Televisionen Verhörszenen und verweste Leichen

Hark Bohms "Vera Brühne" ist in seiner Länge und Breite ein guter Film. Leider ist er nicht gerade kühn - und juristisch so korrekt, dass er auf die Dauer arg staatstragend wirkt. Der Arte-Film "Clowns" eifert derweil ganz unbefangen internationalen Thrillerdramödien nach. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


Glänzend geschauspielert: Corinna Harfouch als Vera Brühne
SAT.1

Glänzend geschauspielert: Corinna Harfouch als Vera Brühne

Die Geschichte um das vielleicht spektakulärste Skandalurteil der deutschen Zeitgeschichte ist inzwischen ziemlich bekannt. Berge von authentischem Material liegen vor, und das übersichtlich zu strukturieren gelingt Hark Bohm (Regie, Buch mit Herman Weigel) ganz gut: Seinen Zweiteiler "Vera Brühne" (Do. 24. und Freitag 25.5., jeweils 20.15 Uhr Sat.1) hält eine Rückblendenstruktur zusammen, die von 1970 ausgeht, als der Rechtswissenschaftler Haddenhorst (Hans-Werner Meyer) sich um eine Revision bemüht. Dass das Urteil 1962 "lebenslänglich" lautet, teilt die Stimme der Protagonistin gleich am Anfang mit.

Ton- und Bildebene umreißen in immer neuen Montagen die Geschichte, bevor es in die Details geht: Ostern 1960 werden der Arzt Schwarz und seine Haushälterin ermordet aufgefunden. Zunächst gehen alle von Selbstmord aus, der Tatort wird oberflächlich-täppisch untersucht, erst vier Monate später beginnen Ermittlungen gegen Vera Brühne, die Geliebte und Erbin. Bohm selbst spielt als Haddenhorsts Chef den Stellvertreter des Zuschauers, der all die Fragen stellt, die es noch braucht, um die komplexe Rechtslage zu verdeutlichen.

Filmszene aus "Vera Brühne": Zeitgeist spielt keine Rolle
SAT.1

Filmszene aus "Vera Brühne": Zeitgeist spielt keine Rolle

Schön dynamisch sieht sein Film aus, obwohl die elegant bewegte Kamera vor langen Verhörszenen wenig Scheu hat, ebenso wenig wie vor verwesten Leichen. Der studierte Jurist Bohm zeigt ausgewogen alles, was Vera Brühne be- und entlastet. Zwischen unstrittigen Szenen und solchen, die auf unbewiesenen Zeugenaussagen beruhen, trennt er juristisch redlich und visuell deutlich: Letztere flimmern immer. Stolz ist er besonders darauf, jede Szene aus Akten belegen zu können. Und auch geschauspielert wird glänzend: Uwe Ochsenknecht als angeblicher Brühne-Komplize Ferbach verwächst mit dicker Brille und rheinischem Akzent zu einer ganz neuen Person. Corinna Harfouch als rätselhafte Vera Brühne zeigt entzückende Fältchen und eine Gestik und Mimik, die glaubwürdig gestrig erscheinen und so trefflich in die Adenauer-Ära deuten.

Kuppelei war eine Straftat: Vera Brühne übt sich in Wollust
SAT.1

Kuppelei war eine Straftat: Vera Brühne übt sich in Wollust

Was dann auch aufmerksam darauf macht, dass ansonsten an Zeittypischem eher Mangel herrscht: Erst wenn in Teil 2 der Prozess beginnt, wird ein wenig spürbar, dass es sich um eine Geschichte aus der Vor-68er-BRD handelt, als Kuppelei noch eine Straftat war und ein Wehrmachtsdeserteur automatisch verdächtig, weil unter den Talaren und an den Hebeln der Macht noch überall alte Kriegskameraden saßen. Wenn der "Lebenswandel" der "Lebedame" vor Gericht zur Sprache kommt, tuschelt theatralisch das Publikum: eine Freakshow spießiger Frisuren und Hütchen.

Was aber die Zeugen antrieb, mit Aussagen über alte Affären die Angeklagte zu belasten und sich selbst sich lächerlich zu machen, was rasende Reporter bewegte, mit üblen Mitteln Storys für verklemmte Vorurteile und gegen die Brühne zu konstruieren - das bleibt leider im Dunkeln. Für die Masse Zeit, die Bohms Brühne-Film in Anspruch nimmt, spielt der Zeitgeist eine verblüffend kleine Rolle.

"Clowns": Hollywood-Konstrukt in Billigfassung (mit Anna Thalbach und Frank Giering)
SWR / Schweigert

"Clowns": Hollywood-Konstrukt in Billigfassung (mit Anna Thalbach und Frank Giering)

Erst als eine Art Epilog kommt die Politthrill-Dimension ins Spiel, die den Fall wirklich interessant macht: In den letzten 30 von 300 Minuten Nettospielzeit hetzt der Film Spuren hinterher, nach denen der Ermordete Waffenhändler war, mit dem BND dealte und sich bedroht gefühlt hat. Franz Josef Strauß' Drohung, der Kanzleramtsminister Ehmke solle die Finger von der Sache lassen, wenn ihm sein Leben lieb sei - von der längst überall zu hören und lesen war - wird noch kurz abgehakt, wenn die dramatische Intensität dahin ist.

Die Brühne-Produktion Bernd Eichingers nimmt, indem sie den politischen Kontext von der Haupthandlung isoliert und am Ende hinten dranhängt, einen ziemlich staatstragenden Blickwinkel ein. Die anonyme Mächte, deren dunkle Methoden gelegentlich kurz beklagt werden, bleiben anonym. Strauß' Name selber fällt gar nicht. Die Filmförderung des Freistaats Bayern hat den Film mit 1,2 Millionen Mark unterstützt.

Auch der "Stern", der Vera Brühne damals übel mitgespielt hatte, kommt nicht vor. Eine Rolle spielt nur die "Quick", die es längst nicht mehr gibt. Gut gemeint und gut gemacht ist Bohms Film ohne Zweifel. Wäre er ein wenig wagemutiger, hätte er viel spannender sein können.

Gangsteraction, Polizeiklamauk und Loser-Lovestory

"Clowns": Joe (Jochen Nickel) verschanzt sich mit Robin (Jonathan Beck) im Kinderheim
SWR / Schweigert

"Clowns": Joe (Jochen Nickel) verschanzt sich mit Robin (Jonathan Beck) im Kinderheim

Eine auch nicht unkomplizierte, aber frei erfundene Geschichte erzählt "Clowns" (Fr. 25.5. Arte 20.45 Uhr): Ein trauriger Schauspieler, der zum Broterwerb auf Kindergeburtstagen den Clown mimen muss, steckt im Clownskostüm im Stau, als das Radio meldet, die Polizei suche einen als Clown verkleideten Bankräuber. Zwei Polizisten, die eine Gefangene ins Gefängnis bringen, stehen im selben Stau und halten den echten Clown für den Räuber. Als sie ihn verhaften, flieht im Trubel die Frau und nimmt den zu Unrecht gejagten Clown mit. Während die Gefangene zu ihrem Sohn ins Kinderheim strebt, heftet sich nicht nur die Polizei an die Fersen des unfreiwilligen Paares - sondern auch der echte Bankräuber, der sich nämlich nicht freut über den falschen Verdächtigen, sondern ihm den Ruhm neidet, den er selbst verdient zu haben wähnt.

Wäre diese Story mit De Niro, Clooney und Uma Thurman besetzt und wäre dazu ausreichend Geld in Autoverfolgungen investiert worden, dann würde sich niemand wundern über das Bemühen, Gangsteraction, Polizeiklamauk, Familien-Emotion und Loser-Lovestory brachial zu kreuzen. Auch in der deutschen Billigversion funktioniert das Konstrukt recht anständig, weil ihm Frank Giering als trauriger Clown, Jochen Nickel als durchgeknallter Bankräuberclown und Anna Thalbach Leben einhauchen. Trotzdem fragt man sich, warum junge deutsche Filmemacher (Regie und Buch: Tim Trageser) so gerne Filme drehen, die immer an Hollywood-Filme erinnern, die meist schon deshalb besser sind, weil sie teurer sind.

Außerdem neu:

Sa. 19.5. Sat.1 20.15 Uhr: "Fußball ist unser Leben"
(Regie: Tomy Wigand, Buch: Mathias Dinter, Martin Ritzenhoff, Christian Thebaud)
Im letzten Jahr war ProSieben so überzeugt von diesem Fernsehfilm, dass es ihn im Eigenverleih ins Kino brachte. Dort lief das mäßig witzige Werk, in dem Uwe Ochsenknecht als Fußballfanatiker einen faulen Stürmer (Oscar Ortega Sánchez) entführt, mit gar nicht so geringem Erfolg. Inzwischen hat ProSieben den Fußball-Sender Sat.1 geheiratet und überlässt ihm das Werk zur Ausstrahlung direkt nach dem Bundesliga-Finale. Der Clou: Die Geschichte spielt bei Schalke 04, das immer noch Deutscher Meister werden könnte. Leo Kirch hat eben den Killerinstinkt wie sonst nur Bayern München.


Sa 19.5. ZDF 20.15 Uhr: "Zwei Brüder: Abschied"
Den nehmen die Wepper-Brüder vom ZDF-Samstagskrimi.
(Regie: Andy Bausch, Buch: Thomas Oliver Walendy)


So. 20.5. ARD 20.15 Uhr: "Tatort: Totenmesse"
(Regie: Thomas Freundner, Buch: Andreas Pflüger, Pim Richter)
Die sächsischen Kommissare (Peter Sodann, Bernd Michael Lade) untersuchen Mädchenmorde.


Mo. 21.5. ZDF 20.15 Uhr: "Frauen lügen nicht"
(Regie: Michael Juncker, Buch: Juncker, Siegbert Kammerer, Helmut Trunz)
Trotz des genialen Titels floppte die fürs Kino gemachte Beziehungskomödie mit Martina Gedeck und Jennifer Nitsch. Jetzt erlebt sie ihre TV-Premiere.




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