Televisionen Die Angst des Anchorman nach dem Wetter

Fernseh-"Landarzt" Christian Quadflieg macht als Nachrichtenmann, der zu Versprechern vor laufender Kamera erpresst wird, eine ziemlich gute Figur. Und ein spätfeministischer Thriller zeichnet ein finsteres Bild von Finnland. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


"Eine öffentliche Affäre" mit Ulrike Reich (Ulrike Grote) und Anchorman MM (Christian Quadflieg)
NDR / Wolfgang Meier

"Eine öffentliche Affäre" mit Ulrike Reich (Ulrike Grote) und Anchorman MM (Christian Quadflieg)

Die letzten Stars der ARD sind die Anchormen der Hauptnachrichtensendung. Wenn sie die Welt erklären und vor dem Wetter kleine Scherze machen, hängen verblüffend viele Menschen an ihren Lippen. Bei "deutschland 1" heißt die Sendung "Journal des Tages" - was kaum paraphrasiert der ARD und ihren Tagesthemen entspricht: Eine Ulrich-Wickert-Type hat sich Christian Quadflieg, der sich schauspielerisch unterfordert fühlte, auf den Leib schreiben lassen (Buch: Barbara Wilde, Rolf Schübel). Als Moderator Michael Mölders guckt er seriös aus dem Anzug und macht eine glaubwürdige Figur. Mit "Eine öffentliche Affäre" (Mi. 20.6. ARD 20.15 Uhr) hat er der ARD im Gewand eines Thrillers ein unprätenziöses Selbstporträt beschert.

Vor laufender Kamera stellt der "MM" genannte Mölders einen korrupten Politiker bloß. Seine Tochter findet, er hätte ihn härter anfassen sollen, seine Frau fand ihn gnadenlos. Also liegt er richtig im Polarisieren. Und schon scheint durch, dass sich der Saubermann mit Hang zur Selbstgerechtigkeit in gefährlichen Spannungsfeldern bewegt. Wenn die Bürger MM beim Segeln zuwinken, die Teenies Autogramme wollen und Betrunkene ihn immerhin mit Biolek verwechseln, weiß man als Zuschauer bereits von anonymen Briefen à la "Du mieses Schwein", die MM offenbar nicht auf die leichte Schulter nimmt. Und deswegen schaut man zu. Regisseur Rolf Schübel ("Gloomy Sunday") balanciert eine Erpressergeschichte und eine Erfolgsstory, die für sich genommen jeweils klischeeverdächtig wären, geschickt zu einer durchaus soghaften Mischung aus.

"Wir müssen ihn schlachten"

MM bekommt seine eigene Talkshow
NDR / Wolfgang Meier

MM bekommt seine eigene Talkshow

Dem Erpresser geht es um eine Minderjährige, die sich MMs wegen das Leben genommen haben muss. Und der Moderator lässt sich ein auf seine Forderungen. Etwa die, vor der Kamera "Ich wünsche mir eine angenehme ruhige Nacht" zu sagen. Solche Szenen, die Stefan Raab eine Woche lang begeifern und dann zum Singlehit machen würde, koppeln den Plot wiederum an den Medienalltag an. Als nächstes soll MM einen Beitrag über jugendliche Selbstmörder lancieren. Man sieht, wie die Redaktionskonferenz über "1'30 Restsendezeit" diskutiert. Ein Abgebrühter sagt, der Selbstmörder-Story fehle es am Aufhänger, denn "Tote haben wir in Kaschmir, Afrika, Afghanistan bis zum Abwinken" - so muss es wohl zugehen.

Anika (Sophie Scholz) ist erklärter MM-Fan
NDR / Wolfgang Meier

Anika (Sophie Scholz) ist erklärter MM-Fan

Dann kommt, was in der Mediendemokratie kommen muss: alles ans Licht. "Wir müssen ihn schlachten, sonst machen's die anderen", sagt ein anderer Abgebrühter. Der opportunistische Programmdirektor beurlaubt MM, die Spannung kulminiert in der Frage, ob der Moderator seine letzte Sendung reibungslos über die Bühne bringt. Er bringt - um am Ende vor laufender Kamera seine moralische Mitschuld und juristische Unschuld zugleich zu gestehen, die Vorverurteilung der Medien anzuprangern und so weiter und so fort. Das wiederum steigert Medienaufmerksamkeit und Quote dermaßen, dass die Menschen draußen an den Bildschirmen ergriffen sind und der opportunistische Senderboss MM gleich wieder zurück haben will.

Heiratsantrag unter der Dusche

Es sind kleine Kreise, die die Handlung zieht, aber der Film tut auch gar nicht, als wäre es überraschend, was passiert. Oder als wäre es eine Enthüllung, dass auch bei der ARD Zyniker auf die Quote schielen. "Eine öffentliche Affäre" ist ein kleiner Fernsehfilm, den man sich auch aufwändiger gemacht und radikaler gedacht vorstellen könnte, der aber seine haarige Aufgabe, im Medium selbst medienkritisch zu sein, verblüffend gut erledigt.

"Komplizinnen aus Angst" - Maaru Tang (Leea Klemola) kämpft gegen Männergewalt
NDR

"Komplizinnen aus Angst" - Maaru Tang (Leea Klemola) kämpft gegen Männergewalt

Das Mädchen, das sich das Leben genommen hat, bleibt eine Nebenfigur mit rudimentären Zügen - das ist anders in der finnischen NDR-Koproduktion "Komplizinnen aus Angst", die jetzt ihre deutsche Premiere erlebt (Mo. 18.6. Arte 20.45 Uhr). Regisseurin und Autorin Auli Mantila zeichnet ein finsteres Bild weniger Finnlands als der Gesellschaft an sich: Während der Soundtrack beschwingt swingt, greift die Protagonistin Oili (Tanjalotta Räikkä) halb verwesten Wasserleichen in den Mund. Denn als Gerichtszahnmedizinerin arbeitet sie an der Identifizierung von Leichen. Und während ihr der Kollege Kommissar beim Einseifen unter der Dusche einen nicht uncoolen Heiratsantrag macht, wird ihre Schwester nachts im Park vergewaltigt.

Machen nur, was wir uns trauen

Es kommt heraus, dass die Schwester einem Frauenkollektiv angehört, das unter Führung einer feministisch frisierten Intellektuellen tatkräftig Rache an Vergewaltigern übt. Dabei war einer umgekommen, und als der nun aus einem See gezogen wird, werden sowohl Oilis Beruf als auch ihr Ehemann in spe, der ermitteln muss, wichtig...

Rainer Auvinen (Pertti Sveholm) in einer Filmszene "Komplizinnen aus Angst"
NDR

Rainer Auvinen (Pertti Sveholm) in einer Filmszene "Komplizinnen aus Angst"

Arte will den Film mit "Thelma & Louise" verglichen wissen. Allerdings wirkt die Verteilung der Rollen aus der Thrillerhandlung auf die Figuren des konsequenteren theoretischen Überbaus (nach dem eloquenter betitelten Roman "Geography of Fear" von Anja Kauranen) eher ungelenk. Da die Regisseurin aber ohnehin alle Handlung mittelbar zeigt, als Folgen in den Gesichtern der Charaktere, fallen dramaturgische Schwächen auch weniger ins Gewicht. Sowohl emotional als auch akademisch überzeugt das ungewöhnliche Werk, in dem kluge Sätze fallen wie "In der von Angst geprägten Welt machen wir nicht, was wir wollen, sondern nur, was wir uns trauen".

Außerdem neu:

So., 17. 6., ARD 20.15 Uhr: Tatort: Kindstod (Regie: Claudia Garde, Buch: Edgar von Cossart, Irene Martin) Die Kölner Kommissare (Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär) kommen einem Fall von Kindesmisshandlung auf die Spur. Mit Anna Thalbach.

Fr. 22.6., ARD 20.15 Uhr: Unter der Sonne Afrikas: Eine zweite Chance (Regie: Ruggero Deodato, Buch: Piero Bodrato) Meditative Monotonie in Simbabwe.



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