Television Ein Denkmal für den Kritiker

Heute Abend zeigt das ZDF einen außergewöhnlichen Film: "Ich, Reich-Ranicki" ist das eindringliche Porträt eines Mannes, der das Warschauer Ghetto überlebte, später zum einflussreichsten Literaturkritiker Deutschlands wurde - und ein großartiger Erzähler des eigenen Lebens ist.

Von Volker Hage


Gleich in den ersten Minuten macht dieser Film klar, dass er sich nicht mit langer Vorrede aufzuhalten gedenkt. Es spricht Marcel Reich-Ranicki, 86: über Gott. "Gott ist eine literarische Erfindung", sagt er. "Es gibt keinen Gott." Schon als Kind habe er nicht begriffen, "was das ist: Gott". Später, von den Nazis an Leib und Leben bedroht, habe er manchmal den Verdacht gehabt, Gott sei auf deren Seite - als es ihnen gelang, fast ganz Europa zu unterjochen. Auch der Titel des ungewöhnlich gründlichen Fernsehporträts von 105 Minuten Länge geht aufs Ganze: "Ich, Reich-Ranicki".

Die Dokumentation von Lutz Hachmeister und Gert Scobel, die das ZDF heute Abend um 22.35 Uhr zeigt, hält der Erwartung unbedingt stand, die da von vornherein aufgebaut wird. Der Film ist ein Ereignis, bietet ein Porträt von ganz eigener Energie und Bannkraft. Es erweist sich der Mann, der den Krieg gegen alle Wahrscheinlichkeit überlebte und später zum bekanntesten deutschen Literaturkritiker wurde, als nachdenklicher, bisweilen zögernd formulierender großer Erzähler in eigener Sache.

Selbst Leser seiner Bestseller-Autobiographie "Mein Leben" werden überrascht sein, wie klug und anschaulich hier ein europäischer Intellektueller zurückblickt. Noch einmal erzählt er die ergreifende Geschichte aus dem Warschauer Ghetto, als sich der Vater seiner späteren Frau Teofila im Nachbarhaus erhängte und die Mutter des jungen Marcel zu ihm sagte: "Geh sofort dahin und kümmere Dich um das Mädchen!" Er erinnert sich in schlichten Worten: "Ich kam in diese Wohnung und sah das Mädchen, das 18, nein, schon 19 Jahre alt war und das gerade vor fünf oder zehn Minuten den Vater vom Gürtel, an dem er sich aufgehängt hat, losgeschnitten hatte. 'Kümmere Dich um das Mädchen' waren die Worte meiner Mutter - und ich kümmere mich um sie bis heute."

Seit 64 Jahren sind die beiden nun ein Ehepaar, immer noch voller Verwunderung darüber, dass ihnen im Februar 1943 gemeinsam die Flucht aus dem Ghetto gelang, dass sie bis September 1944 (als die Rote Armee sie befreite) in einem Kellerversteck überleben konnten. Noch im November desselben Jahreserfuhr er von den Umständen, wie sein Bruder Alexander, ein Zahnarzt, ums Leben kam - davon erzählt Reich-Ranicki zum ersten Mal ausführlich. Ein Pole, der Zugang zum Lager Poniatowa hatte und beim Bruder in Behandlung war, erinnerte sich an ihn: "Er war so freundlich zu mir, hat mich gut behandelt, ich habe mich dann nachher erkundigt. Man hat mir gesagt, er habe Zyankali bei sich gehabt. Und als alle erschossen wurden, hat er mit Sicherheit Zyankali genommen."

Lebendige Szenen seines Lebens

In der ersten halben Stunde setzt der Film ganz auf Erinnerung und Erzählung des alten Kritikers, der an verschiedenen Orten interviewt wurde. Auch später verzichten Hachmeister und Scobel völlig auf erläuternde Kommentare, lassen allerdings behutsam Vertraute von Reich-Ranicki zu Wort kommen wie Hellmuth Karasek oder den "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. Auch die Bilder von Städten und Landschaften sagen viel aus, sie sind bisweilen von Spielfilmqualität. Im Übrigen zahlt sich aus, dass Reich-Ranicki früh das Medium Fernsehen für sich - und die Literatur - entdeckt hat. Jede Menge lebendiger Szenen aus dem von ihm erfundenen "Literarischen Quartett" (das es zwischen 1988 und 2001 auf 77 Sendungen brachte) und anderen Fernsehauftritten sind hier montiert worden.

Dieses filmische Denkmal wird behutsam und eindringlich ergänzt durch unbekannte Filmdokumente wie ein erstes Interview mit Reich-Ranicki von 1958 und die Aufnahmen von den wichtigen Schauplätzen seines Lebens, die er mit dem Fernsehteam noch einmal besuchte. Befragt wird auch ausführlich der einzige, 1948 in London geborene Sohn Andrew Ranicki, heute Professor in Edinburgh. "Er hatte nichts gegen Mathematik, solange ich gut darin war", sagt Andrew Ranicki über seinen Vater. "Später wollte er immer, dass ich der beste Mathematiker der Welt werde."


"Ich, Reich-Ranicki", Freitag, 13. Oktober, 22.35 Uhr, ZDF.



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