Televisionen (V) Das ZDF lässt es krachen

Mainzer Samstagskrimis verblüffen mit ungekürzten Maschinengewehrsalven und heiklen Sexualpraktiken. Pro Sieben beweist, dass billige Spannung manchmal besser ist: die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


T.E.A.M. Berlin: auf schlichte Weise spannend
Foto: ZDF

T.E.A.M. Berlin: auf schlichte Weise spannend

Das ZDF ist, was seine Fernsehfilme betrifft, ein sympathischer Sender. Für atemlose Action ist er nicht bekannt. Aber in "T.E.A.M. Berlin: Der Verrat" (Sa. 16.9., 20.15 Uhr) toben sich die Mainzer aus und bieten mehr Maschinengewehrschusswechsel als in ihrem gesamten restlichen Jahresprogramm. Auf düsteren Landstraßen feuern Gangster vom LKW aus minutenlang auf den Wagen einer aufrechten Sonderkommission. Die Polizisten flüchten daraufhin in eine leer stehende Fabrikhalle, wo das Gefecht weitergeht...

Schnelle Schnitte, ernste Blicke, schneidiges Personal in dreiteiligen Business-Kostümen, deren Farbspektrum zwischen Maus- und Steingrau rangiert: Die Ästhetik (Regie: Ulrich Zrenner) mutet an, als hätte hier der Wirtschaftssender n-tv ein Werbeumfeld für Börsenkandidaten schaffen wollen. Das bekannteste Gesicht gehört denn auch Ralph Herforth, Werbeträger einer Onlinebank. Der hängt anfangs als Mitglied des Soko-Teams am Seil vor einem Hochhaus, um eine Konferenz von Wirtschaftskriminellen abzuhören. Wenn er spricht, dann Sätze wie: "Wir tun unseren Job" oder "Machen Sie das nie wieder, Lady!" Schade eigentlich, dass das ZDF abends keine Werbung zeigen darf. Sie hätte hier die verkrampfte Action aufgelockert.

Was aber nicht heißt, das "Der Verrat" ein schlechter Film ist. Georges Claisse als Soko-Chef bricht den ganzen Verrat-und-Ehre-Pathos der Geschichte durch seinen leicht französischen Akzent, und Gesine Cukrowski als die Kronzeugin wird dank schlagfertiger Zickigkeit und entsprechendem Aussehen ihrem Ruf als "deutsche Sharon Stone" gerecht.

Das ZDF ist nun auch nicht gerade die erste Adresse für "heikle Sexualpraktiken". Das müssen sich auch die Verantwortlichen gedacht haben, als sie Anfang 1999 "Bella Block - "Geflüsterte Morde" sahen und dann auf Eis legten. Im Sommer 1999 war das Werk auf dem Münchener Filmfest zu sehen, im Januar auf Arte, jetzt erst zeigt es das ZDF (Sa. 23.9., 21.00 Uhr): Boris (Ben Becker) züchtet Ratten und liefert sie in einen finsteren Nachtclub, in dem die bleiche Prostituierte Annabell (Stefan Kurt) traurige Lieder singt. Boris verliebt sich in sie und begeht fortan aus unerfüllter Liebe wahllos Morde. Kommissarin Bella Block (Hannelore Hoger) ermittelt.

Ben Becker in "Bella Block": vereinsamt und verzweifelt
Foto: ZDF

Ben Becker in "Bella Block": vereinsamt und verzweifelt

Natürlich wird nichts wirklich Schockierendes gezeigt und auch der Frage, ob Annabell transsexuell oder ein Transvestit ist, wird nicht nachgegangen. Jedenfalls ist sie wie Boris vereinsamt und verzweifelt und die Stimmung des Films "intensiv" und "verstörend" (die beiden Lieblingsadjektive der ZDF-internen Programmlyrik).

Verstört scheint in erster Linie der Sender selbst, der seinen Film aber dennoch tapfer anpreist. Zu diesem Zweck lud er zum Hintergrundgespräch mit Autor und Regisseur Christian Görlitz. Der Filmemacher ("Das Böse") erläuterte der Presse souverän die "gesellschaftliche Relevanz" des Werks: "Diskussionsfilm", "kein Wohlfühlfernsehen" lauteten die Stichworte.

Trocken wurde der Diskurs dennoch nicht, weil Görlitz über einen staunenswerten Zitatenschatz verfügt, von Lichtenberg bis zur aktuellen "Bild". Und wenn der Regisseur den alten Kernsatz aller Sozialkrimis sagen will: Die Täter sind Menschen wie Du und ich - erzählt er eine Episode aus Henning Mankells neuem Bestseller. Kurz: Görlitz will das Krimi-Genre "transzendiert" haben. Was die Filme des eloquenten Regisseurs aber wirklich so stark macht, ist ihre Eleganz, Fragen offen zu lassen. Diesem Stil ist Görlitz treu geblieben. Seinen Kameramann Hans Grimmelmann ließ er Bilder in düsterem Gelb komponieren, daher ist "Geflüsterte Morde" mutig und sehenswert. Wirklich gute Regisseure sind solche, deren Filme visuell allemal spannender sind als ihre verbalen Erklärungen.

"Falling Rocks": Ausgelassene Abenteuerurlauber
Foto: Pro Sieben

"Falling Rocks": Ausgelassene Abenteuerurlauber

Ausgelassene Abenteuerurlauber ohne Telefon in der afrikanischen Wüste - und unter ihnen ein Maulwurf: Das ist keine neue Doku-Soap, sondern der Thriller "Falling Rocks" (Do. 28. 9., 21.00 Uhr Pro Sieben). Die Schar findet Diamanten, zerstreitet sich und wird sukzessive dezimiert. Das klingt bekannt, ist aber doch unterhaltsam, weil Regisseur Peter Keglevic bewusst auf schlichte Spannung setzt. So sagt einer am Lagerfeuer: "Hier draußen ist niemand außer uns", ein anderer entgegnet: "Bist Du sicher?" Auf der Musikspur untermalen das ein Paukenschlag und ein stilisierter Tierschrei. Durchaus böse beweist die Story, dass billige Spannung spannender sein kann als teuer produzierte.

Außerdem neu:

So. 17.9., 20.15 Uhr ARD "Polizeiruf 110: Bruderliebe" (Regie: Ulrich Stark, Drehbuch: Dirk Salomon, Thomas Wesskamp) Abenteuer der Polizisten Kalle Küppers (Oliver Stritzel) und Sigi Möller im Bergischen Land.

Mi., 20.9. und Mi., 27.9., 21.15 Uhr Sat.1 "Der Bulle von Tölz: Mord im Chor" Regie: Jörg Grünler, Drehbuch: Grünler und Ralph Werner/ "Rote Rosen" Regie: Hans Werner; Drehbuch: Franz Xaver Sengmüller) Neue Folgen mit Ottfried Fischer und Gaststars wie Jenny Elvers.

So. 24.9., 20.15 Uhr ARD "Tatort: Mauer des Schweigens" (Regie und Buch: Sylvia Hoffman) Mord an einem schwulen Banker in Frankfurt.

Mi., 27.9. und Fr., 29.9., 20.15 Uhr ARD: "Der Weg des Herzens" (Regie: Giuliana Gamba, Buch: Diorgio Mariuzzo, F. Scardamaglia) Deutsch-italienischer Zweiteiler mit Robert Atzorn als Latin Lover.



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