Televisionen Kreuzigungen und andere Kuriositäten

Sandra Speichert in einem französischen Frauenfeindschaftsthriller, drei ältere Damen in einem bayerischen Frauenfreundschaftsfilm und ein "Tatort", den die katholische Kirche geschmacklos findet: Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


Auf der Suche nach der Kindheit: Sandra Speichert in "Blutspur des Todes"
Foto: VOX

Auf der Suche nach der Kindheit: Sandra Speichert in "Blutspur des Todes"

"Mitnehmen, was kommt! Man weiß nie, wie lang so eine Karriere dauert" - so ungefähr muss es klingen, wenn Sandra Speichert über neue Rollenangebote nachdenkt. Denn über die 28-Jährige lässt sich nichts Schöneres sagen, als dass sie gut aussieht und sehr präsent ist im Fernsehen. Dabei wäre die in Frankreich aufgewachsene Schauspielerin prädestiniert für interessante Rollen - zum Beispiel in der fast schon ausgestorbenen, erst unlängst von Schröder und Chirac persönlich wiederbelebten Filmgattung "deutsch-französische Koproduktion". Insofern ist Speicherts Part in der französischen Vox-Produktion mit dem doofen deutschen Titel "Blutspur des Todes" (Mo., 24.7., 20.15 Uhr, Vox) ein Schritt auf dem richtigen Weg.

Dem Thriller (Regie: Patrick Malakian; Buch: Francois Arrignon, Christian Mouchart) mangelt es zwar an innerer Logik, aber er hat Qualitäten auf der Psycho-Ebene: Nelly (Speichert) will mit ihrem Liebhaber in dessen einsamer Villa gerade das "Dinner danach" einnehmen, da wird er ermordet. Verstört, aber lautlos verlässt sie den Tatort und fährt heim. Begrüßt ihren Gatten, als sei nichts gewesen, geht zur Arbeit, führt alltägliche Gespräche, verschweigt, was sie wirklich bewegt. So etwas ist selten und erfreulich im Rede-Medium Fernsehen. Diesem in der Normandie angesiedelten Werk verleiht der dramaturgische Kniff einen Hauch Chabrolscher Abgründigkeit: So ist sie, die Bourgeoisie. Und spannend ist's auch, denn fortan wirken alle verdächtig: Nellys Gatte, der seltsam starrende Arbeitskollege, die freundliche Freundin und auch die Protagonistin selbst. Dann verkündet ein anonymer Anrufer, dass alle Antworten in ihrer Kindheit liegen, und so macht sich Nelly auf die Reise nach Hause, während in ihrer Umgebung weiter gemordet wird... Durch unvorhersehbare Wendungen hält der Film die Spannung. Sandra Speichert macht mit schwarzem Haar in weißer Kleidung, was sie immer macht: eine gute Figur, aber diesmal in stilvoller Umgebung.

"Altweibersommer": Hübscher Gegenentwurf

Ausgerechnet die physisch formvollendete Christine Neubauer spielt die Nebenrolle der Krankenkassen-Angestellten, von der Erika (Christa Berndl) erfahren muss, dass die Rekonstruktion ihrer amputierten Brust nicht bezahlt werden wird. Auch Sohn und Schwiegertochter verstehen den Wunsch der 65-Jährigen nach einer neuen Brust nicht. Nur ihre gleichaltrigen Freundinnen Dorle und Ilse (Anai Iplicjian, Doris Schade) fühlen mit. Sie versprechen Erika, die notwendigen 10.000 Mark zu beschaffen, durch ehrliche Arbeit und zur Not auch anders...

In "Altweibersommer" (Mittwoch, 26.7., 20.15 Uhr, ARD) erzählt die 36-jährige Drehbuchautorin und Regisseurin Martina Elbert von den Sorgen, Sehnsüchten und Freuden der Damen in jenem Alter, in dem Herren hier zu Lande noch Bundespräsident werden. Dabei findet sie eine stimmige Balance zwischen warmherzigem Optimismus und satirischem Realismus. Der Frauenfreundschaftsfilm liefert einen hübschen Gegenentwurf zu pseudo-aufmüpfigem Unsinn wie "Nur ein toter Mann ist ein guter Mann", mit dem derselbe Sender (28.7., Wdh.) seine Zuschauerinnen zwei Tage später zu beglücken versucht.

Best-Of deutschsprachiger Dialekte: Der Tatort "Passion"
ARD / DEGETO

Best-Of deutschsprachiger Dialekte: Der Tatort "Passion"

Tatort "Passion": Von der Kirche geadelter Jesusmord

Keine bessere Werbung gibt es für Unterhaltung aller Art als offiziell verkündete Kritik der katholischen Kirche. Insofern wird der Tatort "Passion" (Sonntag, 30.7., 20.15 Uhr, ARD) vom Nimbus zehren, dass ihm die Deutsche Bischofskonferenz bereits vorab das Prädikat "geschmacklos" verliehen hat. Grund: Unbekannte ermorden den Jesus-Darsteller im Passionsspiel eines Tiroler Bergdorfs, indem sie ihn ans Kreuz nageln. Wegen dieses "kuriosen Mordes" (ARD-Pressetext), den Regisseurin Ilse Hoffmann auch gar nicht unblutig in Szene setzt, kehrt Kommissarin Roxane Aschenwald (die ewig heisere Sophie Rois) in ihre Heimat zurück, an die sie allerhand ungute Erinnerungen hat. Unterstützt von einem urlaubenden Wiener Kollegen (Harald Krassnitzer), kommt sie einer bitterbösen Verschwörung auf die Spur... Doch das Handlungsgerüst, das sich Drehbuchautor Felix Mitterer ausgedacht hat, taugt zu einem funktionierenden Krimi nicht so recht. Zu düster ist die seelische Szenerie, zu wenig Zeit bleibt, sie auszumalen. Und zu sehr erinnern die wenigen Sätze, die schleppend aus den Mündern vieler guter Schauspieler (u.a. Dietmar Schönherr) kommen, an von gesundem Selbsthass geprägte österreichische Bühnendramen à la Thomas Bernhard. Einen schönen und hörenswerten Verfremdungseffekt hält der Film jedoch bereit: Es schallen "Pfüati" und "der Bappa", "das Häusel" und "der dolle Kerl" durcheinander - ein Best-of der deutschsprachigen Dialekte.

Außerdem neu: "Missing Link" (Montag, 24.7. 22.55 Uhr, Arte) Eigentlich für junges Publikum gemachte niederländisch-deutsche Produktion von 1998 mit einem von den Hamburger Effektemachern Spans & Partner animierten Skelett. (Regie: Ger Poppelaars; Buch: Timo Veltkamp)

"Bis zum Horizont und weiter" (Mittwoch, 2.8. 20.15 Uhr, ARD) Baggerfahrer (Wolfgang Stumph) entführt Richterin (Corinna Harfouch), um seine große Liebe aus dem Gefängnis freizupressen: TV-Premiere eines tragikomisch-kriminalistischen Roadmovies, das im Kino wenig Beachtung fand. (Regie: Peter Kahane; Buch: Oliver Bukowski)

"Countdown - Die Straßen von Berlin" (Donnerstag, 3.8., Pro Sieben) Und wieder legt Pro Sieben mit hohem pyrotechnischen Aufwand die Hauptstadt in Schutt und Asche: In der ersten von vier neuen Folgen der Actionkrimi-Reihe mit Martin Semmelrogge und Gaststar Oliver Hasenfratz ("Der König von St. Pauli") will eine amerikanische Geheimorganisation die europäische Wirtschaft zum Kollaps bringen. (Regie: Michael Zens; Buch: Thomas Kirchner)



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.