Süßer, ich sag dir ganz ehrlich: Noch vermiss ich dich nicht") – all das führt dazu, dass man als Zuschauer aus Anteilnahme dranbleibt – und nicht etwa, um der Züchtigung renitenter Bälger beizuwohnen.

Wie es letztlich ausgegangen ist für die sechs Teilnehmer, denen RTL den Kurs bezahlt hat, wird dann in sechs Wochen zu sehen sein: In der gerade im Dreh befindlichen Abschlussfolge wird nachgeschaut, wie sich die Jugendlichen nach zwei Monaten Wildnis wieder in ihr heimisches Umfeld eingefügt haben.


Teenager außer Kontrolle – Letzter Ausweg Wilder Westen:
(7 Folgen à 60 Minuten, 20.15 Uhr, RTL)



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