"Terra cognita"-Ausstellung Konrad und die sieben Kanzler

Fotografien zwischen Macht und Missbildungen: Das Deutsche Historische Museum zeigt eine Ausstellung von Konrad R. Müller.

Von Harriet Dreier


Der Kanzler und sein Fotograf: Gerhard Schröder und Konrad R. Müller
Hercher

Der Kanzler und sein Fotograf: Gerhard Schröder und Konrad R. Müller

"Terra cognita" - "Die bekannte Welt": Der Name ist Programm. Anlässlich des 60. Geburtstags des Fotografen Konrad R. Müller zeigt das Deutsche Historische Museum im Berliner Kronprinzenpalais vertraute Gesichter: Luis Trenker, Adenauer, Sadat oder Dürrenmatt. Dazu kommen Müllers Portraits der sieben deutschen Kanzler von Konrad Adenauer bis Gerhard Schröder.

Der aktuelle Kanzler ließ es sich natürlich nicht nehmen, die Ausstellung, die eine Portraitreihe von ihm zeigt, auch gleich zu eröffnen. Auf einer Hinweistafel kommentiert Müller die Bilderreihe von Schröder: "Er bewegt sich unweigerlich in Richtung auf die Schönheit und Erotik des Alters". Der Fotograf verrät: "Schröder ist ein Profi, der genau weiß, worauf es bei Bildern ankommt."

Konrad Müller wird oft mit dem Attribut "Kanzlerfotograf" bedacht. Er hat die Gesichter der Politiker auf ungewohnte Weise eingefangen und gleichzeitig die Spuren der Macht aus nächster Nähe eingefangen. Seine Schwarz-Weiß-Bilder sind mit der Hand abgezogenen Unikate, ohne Kunstlicht fotografiert und zumeist im kleinen Format.

Fotografie von Konrad R. Müller: "Helmut Kohl"
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Fotografie von Konrad R. Müller: "Helmut Kohl"

Trotz der vielen bekannten Persönlichkeiten, die vor seiner Linse posierten: ein ausschließlicher Hoffotograf ist Müller nicht. Die Werkschau mit ihren rund 300 Arbeiten eröffnet einen neuen Blick auf den Künstler: Aus seiner Dunkelkammer stammen auch sensible Stillleben und Landschaftsstudien. Erstmals zu sehen sind seine Bilder missgebildeter Föten aus dem Medizinhistorischen Museum der Charité. Nichts für schwache Nerven - deshalb warnt ein Schild Eltern auch vor der Betrachtung. Sensationslust oder Voyeurismus sollte man dem Künstler jedoch nicht unterstellen: Bei den Aufnahmen der Föten ging es darum, den Kindern "menschliche Würde" zu verleihen, so Müller.

In seiner Heimatstadt Berlin begann Konrad R. Müller mit einem Studium der Malerei an der Hochschule der Bildenden Künste, brach es aber nach wenigen Semestern ab, um sich mit der alten Rolleiflex seines Vaters auf den Weg nach Bonn zu machen. Konrad Adenauers Gesicht hatte ihn so beeindruckt, dass er schon als junger Kunststudent Portraitzeichnungen nach Pressefotos anfertigte. Müller: "Mich hat es immer schon interessiert, hinter die Kulissen zu schauen."

Im Herbst 1965 entstanden seine ersten Portraitfotografien. Doch es dauerte fast zehn Jahre, bis Müller aus seiner Passion einen Beruf machte. Kanzler Schröder wunderte sich in seiner Eröffnungsrede: "Wie kommt ein junger Mann dazu, Konrad Adenauer zu fotografieren? Viele hatten in den 60er Jahren anderes im Sinn - ich weiß wovon ich rede. Viele waren mit der Planung der Revolution beschäftigt, die wir heute zu verhindern suchen. Ich meine damit nicht nur den Außenminister." Der ebenfalls anwesende Joschka Fischer lachte.

"Terra cognita". Deutsches Historisches Museum, bis 14. November, täglich außer Mi 10 bis 18 Uhr, Do bis 22 Uhr



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