Televisionen Freudlose Selbstzerstörung

Das ARD-Biopic "Kelly Bastian" beginnt als schöner Kostümfilm aus der Gründerzeit der Grünen, endet aber als freudlose Tragödie. Im ZDF-Film "Rette Deine Haut" geht es keineswegs lichter, dafür aber spannender zu. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


"Kelly Bastian" (Szenenfoto mit Dagmar Manzel und Michael Mendl): Annäherung konträrer Charaktere
WDR / Bernd Spauke

"Kelly Bastian" (Szenenfoto mit Dagmar Manzel und Michael Mendl): Annäherung konträrer Charaktere

In den letzten Wochen ist sie noch viel tiefer in die gefühlte Vergangenheit gerückt: die Zeit in der die Leute, die gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert, Kasernen blockiert und "Soldaten sind Mörder" zu sagen gewagt haben, die Grünen gründeten. Wie sich bärtige Zottel mit strähnigen Mähnen in bunten Strickpullovern an großen Tischen in verrauchten Wohnküchen zum Diskutieren versammelten - das fängt "Kelly Bastian - Geschichte einer Hoffnung" (Mi. 3.10. ARD, 20.15 Uhr) schön ein, zeitgemäß distanziert wie ein Kostümfilm, aber ohne billigen Spott über die Bewegten. Der Film (Regie: Andreas Kleinert, Drehbuch: Wolfgang Menge frei nach Alice Schwarzers "Eine tödliche Liebe") erzählt die Liebesgeschichte der deutsch-amerikanischen Friedensaktivistin Petra Kelly und des 25 Jahre älteren Generals a.D. Gert Bastian von ihrer ersten Begegnung 1980 bis zu ihrem Tod im Herbst 1992.

Von geradezu reifer Romantik ist die Annäherung der konträren Charaktere: Auf einer Podiumsdiskussion begegnen sie sich, in Würzburg, Krefeld, Dortmund kommen sie einander näher. Der große Versammlungssaal des ersten Zusammentreffend scheint, als er sich geleert hat, plötzlich klein und intim. Von der Stadthallendecke strahlen kreisförmige Lichterketten-Leuchten über den Verliebten. Spontan wie wahre Grüne damals waren, sagt die Kelly nur, dass sie sich vor leeren Hotelzimmern grault. Putzige Liebesspiele folgen, dann sind der brummige Ex-General (Michael Mendl) und die umtriebige Aktivistin ein Paar.

Zeitgemäß distanzierter Kostümfilm: Petra Kelly (D. Manzel) verteilt Flugblätter für die Anti-Atombewegung
WDR / Bernd Spauke

Zeitgemäß distanzierter Kostümfilm: Petra Kelly (D. Manzel) verteilt Flugblätter für die Anti-Atombewegung

Dagmar Manzel als Kelly guckt keck wie die frühe Katja Riemann, und aus ihren Augen sprüht Lebensfreude. Es bleibt dies allerdings die einzige - denn der Kostümfilm wandelt sich schleichend zur Geschichte einer leider tristen und zähen Amour fou. Er akkumuliert nurmehr Momente. Hier ein paar politische Inhalte - der Einzug in den Bundestag, das Rotationsprinzip - dort ein paar Paarszenen: Sie trennen und versöhnen sich auf schnurgerader Landstraße, im Hintergrund stehen zwei Atommeiler. Sie können nicht miteinander leben, aber erst recht nicht ohne einander. Selbstzerstörung kann sich auch völlig freudlos vollziehen.

Auch dieses ausdauernde "Foreshadowing" des bitteren Endes, in dem die Figuren immer wieder mit Leichenbittermienen Sätze sagen, die im Nachhinein prophetisch wirken, erzielt natürlich Wirkung. Einmal beginnt Petra Kelly zu weinen, als sie im Zug in der Zeitung des Sitznachbarn von deutschen Giftgasexporten liest. Einmal sagt sie: "Das gehört alles zusammen, Liebe, Politik, Arbeit."

Der Film ist anderer Meinung: Politik illustriert am Rande den Niedergang des Paars, die viele Arbeit wird immer gern beschworen und beklagt wie in Beziehungskrisen eben üblich. Gezeigt wird sie gar nicht, trotz der Kompetenz des Regisseurs im angemessenen Rekonstruieren zeithistorische Szenen. Dabei haben Kellys Reden doch Massen bewegt und das eine oder andere ausgelöst. So privat, wie der Film "Kelly und Bastian" zeigt, können Politiker nicht sein.

"Rette deine Haut": Die flüchtige Zeugin Kim-Lan (Minh-Khai Phan-Ti) verbringt eine Nacht mit dem Polizisten Rudi (Ken Duken)
ZDF / Nik Konietzny

"Rette deine Haut": Die flüchtige Zeugin Kim-Lan (Minh-Khai Phan-Ti) verbringt eine Nacht mit dem Polizisten Rudi (Ken Duken)

Was diesem redlichen Werk fehlt, ist die Qualität von Dokudramen wie "Wambo". Ein bekanntlich trauriges Ende muss ja keinen halben Film überschatten, selbst wenn er den tieftraurigen Untertitel "Geschichte einer Hoffnung" trägt. Petra Kelly, die heute vielleicht Bundesministerin wäre, wenn sie nur auf ihre Oma gehört hätte ("Schlag Dir den aus dem Kopf, der ist nichts für Dich"), hätte ein etwas lichteres Bild verdient.

Betont kalter Thriller

Ganz am anderen Ende der Spannbreite des ernsthaften öffentlich-rechtlichen Fernsehdramas steht "Rette deine Haut!" (Mo. 1.10. ZDF 20.15 Uhr). Der Thriller erzählt von Hamburger Kommissaren (Gregor Törzs, Jan Gregor Kremp, Ercan Durmaz, Ken Duken), die sich dank Schmiergeldzahlungen eines Gangsters (Alexander Hörbe) einen für Polizeibeamte erstaunlich hohen Lebensstandard leisten. Beim überraschend anberaumten Nachteinsatz wird der unedle Spender festgenommen, was die korrupten Kriminalisten vor schnell eskalierende Probleme stellt. Zunächst sollen sie bloß wegschauen, wenn der Belastungszeuge aus dem Weg geräumt wird, dann gibt es andere Tote als geplant. Schließlich stehen die Gesetzeshüter vor der Frage, ob sie selber töten müssen, um ihre Fassaden zu retten. Und ihre Einigkeit schwindet...

Genrekino fürs Fernsehen in Reinkultur: Polizist Emile (Ercan Durmaz) umarmt seine schwangere Frau Leila (Belhe Zaimoglu), bevor er zu einem morgendlichen Einsatz gerufen wird.
ZDF / Nik Konietzny

Genrekino fürs Fernsehen in Reinkultur: Polizist Emile (Ercan Durmaz) umarmt seine schwangere Frau Leila (Belhe Zaimoglu), bevor er zu einem morgendlichen Einsatz gerufen wird.

Das alles inszeniert Lars Becker (Regie und Buch) als betont kalten Thriller, der über verblüffend weite Strecken gar keine Sympathieträger anbietet. Die Kommissare denken mit einer Bedenkenlosigkeit an sich selbst, die bei manchem Herrn im Fernsehrat gewiss Anstoß erregen wird. Ihre dekorativen Ehe/Hausfrauen (Henriette Heinze, Katharina Böhm, Belhe Zaimoglu) sorgen sich daheim um wenig mehr als Feng Shui und sind noch nicht mal ahnungslos. Nicht einmal in der Polizeibehörde geht es auch auf höheren Hierarchieebenen nicht ehrbarer zu - was die Plausibilität des Plots mitunter in ähnlich dunkles Licht taucht wie das, in dem der Regisseur gern seine Figuren badet. Das ist Genrekino fürs Fernsehen in Reinkultur und sieht immerhin gut aus.

Wer "Rette deine Haut!" und "Kelly Bastian" gesehen hat, sollte dann allerdings mal vor die Tür treten und sich live davon überzeugen, dass das Leben in Deutschland doch ein bisschen schöner ist, als es in diesen beiden Filmen scheint.



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