Televisionen Mädchenmord und kleine Mafiosi

Nachgezählt hat niemand. Bekannt ist nur, dass jährlich mehr als 300 erstausgestrahlte deutsche Fernsehfilme oder "TV-Movies in Weltpremiere" (RTL) das Licht des Bildschirms erblicken. Manch schöner Film ist darunter, viele Trash-Perlen und jede Menge Durchschnitt, der allenfalls dank plakativer Betitelung auffällt. SPIEGEL ONLINE schlägt sich künftig mutig und 14-tägig durch das Dickicht des deutschen Stuben-Hollywoods.

Von Christian Bartels


Der Sommer ist im Fernsehen die Zeit der Wiederverwertung. Und der italo-deutschen Mehrteiler, die die Programmfarbe "Herz" stets groß schreiben und meist von der Kirch-Gruppe koproduziert werden. Italien ist das Kernland der Euro-Koproduktion, seit in italienischen Produktionen in den Sechzigern Klaus Kinski gruselig grinsende Mafiosi und Clint Eastwood ohne Weiteres neben Marianne Koch spielte. Das Erfolgsgeheimnis der Italiener: Vor ihren Kameras darf jeder in seiner Muttersprache reden. Das mag zwar subtile Interaktion verhindern, hat aber den Reiz, dass Mimen aus aller Welt mitmischen können. Und manchmal birgt der filmische Euro-Pudding auch Ansehnliches.

"Mädchenmord" im ZDF: Anna (Giorgia Minella) und Laura (Barbara De Rossi)
Foto: ZDF

"Mädchenmord" im ZDF: Anna (Giorgia Minella) und Laura (Barbara De Rossi)

Wie den Zweiteiler "Der Mädchenmord" (Buch: Giorgio Mariuzzo, Francesco Scardamaglia; Regie: Luigi Perelli; So., 9. & 16. Juli, ZDF , 22.00 Uhr). Ausgerechnet Barbara De Rossi, ungekrönte Königin des mehrteiligen Melodrams ("Verwirrung des Herzens"), spielt die Therapeutin Laura, die mit einer schweren Aufgabe betraut wird: Sie soll eine 14-jährige (Giorgia Minella) betreuen, die ein Sexualverbrechen überlebt hat und durch den Schock verstummt ist. Anstatt als 1000 Mal gesehene Einziger-Zeuge-Story erzählt Regisseur Perelli ("Allein gegen die Mafia") das Ganze als verhaltenes Drama ratlos krisengeschüttelter Erwachsener. Er verzichtet sogar - was den Italienern schwer gefallen sein muss - auf eine Liebesgeschichte. De Rossi überzeugt als Frau voller Selbstzweifel, Sonja Kirchberger in ihrer Nebenrolle stört immerhin nicht. Und Günther Maria Halmer, der als ZDF-Anwalt "Abel" dem Typus des unorthodoxen Ermittlers alles Aufregende ausgetrieben hat, passt erstaunlich gut in seinen Part des zerzausten Kommissars. Die Gewalt zeigt der Film nur indirekt und daher wirkungsvoll. Selbst der wortlose Gesang, der sich manchmal leise in die düstere Musik zur Untermalung entsprechender Mailänder Szenerien mischt, wirkt nicht peinlich. Kein Wunder, hier hat Ennio Morricone komponiert. Auch wenn Teil zwei die Verbrecherjagd dann eher bemüht als trendy ins Internet verlagert: Das ist ein ziemlich sehenswertes Stück.

"Krieger und Liebhaber" mit Hilmar Thate (M.) und Dieter Pfaff
Foto: SWR

"Krieger und Liebhaber" mit Hilmar Thate (M.) und Dieter Pfaff

So wie es früher in Kinderbüchern den "kleinen Zoowärter" gab - so spielt Hilmar Thate in "Krieger und Liebhaber" (Mi 12.7., ARD, 20.30 Uhr) den "kleinen Mafioso": einen ansonsten braven Berufstätigen, der eben irgendwie kriminell ist. Dadurch verdient er Geld und lässt sich dafür von seinem Leibkoch (Dieter Pfaff) verwöhnen. Marie Bäumer mimt des alternden Gangsters junge slowakische Geliebte. Daher muss sie mit slawischem Akzent sprechen, den sie leider immer vergisst, wenn es dramatisch wird. Beziehungsweise viel öfter, denn dramatisch oder auch lustig geht es hier kaum zu. Beim Versuch, in gefälliger Form einen Mordsspaß fürs öffentlich-rechte Abendprogramm anzurichten, verheben sich Regisseur Udo Wachtveitl (bayrischer "Tatort"-Kommissar) und Autor Michael Illner gewaltig. Das 90-minütige Lustspiel könnte, um 75 Minuten gekürzt und auf jene Szenen konzentriert, in denen Dieter Pfaff körperliche Komik ausspielt, als Unterhaltungsepisödchen in Pfaffs "Pfeifer"-Reihe durchgehen. Immerhin, das Kochbuch zum Fernsehfilm hat Bestseller-Potenzial.

"Unser ganzes Scheißleben ist ein einziges Problem", sagen ihre Eltern, "Komm mir bloß nicht als Jungfrau zurück!", sagt ihre Freundin: Wenn die 14-jährige Lisa (Marie-Luise Schramm) - pummelig, aber abgebrüht - schon mit den Eltern in Frankreich campen muss, will sie wenigstens einen Jungen aufreißen... Besonders die konträren Kommunikations- und Musikstile der Protagonisten sind in "Nur das Blaue vom Himmel" (Fr. 14.7, Arte, 20.45 Uhr; Buch: Claudia Prietzel, Peter Henning; Regie: Prietzel) schön beobachtet. Sozusagen als Sittengemälde einer weithin sittenbefreiten Zeit, wirkt die SWR-Produktion aktueller als die verkappte Kästner-Verfilmung "Crazy". Überdies gibt sie einen hübschen Trick preis, mit dem sich ein Kuss geradezu erzwingen lässt.

"Vom Küssen und vom Fliegen": Susanne Lothar und Felix Eitner können beides
Foto: SWR

"Vom Küssen und vom Fliegen": Susanne Lothar und Felix Eitner können beides

Einst galten die Fünfziger Jahre als spießig. Heute möchten viele Deutsche in puncto Wirtschaftswachstum oder wenigstens Fußball an damals anknüpfen. Wird auch der Rest des Fifties-Bildes revidiert? Das könnte vermuten, wer "Vom Küssen und vom Fliegen" (Mi., 19.7., ARD, 20.15 Uhr) anschaut: Drei mehr oder minder pfiffige Brüder verlieben sich in mehr oder minder züchtige Mädels und erleben mit ihnen alles, was zu einem Coming-of-Age-Film gehört. Im schönen Schwarzwald scheint immer die Sonne und alle sind gut drauf. Solch Leichtigkeit des Seins bringen Susanne Lothar, Johann von Bülow und andere perfekt besetzte Schauspieler tatsächlich auf den Bildschirm. So lässt sich "Vom Küssen und vom Fliegen" ohne Bauchschmerzen genießen. Den vielfach preisgekrönten Regisseur und Autor Hartmut Schoen (für dieses Werk mit dem TV Movie-Award des Münchener Filmfests prämiert) ritt hier offenbar der Ehrgeiz, einen schicken Kostümfilm zu gestalten.

Außerdem neu:

So., 9.7. "Tatort: Das letzte Rodeo" (ARD, 20.15 Uhr) Die Berliner Kommissare (D. Raacke, S. Jürgens) jagen eine Selbstjustiz-Organisation. (Buch: Horst Freund, Thomas Wittenburg; Regie: Pete Ariel)

So., 9.7. "Ende der Geduld" (WDR, 1.00 Uhr) Sowas gibt's noch: sehenswerter französisch-deutscher Arbeiterfilm um einen Bergarbeiterstreik in Lothringen. (Buch und Regie: Florent Siri)

Mi., 12.7. und 19.7. "Mein Partner auf vier Pfoten" (Sat.1. 21.15 Uhr) Polizeihundekrimi-Trash aus dem Hause Kirch. (Buch: Daniele Stroppa, Luciano Martino; Regie: Martino)

So., 16.7. "Tatort: Trittbrettfahrer" (ARD, 20.15 Uhr) Eine Brauerei wird erpresst, die Kölner Kommissare (D. Bär, K. J. Behrendt) greifen ein. (Buch und Regie:Markus Fischer)



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.