Telefon-Abzock-Skandal Britischen TV-Sendern drohen Millionenstrafen

Der TV-Skandal um fragwürdige Telefonquiz-Angebote im britischen Fernsehen weitet sich aus. ITV stellte den Sendebetrieb seines Quizkanals ein, doch jetzt gerät auch die BBC in den Fokus der Aufsichtsbehörde Ofcom: Den britischen Sendern drohen Millionenstrafen.

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In Zeiten kärglicher Werbeumsätze sind Telefonaktionen eine tolle Methode für TV-Sender, mit wenig Aufwand satt Geld zu verdienen. Interaktive Formate mit Telefonanbindungen oder Internet-Mitwirkungen liegen auch beim Zuschauer im Trend. Dass es dabei nicht immer mit rechten Dingen zugeht, ahnt so mancher.

Ausgelacht: Bei ITV-Plays "Quizmania" sorgten Sturmhauben und Steckdosen in Damenhandtaschen für profitträchtig wenige Gewinner

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Denn neben TEDs und anderen zumindest seriös daherkommenden Mitwirkungsmöglichkeiten häufen sich die Formate, bei denen es offensichtlich nur noch um kostenpflichtige Interaktion geht, die das Programm quasi ersetzt.

Grenzdebile Quizformate sind ein weltweiter Trend. Die meisten beruhen auf zwei bescheidenen Strickmustern: Entweder sie basieren auf Fragen, für deren Beantwortung es der intellektuellen Kapazität eines "triebgesteuerten Trilobiten" bedarf, wie ein Forumsteilnehmer bei Programmbeschwerde.de treffend formulierte, oder aber um vermeintlich einfache, aber so schlecht formulierte Fragen, dass eine Antwort schier unmöglich ist.

Geld machen die Sender durch die Masse der Anrufer - aber auch dadurch, dass die erst gar nicht durchgestellt werden. Echter Betrug ist es dagegen, wenn Quizshows einen Live-Charakter vorgeben, obwohl es sich um Aufzeichnungen handelt. Die in der Show präsentierten Gewinner gehören dann mitunter zum Produktionsteam - oder existieren gar nicht.

"Tausende, möglicherweise Millionen von TV-Zuschauern sind hinters Licht geführt worden"
Ed Richards, Chef der britischen Medienaufsicht Ofcom

Genau mit solchen Tricks fielen in den letzten Monaten die meisten britischen Sender auf und darum auf die Nase: Die Medienaufsichtsbehörde Ofcom ermittelt unter anderem gegen ITV, Channel 4, Channel Five und nun auch gegen die BBC. Anders als in Deutschland führte die Diskussion um die Schwachsinns-Quizze nun zu ersten Konsequenzen. Mitte letzter Woche stellte ITV den regulären Sendebetrieb seines Quizkanals ITV Play ein.

Der Privatsender sah sich gezwungen, zu einigen der beliebtesten Abzock-Tricks der TV-Quiz-Szene Stellung zu beziehen. Dazu gehörten systematisch überhöhte Abrechnungen von Telefonanrufen und diverse Tricksereien, um Gewinne zu verhindern. Dass sich dabei ITV-Boss Michael Grade am Dienstag letzter Woche erblödete, eine mathematisch falsche Antwort als "in der großen Tradition kryptischer Fragen" stehend zu rechtfertigen, schlug Wellen bis ins britische Parlament.

Als besonderes Highlight bemängelt die Medienaufsicht Ofcom die phantasievolle Fragekonzeption eines anderen ITV-Play-Quiz: Da sollten die Zuschauer den Inhalt einer Damenhandtasche erraten. Dass dort dann Steckdoseneinsätze aus dem Baumarkt zum Vorschein kamen sowie eine Sturmhaube für Motorradfahrer, werteten die Medienwächter als "bizarr". Deutsche TV-Zuschauer fühlen sich vielleicht an Quizsendungen erinnert, bei denen nach Wortzusammensetzungen gesucht wird, die mitunter zu "kreativen Querschnittslähmungen" wie "Fußballmensch" führen, wie Oliver Kalkofe so treffend im SPIEGEL polemisierte.

Es geht aber auch anders - zum Beispiel noch platter. Beim britischen Channel Five erfanden die Macher schlicht Gewinnernamen, als in einer von einer Endemol-Tochter produzierten Show niemand auf die richtige Lösung kam. Ofcom ermittelt hier in fünf Fällen. Bei Channel 4 ratterten die Gebührenzähler noch, nachdem Quiz-Aktionen bereits beendet waren. Bei einem anderen Sender sollen Antwortvorgaben in der laufenden Sendung verändert worden sein, nachdem zu viele Zuschauer mit der richtigen Antwort anriefen.

"Für uns geht es darum, das Vertrauen wieder herzustellen. Das ist ein Weckruf für die ganze Branche. Alle Sender müssen sich sehr, sehr genau ansehen, wie wir Telefonaktionen nutzen."
Mark Thompson, Chef der BBC

Doch die Trickserei ist zumindest im britischen Fernsehen noch weiter verbreitet, als man vermutet und nicht nur auf Trash-Sender begrenzt. Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet in den letzten Wochen auch die BBC. Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass auch die auf Seriösität gebuchte alte Tante zur Telefon-Mitwirkung bei der Sendung "Saturday Kitchen" aufgerufen hatte, die in Wahrheit aus der Konserve kam: Zeitreisen bekommt aber auch die British Telecom nicht hin, selbst wenn diese nur fernmündlich stattfinden.

Anrufer und Gewinner gab es trotzdem, die Medienaufsicht Ofcom nahm die BBC in die Ermittlungen um Telefon-Abzockereien auf. Und wurde prompt fündig: Entgegen der Versicherung der BBC, es handele sich um einen Einzelfall, stießen die Medienwächter auf weitere. Auch im Kinderprogramm "Smile" wurden Zuschauer zum kostenpflichtigen Anruf aufgerufen, obwohl die Sendung Tage vorher aufgezeichnet worden war, wie am vergangenen Wochenende der "Observer" berichtete.

Beim Kinder-Kult-Klassiker "Blue Peter" dann bewiesen die TV-Macher auch live Geistesgegenwart und Kreativität: Als eine geschaltete Gewinn-Hotline nicht funktionierte, holten die Macher einen Gewinner aus dem Studiopublikum, den man über eine gesonderte Leitung live im Studio anriefen ließ. In der letzten Woche entschuldigten sich die Blue-Peter-Produzenten unter anderem damit, es sei doch um einen gemeinnützigen Zweck gegangen. BBC-Chef Mark Thompson spricht dagegen von einem "ernsthaften Versagen der Urteilsfähigkeit" der handelnden Personen.

Tatsächlich geht es zumindest bei der BBC nicht darum, den Zuschauer finanziell zu erleichtern: Der öffentlich-rechtliche Sender darf über seine Telefonaktionen gar keine Profite erwirtschaften. Das ist allerdings nicht der Grund, warum die Ermittlungen der Ofcom für die BBC glimpflicher verlaufen dürften als für die private Konkurrenz. Die BBC ist anderen gesetzlichen Regeln unterworfen, potenzielle Strafzahlungen des öffentlich-rechtlichen Senders sind auf eine Höhe von 250.000 Pfund begrenzt.

Das sieht beispielsweise bei ITV, das den Regeln für private TV-Anbieter unterworfen ist, anders aus. Die Ofcom könnte die Privatsender zu einer Strafe bis zu 5 Prozent ihres Jahresumsatzes verdonnern. Im Falle ITV wären das - bemessen am Umsatz 2006 - 110 Millionen Pfund, was rund einem Drittel des letztjährigen Gewinnes entspräche. Das Gros der 23 derzeit von der Ofcom untersuchten Beschwerden betrifft ITV.

Der Privatsender gibt an, dass der "größte Teil des Umsatzes" seines Quiz-Kanals von 54 Millionen Pfund im letzten Jahr mittels Telefonaktionen verdient wurde. Keine ungewöhnliche Summe: Bereits im ersten Halbjahr 2006 steuerte etwa 9Live fast 50 Millionen Euro zur ProSieben.Sat1-Bilanz zu.

Da wundert es kaum, dass der Sender fleißig expandiert. Derzeit, berichtete kürzlich das Werber-Fachblatt "w+v", baue 9Live russische und griechische Redaktionen auf. Anfang des Jahres machte die Sendergruppe 9Live zum Sender-übergreifenden interaktiven Dienstleister. Das, kommentierte Stefan Niggemeyer in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", sei "ungefähr so, als würde ein großes Kaufhaus erklären, dass für die Abwicklung der Kundengeschäfte in Zukunft die örtliche Hütchenspieler-Mafia zuständig sei". Auf dem "sogenannten Quizsender 9Live" falle kaum ein Satz, der nicht dazu diene, die Zuschauer über Chancen und Kosten, Risiken und Spielregeln in die Irre zu führen.

Angesichts des finsteren Renomées solcher Angebote kommt der britische Skandal also kaum überraschend. Sauber scheint im Moment lediglich Sky, die Senderkette des australischen Medientycoons Rupert Murdoch, der sich und seinen Sendern solche Angebote konsequent verboten hat - zumindest bisher.

"Das derzeitige Aufsichtsystem schafft seine Aufgabe nicht."
Hugo Swire, Medienpolitischer Sprecher der Torys

Wie hoch auch immer die Strafen am Ende ausfallen, der Telefon-Skandal dürfte zumindest zu neuen, strikten Auflagen für die TV-Sender führen. Zu den bisher 23 Fällen, in denen die Ofcom ermittelt, kommen noch 15 Ermittlungen der Telefonaufsicht Icstis, die in Großbritannien so genannte Mehrwert- und Premiumdienste überwacht.

Auch die Diskussion darüber, ob das künftig noch in freiwilliger Selbstkontrolle der Telekommunikationsindustrie geschehen kann, hat nun begonnen - ein Schwarzer-Peter-Spiel, denn auch die Ofcom steht unter scharfer Kritik: Beschwerden wegen dubioser Methoden bei TV-Quiz-Sendungen hatte es seit Jahren gegeben, ohne dass viel passiert wäre.

Ganz wie zu Hause, mit dem Unterschied, dass es hier noch keine wirklich erfolgreichen Beschwerden gegen solche TV-Formate gegeben hat. Dabei mangelt es durchaus nicht an Masse: In Foren wie Call-in-tv.de kann man sich akribisch gesammelt ansehen, wie oft da wer jede Woche sündigt - und gewinnt, denn wer bei deutschen TV-Trash-Quizes fleißig mitmacht, gewinnt offenbar auch gern in Serie. Ob sich bald einmal jemand findet, diesen beeindruckenden Glücksfällen nachzugehen?



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