Teenager-Forscher Savage "Was Jugendliche anhäufen, ist bizarr"

Seit wann gibt es Teenager? Die Jugend als eigenständiger Lebensabschnitt ist weniger ein biologisches als ein kulturelles Phänomen, behauptet Jon Savage. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Kulturwissenschaftler über Teenies, Goethe und letzte revolutionäre Elemente.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Savage, Sie haben ein umfangreiches Buch über die Erfindung des Teenagers geschrieben, das bereits 1945 endet. Galten bislang nicht die fünfziger Jahre, Rock’n’Roll und Elvis als Anfang der Teenage-Kultur?

Savage: Das wird immer wieder behauptet, aber es ist falsch, wie ich in meinem Buch nachweise. Die Kultur gab es schon lange vorher, nur der Begriff "Teenager" wurde 1944 von Marketingprofis etabliert, als neue Definition eines Lebensabschnittes junger Menschen zwischen 14 und 18 Jahren. Erstmals wurden sie als attraktive wirtschaftliche Zielgruppe wahrgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man denn einen ganzen Lebensabschnitt quasi neu erfinden?

Savage: Nun, es stellte sich die Erkenntnis ein, dass die Jahre der sogenannten Adoleszenz, zwischen Kindheit und Erwachsensein, als eigenständige, sehr spezielle, aufregende und anstrengende Phase des Lebens zu betrachten sind. Diese Zeit, in der man eine Welt begreifen will, die einen nicht zu verstehen scheint. Im September 1944 kam in Amerika "17" auf den Markt, das erste Magazin nur für Teenager. Und dann war da noch Frank Sinatra, dessen unglaubliche Popularität Zehntausende Mädchen bei seinen Auftritten durchdrehen ließ. Sinatra war der erste Superstar der Teenager und eben nicht Elvis Presley.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Teenager demnach per Definition ein amerikanisches Modell, sind wir also eigentlich alle Amerikaner?

Savage: Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte im alten Europa eine gewaltige Leere. Eine Art Vakuum, das dann von der neuen Supermacht Amerika gefüllt wurde, unter anderem mit seiner frischen Definition von Jugend: dem Teenager. Und seinen Status als Weltmacht hat Amerika bis in dieses Jahrtausend behauptet. Überlegen Sie mal, warum Sie hier in Jeans und Sportschuhen vor einer Coca Cola sitzen!

SPIEGEL ONLINE: Sie beginnen Ihre Geschichte 1875 in Amerika. Sie hätten auch 100 Jahre früher beginnen können, mit Goethes "Die Leiden des jungen Werther". Gilt der nicht auch als prägender Teenager?

Savage: Mit dem "Werther" hätte ich natürlich beginnen können, ein phantastisches Buch und sehr modern, das sich liest wie Texte des britischen Popmusikers Morrissey! Ich wollte aber im jungen Amerika von 1875 anfangen, einer aufstrebenden Nation kurz vor dem nächsten Jahrhundert. Ich habe dazu auch die Entwicklung der Jugendbewegungen in Europa betrachtet, den deutschen "Wandervögeln", den amerikanischen "Boy Scouts" oder den französischen "Zazous", alles Wegbereiter für den Teenager.

SPIEGEL ONLINE: Unterschied sich der Umgang mit der Jugend im jungen Amerika vom alten Europa?

Savage: Die Idee von Jugend war um die Jahrhundertwende in Amerika tatsächlich eine andere als in Europa. In England und natürlich Deutschland rüstete man sich für Kriege. In Amerika war das alles nicht so strikt, es entstand eine neue Musik namens Jazz, die dann ja auch in Europa viel Anklang fand.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch auch die Hitler-Jugend. Ist zu erklären, warum jemand am Anfang des Nationalsozialismus freiwillig der HJ beitrat?

Savage: Das ist für mich eigentlich jenseits aller Erklärungen. Aber die Hitler-Jugend war tatsächlich sehr clever organisiert. Eine Jugendorganisation, die von Jugendlichen geführt wurde. Das hat sofort etwas Rebellisches, einen Anflug von vermeintlichem Anti-Obrigkeitsgeist. Dass das eigentlich ausschließlich als Kriegsdrill-Maschinerie funktionierte, ging lange nur wenigen auf.

SPIEGEL ONLINE: Bob Dylan hat gesagt, dass die Atombomben seine Generation maßgeblich geprägt hätten. Glauben Sie das auch?

Savage: Auf jeden Fall. Nie zuvor in der Geschichte gab es eine so geballte Zerstörungskraft. Das verunsicherte die Menschheit so sehr, dass alle gleichsam wieder zu Teenagern wurden. Man sagte sich: Wenn uns die Welt morgen um die Ohren fliegt, sollten wir zumindest die Gegenwart noch mal in vollen Zügen genießen. Mit dieser Haltung bin zumindest ich in den fünfziger Jahren aufgewachsen. Damals wurden am laufenden Band irgendwo Atombomben gezündet.

SPIEGEL ONLINE: Wo und wogegen lehnen sich Teenager eigentlich heute noch auf? Toben sie sich im Internet aus, oder ist Shopping auch Rebellion?

Savage: Wir leben in der Tat in einem Zeitalter des Hyper-Kapitalismus. Was heutzutage in der westlichen Kultur von Jugendlichen alles angehäuft wird, ist bizarr. Ich glaube aber nicht, dass Popkultur heute noch Rebellionen stiften kann. Das revolutionäre Element findet man heute höchstens bei den jungen Selbstmordattentätern. Konsequentes Vorgehen gegen eine fremde Welt, die sie nicht verstehen, treibt da manche jungen Menschen in den Tod. Das ist natürlich alles sehr komplex, aber ich bin sicher, dass die Teenager-Phase auch eine Rolle spielt.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sorgten aggressive, gewaltbereite Teenager zuletzt für erhitzte Debatten. In den Medien wurde flugs wieder über den bedrohlichen Einfluss von Computerspielen und Internet spekuliert. Ihr Buch beginnt mit den Bekenntnissen eines jugendlichen Massenmörders, es folgen Geschichten von Gewaltausbrüchen durch die Jahrzehnte. Sind gefährliche Teenager ein altbekanntes Phänomen?

Savage: Ich wollte Teenager in einen gesellschaftshistorischen Zusammenhang stellen, der vieles von dem relativiert, was heutzutage passiert. Erwachsene tendieren dazu, die Jugend zu überanalysieren. Sie wird entweder verherrlicht oder dämonisiert; beides ist falsch. Jugend ist mal gut, mal schlecht, so wie alles im Leben, aber sie reflektiert sehr präzise den Zustand einer Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten, dass Jugend kein Alter, sondern ein Bewusstseinszustand sei. Dazu passen all die Pensionäre, die man in Jeans, Turnschuhen und mit iPod-Kopfhörern im Ohr sieht. Ist das Konzept des "Erwachsenseins" überholt?

Savage: Es sieht manchmal so aus, aber natürlich ist es nicht so. Erwachsensein heißt, Verantwortung zu übernehmen, daran hat sich nichts geändert. Neu ist aber der Umgang der Generationen miteinander. Ich bin 55, und die entspannte Art, wie meine gleichaltrigen Freunde mit ihren Kindern kommunizieren, unterscheidet sich drastisch vom Umgang, den ich mit meinen Eltern hatte. Außerdem muss man, auch wenn man mit fünfzig noch Jeans und Sneaker trägt, irgendwann aufhören, sich wie ein Teenager aufzuführen. Das diktiert schon der eigene Körper.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie eigentlich gerne Teenager?

Savage: Nein! Den überwiegenden Teil dieser Jahre verbrachte ich als Stubenhocker mit Büchern und Musik. Der Spaß am Leben kam später.

Das Interview führte Christoph Dallach


Jon Savage: "Teenage - Die Erfindung der Jugend". Campus-Verlag, Frankfurt. 525 Seiten; 29,90 Euro.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Jokuhuna, 16.11.2008
1. Super
Ich hab das Buch nicht gelesen, aber im interview hört sich das alles nach Gejabbel und Binsenweisheiten an.
Nov 16.11.2008
2. .
Zitat von JokuhunaIch hab das Buch nicht gelesen, aber im interview hört sich das alles nach Gejabbel und Binsenweisheiten an.
Jopp. Zitat: >>SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch auch die Hitler-Jugend. Ist zu erklären, warum jemand am Anfang des Nationalsozialismus freiwillig der HJ beitrat? Savage: Das ist für mich eigentlich jenseits aller Erklärungen.
DJ Doena 16.11.2008
3. Hj
Zitat von NovJopp. Zitat: >>SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch auch die Hitler-Jugend. Ist zu erklären, warum jemand am Anfang des Nationalsozialismus freiwillig der HJ beitrat? Savage: Das ist für mich eigentlich jenseits aller Erklärungen.
[QUOTE=Nov;2985751]Zitat: >>SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch auch die Hitler-Jugend. Ist zu erklären, warum jemand am Anfang des Nationalsozialismus freiwillig der HJ beitrat? Savage: Das ist für mich eigentlich jenseits aller Erklärungen.
Well-educated Gigolo, 16.11.2008
4. N'importe qui
Man kann auch noch mit 35 Teenager sein: http://nimportequi.com/videos.php
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