Telekom-Talk O-Wort-Tabu bei Illner

Maybrit Illner hat die Spitzelaffäre bei der Telekom zum Thema ihrer TV-Plauschstunde gemacht - obwohl sie mit Telekom-Chef Obermann liiert ist. Der Name ihres Lebensgefährten fiel denn auch kein einziges Mal.

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Inwieweit kann die Journalistin Illner ihre private Beziehung zu René Obermann beiseite schieben? Diese Frage war viel interessanter als das eigentliche Thema der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" am Donnerstagabend, das da lautete: "Deutschland einig Spitzelland. Wer stoppt die Datendiebe?"

Promipaar Obermann, Illner (Archivbild): Im ZDF wurde heftig diskutiert, ob sie ihn wirklich befragen kann
DDP

Promipaar Obermann, Illner (Archivbild): Im ZDF wurde heftig diskutiert, ob sie ihn wirklich befragen kann

Letzteres wurde gar nicht erst beantwortet in 60 Minuten einmütiger Betroffenheitsbekundung aller Gäste darüber, wie "dummdreist", "dämlich", "abenteuerlich", "unverschämt", "skandalös" und "paranoid" die Telekom sich verhalten habe, als sie Telefonverbindungsdaten von Journalisten und Aufsichtsräten ausspionierte. Und als sie womöglich einen "Maulwurf" in eine Redaktion eingeschleuste, vielleicht sogar die Bundesnetzagentur bespitzeln wollte und sich nun Millionen von Kunden sicher fragen, ob man diesem Laden überhaupt noch vertrauen kann.

Ahnen wir doch längst.

Auch die Debatte über die Rolle des überwachungssüchtigen Staates, der dem Bundeskriminalamt diverse Inquisitionsinstrumente an die Hand geben, künftig in allen Ausweisen Fingerabdrücke speichern und die gesamte Krankengeschichte eines Menschen auf einen Chip bannen will, spielte bei Illner nur eine untergeordnete Rolle.

Als Hans Leyendecker, Rechercheur bei der "Süddeutschen Zeitung" (SZ), auf Razzien in der Redaktion des Magazins "Cicero" wegen angeblicher Beihilfe zum Geheimnisverrat hinwies und schlussfolgerte, nicht nur Unternehmen, sondern auch der Staat sei paranoid, reagierte Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU), eben noch zutiefst empört über die Schnüffeleien der Telekom, allergisch: Es sei doch ein "legitimes Ansinnen" des Staates, ein Informationsleck zu stopfen.

Offensichtlich hatte er verdrängt, dass das Bundesverfassungsgericht die Durchsuchung der Redaktionsräume im Februar für verfassungswidrig erklärt hatte. Und wollte nicht auch die Telekom ihr "legitimes Ansinnen", ein Informationsleck aufzuspüren, mit illegitimen Mitteln durchdrücken?

Ach, die Telekom! Der Telekommunikationskonzern spielte in der Sendung von Maybrit Illner die Hauptrolle, obwohl im ZDF vorher noch lang und breit darüber diskutiert worden war, ob man das denn machen könne und wie man angesichts der privaten Beziehungen der Moderatorin zur Telekom mit diesem Thema umgehen solle. Frau Illner könne doch unmöglich Herrn Obermann befragen.

Also sollte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender einspringen - in eine Sendung mit dem Titel "Was nun, Herr Obermann?"

Aber Obermann wollte nicht. Weder bei Brender noch beim ARD-Talker Frank Plasberg, schon gar nicht bei Illner.

"Mehr als die Hälfte der Fragen müsste Herr Obermann derzeit mit den Aussagen 'Das weiß ich leider nicht, wir prüfen das' und 'Dazu kann ich wegen der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nichts sagen' beantworten", erklärte Telekom-Sprecher Philipp Schindera SPIEGEL ONLINE. "Die Zuschauer würden sich fragen: Wozu kommt der dann in die Sendung? Aus diesem Grund wird Herr Obermann vorerst nicht an solchen Formaten teilnehmen."

So saß Illner ohne irgendeinen Vertreter aus der Telekom-Konzernspitze in einer Sendung über die Telekom-Affäre und fragte stattdessen Leute wie, immerhin, Telekom-Aufsichtsratsvize Lothar Schröder, einen der möglicherweise Bespitzelten, oder die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), warum die Telekom solche Spitzeleien überhaupt in Auftrag gegeben habe.

Ja, warum nur?

Von "schlechter Unternehmenskultur" war die Rede, davon, dass Manager mit Geltungssucht und in Feldherrenattitüde Krieg gegen die Öffentlichkeit führen.

Schade, dass kein Telekom-Manager da war, der das vielleicht genauer hätte erklären können, sondern nur Hans Sturhan, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Detektive, den lediglich bedrückte, dass durch die ganze Misere der Ruf aller Detektive beschädigt werde. "Ich finde es einen Skandal, dass es keine staatliche Zugangsvoraussetzungen zum Detektivgewerbe gibt", sagte er.

Als ob durch staatlich geprüfte Detektive das Problem gelöst wäre.

Illner hakte nach, was "gewesener Vorstand", was "aktueller Vorstand" falsch gemacht hätten in der Affäre. "SZ"-Charmeur Leyendecker war Gentleman genug, den Namen Obermann nicht in den Mund zu nehmen. "Der neue Vorstand", sagte er, habe es unterlassen, sich sofort nach Kenntnisnahme von den Spitzeleien vor acht Monaten bei den betroffenen Journalisten zu entschuldigen sowie zur Staatsanwaltschaft zu gehen und den Vorfall anzuzeigen. "Es war ein gravierender Fehler zu glauben, dass man irgendwie damit durchkommt."

Illner bemühte sich, nur Journalistin und gar nicht Obermann-Partnerin zu sein. Es ist ihr so sehr gelungen, dass der Name Obermann kein einziges Mal fiel, obwohl es doch auch und vor allem um Obermann ging.

"Bild"-Kolumnist Franz-Josef Wagner hatte am Mittwoch noch versprochen, es werde "die spannendste Talkshow des Jahres: Kopf gegen Herz. Liebe oder Journalismus". Am Ende war es eine Sendung, die deutlich gemacht hat: Datenschutz spielt in Deutschland nur eine geringe Rolle. Bei den Firmen, die ihre wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Und beim Staat, der aus Angst vor Terroristen freiwillig die Freiheiten seiner Bürger verschenkt.

Mit Liebe oder Journalismus hat das nichts zu tun.



insgesamt 22 Beiträge
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kellitom, 06.06.2008
1. Alle schizo!
Bosbach brachte es auf den Punkt: "Wir sind doch alle schizo", sagte er am Ende der Sendung und alle lachten laut. Das war entlarvend, denn es zeigte wie wenig ernst Politiker und Vertreter der Wirtschaft die Abschaffung von Grundrechten nehmen. Ach, ist so ein Überwachungstaat lustig, ha,ha, ha. Diese Sendung war ein Armutszeugnis aller Beteiligten!
DoubleU, 06.06.2008
2. Irrelevanz hoch zehn
Was Illner und Obermann bzw. ein wie auch immer geartetes Tabu angeht kann es wohl kaum eine unwichtigere Thematik geben. Allerdings könnte die Bezeichnung Plauschstunde für diese stets kplt. irrelevante Sendung mit ihrer Moderatorin, die außer völlig oberflächlich und belanglos daherschwafeln - mit einer ständig begleitenden dümmlichen Lache - wirklich gar nichts kann (mit Jürgen Becker: "Da machen wir uns doch mal einen schönen Abend.") derart zutreffend, daß einem selbst Frau Christiansen sinnvoller vorkam - und das alleine will schon was heißen. Diese hatte - wenn auch selbst nie etwas peripher intelligentes oder kompetentes beizutragen - wenigstens einen klaren (Dienstleitungs)auftrag im Sinne der INSM Meinungsmache zu betreiben und den Zuschauer gezielt mit tendenziösem "Journalismus" zu befeuern. Bei Frau Illner kann man dagegen nicht mal ansatzweise erkennen was diese Clownveranstltung überhaupt für einen Zweck (und sei es nur ein zu verabscheuender wie bei Christiansen) verfolgen soll und wieso dafür Sendezeit verschwendet wird.
Cupseller 06.06.2008
3. Konzern tickt falsch
Zitat von sysopMaybrit Illner hat die Spitzelaffäre bei der Telekom zum Thema ihrer TV-Plauschstunde gemacht - obwohl sie mit Telekom-Chef Obermann liiert ist. Der Name ihres Lebensgefährten fiel denn auch kein einziges Mal. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,558021,00.html
Dass der Telekom-Konzern falsch tickt, merken wir seit Jahren an der Reaktion oder auch Nichtreaktion der frustrierten Mitarbeiter, die die ewigen Konzernumbauten, Umbenennungen, teilweise im eigenen Hause untransparenten Sonderaktionen irgendwie mittragen mussten... Allein die Tatsachen, dass Kunden an betriebsfremde Hotlines verwiesen werden, keine Bonner Telefonummern mehr sichtbar sind, keine eindeutigen Abteilungsstrukturen mehr zu erkennen waren, die Zerfledderungen und Rückführungen der Konzernteile von den eigenen Mitarbeiter nicht durchblickt oder nicht getragen werden durfte, ist ebenso ein Skandal, wie diese Spionieraffäre... Normalerweise gehört dieser Konzern vollkommen umstrukturiert und zwar ausgerichtet an den echten Kommunikationsbedürfnissen der vebliebenen Kunden und der ggf. neuen Kunden. Da wirkt auch Obermann überfordert und büßt gerade als "Wuste nix-mein Name ist Hase" Glaubwürdigkeit ein. Seine Freundin Frau Illner hat sich gut geschlagen, wie immer, aber das ist nur Randkulisse. Schade, dass sie nicht die Konzernsprecherin ist, ggf. würde man ihr eine gewisse Wahrhaftigkeit abnehmen, mal ganz abstrakt gedacht.
olicrom 06.06.2008
4. Die Sendung zur Affäre
Der Name des Herrn O. ist nicht gefallen und doch war er präsent. Beispiel: Angriff Herr Obermann (als Frau Illner) auf das Sonnengröstl von der CDU (sinngemäss): Die CDU macht ja jetzt auch mit bei der Mode, auf die armen Manager zu schimpfen. Das ist ja sicher auch nicht die richtige Lösung. Erstaunliche Antwort: Man soll nicht pauschalisieren...aber ansonsten ist das sehr wohl richtig. Tja, Versuch der Reinwaschung gescheitert.... Das nur als Beispiel dafür, dass egal was Frau Illner sagte, der Herr O. immer mitgedacht werden konnte, letztendlich sogar musste. Selbst wenn Frau Illner meinte, sich lösen zu können, sie konnte es nicht. Die Teilnehmer konnten es nicht. Und der Zuschauer konnte es schon mal gar nicht. Der Name einer der Hauptakteure im Skandal ist kein einziges Mal gefallen. Absurd. Eine absolut verfälschte Kommunikationssiutation. Journalistisch gesehen eine Katastrophe. Und die passende Sendung zur Affäre.
Johnny Muggensturm 06.06.2008
5. Kein Wunder
Als beobachtender Bürger kann ich sagen, dass es vielen meiner Mitmenschen gefällt auf Webseiten (wie zB. StudiVZ, Myspace u.ä.) sich über andere zu informieren, bzw. zu stalken. Es wird ihnen auch leicht gemacht, da viele Leute sämtliche Daten und Bilder von sich online präsentieren. Diesen Menschen, sowohl die Stalker als auch die 'Gestalkten', wird es wohl ziemlich egal sein, ob, in welchem Ausmaß und von wem sie ausspioniert werden. Wenn sich also Industrie und Staat ihre Kinder so heranzieht, dann ist es nicht verwunderlich, wenn solche (heute noch als Skandal betitelte) Fälle auftreten und sie dermaßen abgetan werden.
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