Televisionen Am Sonntag wird entführt

Mit dem Zweiteiler "Der Tanz mit dem Teufel" bereitet Sat.1 die Entführung Richard Oetkers in einem spannenden Ereignis-Film auf. Im "Tatort" wird derweil ein untreuer Mann von einer beinah vergewaltigten Verwaltungsangestellten gekidnappt. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau...

Von Christian Bartels


"Der Tanz mit dem Teufel": Richard Oetker (Sebastian Koch) wird von seinem Entführer in eine Holzkiste gesperrt
Sat.1

"Der Tanz mit dem Teufel": Richard Oetker (Sebastian Koch) wird von seinem Entführer in eine Holzkiste gesperrt

Die "drittbekannteste Entführung" Deutschlands sei die Verschleppung Richard Oetkers von 1976, sagte Coproduzent Ludwig zu Salm auf der Hamburger Pressevorführung des jüngsten Sat.1-Ereignisfilms. Nun ja. Dank "Der Tanz mit dem Teufel" (So., 11. und Mo., 12.11. Sat.1, jeweils 20.15 Uhr) dürfte der spektakuläre Kriminalfall bald noch weiter nach oben schnellen - in dieser ewigen Entführungshitliste, die offenbar von einem völlig geschmacksbefreiten Spaßgesellschafter initiiert worden ist.

Was Peter Keglevic (Regie) und Rainer Berg (Buch) daraus gemacht haben, unterläuft souverän alle Fallstricke, die wahren Geschichten mit bekanntem Ausgang innewohnen. Mit gedämpftem Grundthrill malt der Zweiteiler ein spirituelles Triptychon aus. Nur einmal, in der ersten Szene - der Entführer setzt sein Opfer am Straßenrand aus, der Polizist findet es beim Joggen - sind die drei gleichgewichtigen Protagonisten einmal beinahe unter sich. Fortan verbindet sie ein eher schwebendes Spannungsverhältnis, das die üblichen Spannungsmittel ersetzt. Es geht weder um "Whodunit"-Spannung, da nie in Zweifel steht, dass unter der Maske des Entführers Christoph Waltz (als Entführer Dieter Cilov) steckt, noch um eine Chronik, die das Verbrechen nachstellt, um Psychogramme zu entwerfen. Cilov ist nie allein zu sehen, sein Innenleben bleibt außen vor.


Die SPIEGEL TV Reportage am Montag: "Die Entführung von Richard Oetker"

Entführer Cilov (Christoph Waltz): Innenleben bleibt außen vor
Sat.1

Entführer Cilov (Christoph Waltz): Innenleben bleibt außen vor

Der Aktivposten ist Tobias Moretti (als Ermittler Kufbach), der physisch an den Alain Delon erinnert, als er noch als attraktive Einzelgänger auf der einen oder anderen Seite des Gesetzes große Coups erledigte. Mental erinnert er eher an eine Dürrenmatt-Figur, die sich Jahre lang in einen Fall verbeißt und in seiner polizeilichen Umwelt, die immer neue Fälle auf den Tisch bekommt, nicht nur Freude auslöst. Auch als der Täter seine Strafe verbüßt hat, es nur noch ums verschwundene Lösegeld und kaum mehr um echtes Geld geht (weil die Scheine während der Haft verrottet und veraltet sind), ermittelt Kufbach obsessiv weiter. Die Figur, die am Ende als Held dasteht, soweit Beamten eben Helden sein können, könnte genauso gut als Wrack enden.

Hinter der Verbissenheit des Ermittlers steht spirituell Protagonist Nummer drei, der gemäß erzählökonomischer Kriterien eigentlich in den Hintergrund zu treten hätte. Denn Opfer haben in Thrillern wenig zu melden, da sie zum Voranschreiten des Plots nichts beitragen können, sobald sie erst einmal tot oder frei sind. Der Zynismus des Genres, der sich auch in immer raffinierterer Gewalttätigkeit ausdrückt, sei ihm allmählich den Geist gegangen, erzählt Regisseur Keglevic, der im letzten Jahr noch mit einem Zehn-kleine-Negerlein-Musterthriller zu sehen war und jetzt geläutert ist. Rein erzählerisch hat Sebastian Koch (als Richard Oetker) nach der ersten halben Stunde, der Entführung, also nicht viel zu melden. Aber er humpelt, weil er die Stromschocks in der Holzkiste nur mit Glück überlebte, durch den Film, ist übereifrig und deprimiert, seine Beziehung zerbricht - und sobald der Mitleidsbonus verbraucht ist, geht er den aktiveren Filmfiguren primär auf die Nerven.

Aktivpart: Tobias Moretti als besessener Ermittler Kufbach
Sat.1

Aktivpart: Tobias Moretti als besessener Ermittler Kufbach

Tatsächlich gelingt Keglevic und seinem Autor Rainer Berg die Operation, abstrakte moralische Werte - etwa: Gerechtigkeit im Sinne von Wahrheit - zum spirituellen Leitmotiv zu machen. Es treibt den Ermittler an und auch den Film. Rasant schnell treibt es nicht, eher im Tempo zeitgenössischer Kriminalfilme der siebziger Jahre, aber es schafft, über 21 Jahre erzählte Zeit, drei Stunden Erzählzeit und vermutlich auch einige Werbepausen hinweg in Atem zu halten.

Natürlich gibt es dezent gesetzte Wiedererkennungseffekte, ein altes Kohl-Wahlkampfplakat hier, des Entführers Auftritt bei Schreinemakers da. Getaucht in ockerbraunes Siebziger-Ambiente, das der Regisseur seine Kostümbildner authentisch aus Altkleidersäcken aufbügeln ließ, ist "Der Tanz mit dem Teufel" noch einmal ein Glanzpunkt im Zyklus der vier zeithistorischen Sat.1-Dokudramen ("Der Tunnel", "Wambo" und "Vera Brühne") des Jahres. Für mindestens zwei Jahre handelt es sich um das letzte derartige Werk. Schauen Sie Sat.1, solange es noch steht. Oder schalten Sie wenigstens ein, damit die Quote stimmt...

Wussten Sie, dass es auch Radio Bremen noch gibt? Inzwischen werden dort sogar wieder ganze Filme produziert, darunter gute "Tatorte". Der zweite dieses Jahres, "Tatort: Eine unscheinbare Frau", läuft auch am Sonntag (11.11. ARD 20.15 Uhr), und auch hier geht's um eine Entführung.

"Eine unscheinbare Frau", Darsteller Henry Hübchen und Bettina Kupfer: Auch im "Tatort" wird entführt
RB / Jörg Landsberg

"Eine unscheinbare Frau", Darsteller Henry Hübchen und Bettina Kupfer: Auch im "Tatort" wird entführt

Die verschlungene Geschichte beginnt mit der versuchten Vergewaltigung einer Verwaltungsangestellten im Lebensmittelladen. Zufällig fällt Margit Brede (Bettina Kupfer) dabei eine Schusswaffe in die Hand, mit der sie den Täter erschießt. Der Vorfall setzt viel verschütteten Frust frei und einen biederen Amoklauf in Gang. Erst zwingt sie einen Handtaschenräuber auf die Knie, dann ihren ehemaligen Geliebten (Henry Hübchen) in ihre Gewalt. Während im Keller ihres Reihenhäuschens ein ziemlich existenzielles Kammerspiel stattfindet, machen draußen in der Stadt die hyperaktive Hauptkommissarin (Sabine Postel) und ihr neuer Assistent (Oliver Mommsen) viel Wind, indem sie eine Entführung aufzuklären versuchen, bei der weder Täter noch Opfer bekannt sind, und diverse privaten Probleme verfolgen.

Das Faszinierende am Film (Regie: Martin Gies, Buch: Jochen Greve) ist das Wechselspiel von psychologisch genauer Introspektive und aktionsreicher Hektik. Beider Handlungsstränge Wege kreuzen einander ab und zu, aber folgenfrei. Voller Missverständnisse, verkannter Fassaden und realistisch blöder Zufälle steckt der kleine Kosmos Bremen.

außerdem neu:

Sa. 10.11. ZDF 20.15 Uhr:
"Bella Block: Bitterer Verdacht"
Im elften Fall der dialogstarken Kommissarin geht es um den Mord an einer Jurastudentin (Regie: Dagmar Hirtz, Buch: Renate Kampmann).


Mo. 12.11. ZDF 20.15 Uhr:
"Verbotene Küsse"
Prostituierte (Natalia Wörner) gibt, nachdem eine Kollegin ermordet wurde, die Prostitution auf und wird Polizistin. Eines Tages wird sie mit der Vergangenheit konfrontiert... Der Film (Regie: Johannes Fabrick, Buch: Fabrick, Frank Göhre) ist aber besser gelungen, als der Plot klingt.


Mi. 14.11. ARD 20.15 Uhr:
"Abschied" Jan Schüttes untergegangener Kinofilm mit Bierbichler als Brecht an seinem Lebensabend.


Do. 15.11. Pro Sieben, 20.15 Uhr:
"Ein Yeti zum Verlieben"
Der oder das Yeti sieht aus wie aus der "Unendlichen Geschichte" entsprungen. Er oder es ist aber nicht die neue Mutter, die Zoologe Bergmann (Oliver Stokowski) für seine allein erzogene Tochter findet. (Regie: Thorsten Schmidt, Buch: Martin Rauhaus)


Do. 15.11. ARD, 23.15 Uhr:
"Geiselfahrt ins Paradies"
Noch 'ne Entführung: Ostfriesische Gaunerkomödie von 1998 um einen Lottoladen-Überfall und seine Folgen mit Hang ins Kaurismäkieske und Horst Frank in seiner letzten (Neben-)Rolle. (Regie und Buch: Hans-Erich Viet)



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