Televisionen: Webcam-Sex kurbelt die Wirtschaft an

Von Christian Bartels

Ein Erotikthriller auf Sat.1 macht die Deutschen fit für die Online-Zukunft. Das ZDF untersucht derweil, ob sich Männer und Frauen so zueinander verhalten wie Spinat und Spiegelei. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

"Die heimlichen Blicke des Mörders": Junge Frauen verteilen Digitalkameras in ihren Lofts
SAT.1 / Wiesen

"Die heimlichen Blicke des Mörders": Junge Frauen verteilen Digitalkameras in ihren Lofts

Wir User wissen ja schon, was die Mehrheit unserer Mitbürger noch immer nur dunkel ahnt: Das Internet verändert Welt und Wirtschaft. Es bietet Chancen, aber auch Risiken. Am Beispiel des Trendberufs Webcam-Girl packt "Die heimlichen Blicke des Mörders" (Di, 27.3. Sat.1 20.15 Uhr) die Nicht-User mit dem Anschein eines Erotikthrillers, führt sie heran ans Net Business und wirkt der digitalen Spaltung der Gesellschaft entgegen.

Da ist es verzeihlich, dass der Film die Übertragung von bewegten Bildern und gesprochener Sprache im Netz gemäß den Maximen des sozialistischen Realismus darstellt: Nicht, wie es ist, sondern wie es sein sollte. Junge Frauen verteilen also Digitalkameras in ihren Lofts, lassen die Spanner der Welt live an ihrem Sexualleben teil haben oder bieten Stripdienstleistungen an. Die einen arbeiten freiberuflich von zuhause aus, andere sind in einer Art Filmstudio angestellt, in dem sie sich vor wechselnden Kulissen in unterschiedlichen Rollen auf Kernkompetenzen konzentrieren und ihre Services auf diverse Zielgruppen zuschneidern. Gezahlt wird bequem per Kreditkarte. Weitere Webcamgirls wie Cora (Wiebke Bachmann) reden nur mit den Männern und leben von den Bannern auf ihrer Homepage.

Selbstverständlich darf man nicht sentimental sein in der Zukunftsbranche. Gerne würde sie offline eine Anstandsfrist wahren, erklärt die Chefin des Websex-Studios, nachdem eines ihrer Girls am Arbeitsplatz erwürgt wurde, "aber unser Service läuft nun mal 24 Stunden". Würde doch der verwöhnte User ansonsten mit einem Mausklick in einen Online-Puff in der Dritten Welt wechseln, wo sich Mädchen bestimmt nicht schocken lassen, bloß weil sie ermordet werden. Das Web fördert Globalisierung und knallharten Wettbewerb, da müssen wir uns warm anziehen...

Webcam-Sex erregt die Gemüter: Bea Moll (Doreen Jacobi) muss ihren Partner Schlink (M. Mittermeier, l.) zurückhalten. Er hält den Ex-Häftling Becker (Patrick Joswig, r.) für den gesuchten Mörder.
Sat.1

Webcam-Sex erregt die Gemüter: Bea Moll (Doreen Jacobi) muss ihren Partner Schlink (M. Mittermeier, l.) zurückhalten. Er hält den Ex-Häftling Becker (Patrick Joswig, r.) für den gesuchten Mörder.

Das wussten offenbar auch die Filmemacher (Regie: Michael Keusch, Buch: Christos Yiannopoulos): Keine drei Minuten sind vergangen, schon sind sowohl das Liebesspiel zwischen der jungen Kommissarin und ihrem Kollegen auf der Rückbank ihres Wagens, als auch der Mord an einem äußerst nackten Websex-Girl zu sehen gewesen.

Und immer, wenn vor der Webcam gemordet wird, rotiert der Visit-Zähler auf der Website. Vielleicht ist es diese mediale Selbstreflexion inmitten des Trashs, vielleicht sind es die Charaktere, die wie selbstverständlich mit dem Hightech-Equipment umgehen und manchmal zärtlich über ihre Flachbildschirme streichen und in deren Gesichtern geschrieben steht, dass moderne Technik mindestens so müde wie glücklich macht - ein Hauch von Wahrheit steckt durchaus in diesem argen Sex-and-Crime-Humbug. Vielleicht irritiert auch nur, dass die Frauen im Film alle gleich aussehen. Nur Doreen Jacobi als die Kommissarin sieht etwas gleicher aus.

Pheromone, Ägyptologie und Hundesitterinnen

"Jetzt bin ich dran, LIebling": Jost (Jochen Horst) verliebt sich in die Hundesitterin Kerstin (Sabine Wolf). Sind Pheromone im Spiel?
ZDF

"Jetzt bin ich dran, LIebling": Jost (Jochen Horst) verliebt sich in die Hundesitterin Kerstin (Sabine Wolf). Sind Pheromone im Spiel?

Als wären die Herausforderungen der Zukunft nicht schwer genug zu bewältigen, birgt auch die traditionelle Arbeitswelt noch unbewältigte Konflikte. Davon kündet anfangs das ZDF-Fernsehspiel "Jetzt bin ich dran, Liebling" (So 25.3. 20.15 Uhr), das Dagmar Hansens Roman "Spinat und Spiegelei" endlich auf den Bildschirm bringt (Regie: Michael Steinke, Buch: Hansen, Thomas Hernadi): Er, Jost (Jochen Horst), ist Architekt mit Frau, Kind und dem realisierbaren Traum, eines Tages in seiner Firma Geschäftsführer zu werden. Sie, Delia (Anja Kruse), ist jene Frau, hat das Kind ein bisschen groß gezogen und strebt in den alten Beruf der Ägyptologin zurück. In der schönen Eifel allerdings, wo Männer morgens mit ihren besten Freunden über grüne Wiesen joggen und Männersachen bereden und Frauen ihre Männer zum Feierabend mit handgeputzten Autos überraschen wollen, ist das schwierig.

Delia will also nach Berlin, um zu arbeiten, aber Jost kauft ihr erst mal einen großen Hund, der Ramses heißt, was natürlich keine Lösung ist. Nun könnte sie ja einfach zwei Jahre nach Florenz gehen, eine Wohnung kaufen und Malen lernen. Aber da findet sich die Lösung in der Werbebranche, in der Delia durch Qualität und Authentizität überzeugt und sich bei der Konzeption des Parfüms "Pharao" sogar ägyptologisch verwirklichen kann.

Zur selben Zeit auf der grünen Wiese zieht der große Hund Jost beim Joggen zu Boden, woraufhin das Herrchen mit sauber aufgetragener Dreckschwade auf der Wange - fast so, als wäre Jochen Horst wirklich in den Dreck gefallen - einer jungen Frau ins Gesicht blickt, die nicht nur Hundesitterin ist und als Studentin die Auswirkung der Pheromone im männlichen Schweiß auf die Sexualsteuerung bei Frauen erforscht, sondern sich auch in Jost verliebt. Zufällig enthält auch das Parfüm "Pharao" Pheromone, was aber - und das ist nun wirklich eine faustdicke Überraschung - gar nichts mit der Hundesitterin zu tun hat. Später fahren alle erst mal in den sonnigeren Süden...

Delia (Anja Kruse) will wieder als Ägyptologin arbeiten. Ihr Mann Jost (Jochen Horst, l.) verkleidet sich schon mal als Mumie.
ZDF

Delia (Anja Kruse) will wieder als Ägyptologin arbeiten. Ihr Mann Jost (Jochen Horst, l.) verkleidet sich schon mal als Mumie.

Unmerklich schält sich aus dem ebenso aberwitzigen wie turbulenten Handlungsverlauf eine tiefe Traurigkeit heraus, die einer ungeheuren Langeweile künstlerischen Ausdruck verleiht, wie sie manchen Fernsehredakteuren aus den Abgründen des Lebens entgegen gähnen muss. Weshalb sich diesem Film auch nur gefestigte Gemüter aussetzen sollten...

Bliebe die Frage, ob sich Männer und Frauen so zueinander verhalten wie Spinat und Spiegelei. Sie pappen halt aneinander, wie einige Filmszenen zeigen. Aber das ist womöglich überinterpretiert.

Außerdem neu:

So., 25.3. ARD 20.15 Uhr: "Tatort - Berliner Bärchen"
(Regie: Detlef Rönfeldt, Buch: Pim Richter, Andreas Pflüger)
Die Spur eines Mörders führt die Berliner Kommissare (Dominic Raacke und neu: Boris Aljinovic) in die polnische Gemeinde der Hauptstadt


Mo., 26.3. ZDF 20.15 Uhr: "Ein unmöglicher Mann 5"
(Regie und Buch: Thomas Berger nach Geschichten von Stromberger)
Siehe auch: Televisionen:"Wo sind nur die Drombuschs hin?"


Di., 27.3. RTL 20.15 Uhr: "S.O.S. Barracuda: Der Hai von Mallorca"
(Regie: Holger Barthel, Buch: Michaela Rudolph)
Marc (Oliver Bootz) verguckt sich in die Tochter eines Mörders.
Siehe auch: Televisionen: "Naddel und die netten Männer"

Mi. 28.3. RTL 20.15 Uhr: "Die Salsaprinzessin" (Regie: Dror Zahavi, Buch: Georg Heinzen)
Pummlige Krankenschwester verguckt sich in rassigen Latino-Tänzer


Fr. 30.3. Arte 20.45 Uhr: "Der Briefbomber" (Regie: Torsten C. Fischer, Buch: Holger Karsten Schmidt)
Der Fall des österreichischen Briefbomben-Attentäters Franz Fuchs als unterkühltes Dokudrama mit Sylvester Groth und Bibiana Beglau


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