Televisionen: Von manischer Minne und liebeskranken Kommissaren

Sat.1 schlägt in "Liebeskrank" einen Bogen zwischen der Trendstraftat Stalking und mittelalterlicher Minne, während bei der ARD ein bayerischer Tatort-Kommissar in eine Liebesgeschichte purzelt , die zu schön ist, um wahr zu bleiben. Die SPIEGEL ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Bea (Muriel Baumeister) muss sich der krankhaften Liebe des Psychopathen Jürgen erwehren
Sat.1

Bea (Muriel Baumeister) muss sich der krankhaften Liebe des Psychopathen Jürgen erwehren

Mancher Thriller wäre interessanter, wenn der stereotype Showdown nicht das Ende des Films, sondern lediglich den Abschluss des zweiten Akts bedeutete. Wenn also nach der Szene, in der die geplagte Heldin mit Mühe und Not den Schurken erledigt, nicht die Klappe fiele, sondern sie dem stur am Gesetzeswortlaut interessierten Polizeibeamten erklären müsste, was passiert ist.

Dann nämlich wäre die fragile Kunsthistorikerin Bea Valori (Muriel Baumeister) aus "Liebeskrank" (Dienstag, 6. November, Sat.1, 20.15 Uhr) gezwungen zu erläutern, warum ausgerechnet der sympathische Mediävist Jürgen (Pierre Besson) festlich gekleidet in einer unterirdischen altrömischen Grabkammer zu Köln liegt, zerschmettert von einer Steinplatte, die sich durch sein Rütteln an Gittern, hinter denen er gefangen war, von der Decke gelöst hat...

Dass Jürgen ein Psychopath war, der nach dem ersten Rendezvous Hochzeitseinladungen verschickt, wollte zu seinen Lebzeiten niemand glauben. Denn er war ein recht raffinierter Psychopath in einem recht raffinierten Psychothriller. Jürgen war ein "Stalker" - "jemand, der aus Liebe um dich herum schleicht" und Frauen mit unerwünschter Aufmerksamkeit belästigt. Die Verkörperung eines jener griffigen US-Trends von Webcamsex bis Date Rape, die in deutschen Redaktionen immer auf offene Ohren stoßen. Pro Jahr würden rund eine Million Frauen und 370.000 Männer Opfer des Stalking, hat das amerikanische Justizministerium ermittelt.

Der Film von Olaf Kreinsen (Regie) und Guido Marc Pruys (Buch) nimmt einen überraschend dezenten Verlauf. Die ernsthafte Bea, die vor allem für die Kunstwissenschaft lebt, wird von einem wohlmeinenden Kollegen mit dessen Nachbarn bekannt gemacht. Sie lebt in einem Haus, dessen gläserne Fronten zum Garten eine ideale Voraussetzung zum unheimlichen Beobachtetwerden bilden, allein mit einer Katze, deren dramaturgischer Daseinsberechtigung eben jene ist, die seit der "Verhängnisvollen Affäre" alle Thrillerkatzen haben.

Liebeskrank in der Grabkammer: Kunsthistoriker-Kulisse à la "Indiana Jones"
Sat.1

Liebeskrank in der Grabkammer: Kunsthistoriker-Kulisse à la "Indiana Jones"

Aber Muriel Baumeister trifft die Mitte zwischen gesundem Menschenverstand, der davon ausgeht, dass sich alles im Vieraugengespräch regeln lässt, und kontrollierter Panik. Jürgen hält Vorlesungen über die Minne des Mittelalters und jene Prinzipien, die gerade wieder en vogue sind: "Hoffnungslosigkeit des Sehnens ist eines der Grundmotive der hohen Minne", das der Stalker Jürgen offenbar verinnerlicht hat. Er ist jemand, der sich nicht demütigen lässt, weil sein Stolz im Verzicht auf Stolz liegt.

Dass Opfer und Täter eher zurückhaltende Menschen sind, macht den Film ungewöhnlich leise. Es hilft, die Differenzen auszuloten zwischen intimen Momenten, in denen sich der Minne-Stalker als obsessiv romantischer Autist erweist, und der Schauseite. Die Menschen rund um Bea und Jürgen begegnen allem erst mal mit toleranter Indifferenz. Wenn sein Nachbar, der täppische Kumpeltyp (Klaus Schreiber), Jürgen mit Vorwürfen konfrontiert, dann streitet der sie zur Hälfte ab, schiebt den Rest auf die Liebe, das seltsame Spiel, und die beiden gehen ein Kölsch trinken. Diese mitunter verhängnisvolle Ökonomie der mitmenschlichen Aufmerksamkeit schildert "Liebeskrank" ganz schön subtil.

Dafür sei es dem Film geschenkt, dass er seinen Showdown unbedingt in der Optik preiswerter Kunsthistoriker-Action-Verschnitte à la Indiana Jones und Lara Croft gestalten muss, mit geheimen Grabkammern aus goldenbraunem Pappmaschee, in denen just in dem Moment eine Platte von der Decke plumpst, wenn Schluss sein muss.

Malerin Anne (Jeanette Hain), Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und der Galerist Dr. Knuth (Nikolaus Paryla) "Im Freien Fall"
BR / Marco Pichler

Malerin Anne (Jeanette Hain), Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und der Galerist Dr. Knuth (Nikolaus Paryla) "Im Freien Fall"

In netterer Form liebeskrank ist der bayrische Kommisar Leitmayr (Udo Wachtveitl), der in "Tatort: Im freien Fall" (So. 4.11., ARD 20.15 Uhr) erst aus einem nächtlichen Alptraum wachgeklingelt wird und dann bei einer Tatortbesichtigung im wahrsten Wortsinn Hals über Kopf in einen äußerst realen Alptraum hinein purzelt. Der endet mit viel Glück im Schlafzimmer einer schönen Anwohnerin (Jeanette Hain), und aus ihm entwickelt sich eine traumhafte Liebesgeschichte - die allerdings zu schön ist, um wahr zu bleiben.

Für zwei Monate dienstunfähig geschrieben, nimmt Leitmayr seine Espressomaschine aus dem Büro mit, überlässt die Pflege seiner Grünpflanzen den Kollegen, und erlebt die große Liebe. Derweil verhört Kollege Batic (Miroslav Nemec) wie gewohnt Verdächtige, was der ödere Handlungsstrang ist. Was weiter passiert, ist keine Überraschung: Große Liebe und Kriminalfall werden rechtzeitig vor Christiansen in einem Atemzug abgewickelt. Schön aber ist die Leichtigkeit, mit der alles (Regie: Jobst Oetzmann, Buch: Alexander Adolph) seinen Lauf nimmt, sowohl die schwungvolle Liebesgeschichte als auch deren schwebender Übergang ins eher Existenzielle, einen Gewissenskonflikt für Leitmayr, der weder als Liebender noch als Polizist mit sich zufrieden sein kann.

Außerdem wichtig:

Montag, 5. November, Arte, 20.15 Uhr
"Familiengeschichten: Bittere Wahrheit"
Wer künftig um 20.15 Uhr "horizontal" (von Montag bis Samstag täglich) Arte einschaltet, kann ein ambitioniertes Filmprojekt verfolgen: Geschichten von zweieinhalb Stunden Dauer aus entlegenen europäischen Regionen, in sechs Teile portioniert. Der erste der mit digitalen Handkameras gedrehten Filme führt nach Wales, wo sich in einem grauen Städtchen auf gälisch (in der Originalfassung) ein wendungsreiches Familiendrama abspielt. Sozialer Realismus, hoch emotional wie bei Ken Loach zu seiner besten Zeit.

Montag, 5. November, ZDF, 0.05 Uhr
Hans Warns - Mein 20. Jahrhundert
(Regie und Buch: Gordian Maugg) Das Leben eines deutschen Seemanns in der ersten Jahrhunderthälfte in einer befremdlichen Mischung aus authentisch alten Aufnahmen und nachgestellten Szenen.


Mittwoch, 7. November, ARD, 20.15 Uhr
"Die Häupter meiner Lieben"
(Regie: Hans-Günther Bücking, Buch: Knut Boeser und Christian Lyra) Einige Ingrid-Noll-Verfilmungen kamen im Kino verblüffend gut an. Diese WDR-Koproduktion kam 1999 nicht gut an, was nicht verblüfft.


Donnerstag, 8. November, ARD, 23.00 Uhr
"Vom Himmel das Blaue"
(Regie: Jörn Hintzer, Buch: Henning Köhn) Komödie: Bernd Michael Lade tut vor vorübergehend erblindeter Afrikanerin (Joana Adu-Gyamfi) so, als ob er ein Schwarzer wäre...


Freitag, 9. November, Arte, 23.25 Uhr
"Die Königin - Die Schauspielerin Marianne Hoppe"
Werner Schroeters Dokumentarfilm von 1999 in deutscher Erstausstrahlung

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