S.P.O.N. - Oben und unten Doppelmoral hält schön warm

Terror gibt es nur mit Bart und Koran, und dann ist er ein Angriff auf unsere Werte. Wenn aber Menschen in einer Abtreibungsklinik erschossen werden, dann war es immer ein Einzeltäter. Warum eigentlich?

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Polizeieinsatz nach Angriff auf "Planned Parenthood Clinic" in Colorado, 27. November 2015
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Polizeieinsatz nach Angriff auf "Planned Parenthood Clinic" in Colorado, 27. November 2015


Da haben schon wieder bärtige religiöse Fanatiker Menschen in den USA erschossen. Wieder irgendwelche Bekloppten mit Waffen, die in eine gemeinnützige Einrichtung rein sind, diesmal in Kalifornien, wieder unschuldige Leute tot. "Wir haben im Moment keine Informationen, die darauf hinweisen, dass das terroristisch ist in dem Sinne, in dem Leute gedacht haben könnten, dass es terroristisch ist", sagte die Polizei in San Bernardino zunächst. Zunächst. Inzwischen sind wir schlauer. Natürlich waren das Terroristen. In dem Sinne, in dem wir alle denken, dass es terroristisch ist. Der eine war in Saudi-Arabien gewesen, hat sich von da eine Frau mitgebracht und sich dann einen Bart wachsen lassen. Alles klar.

Da war doch neulich schon mal was. Letzten Freitag, diese Schießerei in der Abtreibungsklinik in Colorado. 24 Geiseln, drei Menschen tot, neun weitere verletzt. Die Kliniken von "Planned Parenthood" wurden in der Vergangenheit zwar schon mehrfach angegriffen. Kann auch sein, dass die US-Behörden von "inländischem Terrorismus" sprechen, aber was soll's. Reden wir uns ein, das war nur ein Einzeltäter.

Und was für einer! Die "New York Times" schrieb, der Täter sei eher so der einsame Typ gewesen, genauer: "Ein sanftmütiger Einzelgänger, der gelegentlich gewalttätig war gegen Nachbarn und Frauen, die er kannte." Wie so ein verwegener Romantiker, der halt manchmal austickt. Nachdem die Formulierung kritisiert worden war, ließ man bei der "New York Times" erst das "sanftmütig" (gentle) weg und änderte dann später den ganzen Satz. Nun ging es um einen "umherziehenden Einzelgänger, der eine Spur von Auseinandersetzungen hinterließ und von gelegentlicher Gewalt gegen Nachbarn und Frauen, die er kannte". Seine Ex-Frau erzählt, er habe ihren Kopf auf Betonboden geschlagen und schon mal Kleber in die Türschlösser einer anderen Planned-Parenthood-Klinik geschmiert. Ach, aber Exfrauen, die reden ja auch viel, wenn der Tag lang ist, nicht wahr.

Religiös soll er gewesen sein, ja. Aber Christ, nicht Moslem oder so. "Turn to JESUS or burn in hell", soll er mal auf einer Webseite geschrieben haben. Och, jo, im Internet. Was schreibt man da nicht alles rein, wenn man bei Laune ist. Ist auch schon zehn Jahre her, Schwamm drüber. Ein alter bärtiger Kauz, der mal in einer Hütte im Wald lebte und mal in einem Wohnmobil, so beschreiben ihn Medienberichte. Ist doch gut, klingt nach Abenteuer. Jaaa, einen alten bärtigen Kauz, der in einer Hütte oder einem Wohnmobil in der Wüste lebt und den Koran liest, den würden wir gefährlich finden. So ein Bart ist nämlich nicht einfach ein Bart. Tut vielleicht nicht weniger weh, für Jesus erschossen zu werden als für Mohammed, aber weiß man's?

Schmutziges Thema. Wollen wir nicht wissen

Täter, die nicht Mohammed oder so heißen, sind im Zweifel einfach verrückte Einzeltäter. Amokläufer. Durchgeknallte. Unauffällige Einzelgänger, die dann plötzlich... und so weiter. Eine kleine, hässliche Panorama-Meldung, fertig. Könnte natürlich sein, dass sich der Anschlag einfügt in eine schon etwas länger geführte Debatte um Abtreibung in den USA. Die "Süddeutsche" berichtet, in den vergangen 20 Jahren habe es im Schnitt 257 Fälle pro Jahr von Angriffen gegen Abtreibungskliniken oder Ärztinnen und Ärzte gegeben. Im Juli hatten Abtreibungsgegner der Non-Profit-Organisation "Planned Parenthood" vorgeworfen, mit Körperteilen von Föten Geld zu verdienen; die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos.

Das ist aber alles kein Terror, gegen den wir unsere Werte verteidigen müssen. Nö. Machen wir nicht. Warum denn? Das ist bei uns: "Vermischtes". Bekloppte USA und so. Was sollen das denn für Werte sein, für die so eine Klinik steht? Da gehen halt Frauen hin, wenn sie abtreiben wollen, zum Beispiel. Oder wenn sie einen Schwangerschaftstest brauchen oder eine Vorsorgeuntersuchung und oftmals keine Krankenversicherung haben. Müssen wir die schützen? Hmmm. Wissen wir nicht. Schmutziges Thema. Wollen wir nicht wissen.

Okay, man könnte nach so einem Angriff auf eine Abtreibungsklinik über Selbstbestimmung sprechen, über Freiheit und Emanzipation und so. Man könnte Titelseiten und Dossiers füllen mit Frauenrechten und der ekligen Hetze von Leuten, die sich "Pro-Life"-Aktivistinnen und -Aktivisten nennen und dafür dann Menschen angreifen und auch töten. Wir könnten uns fragen, ob es so krasse Abtreibungsgegner auch hier in Europa gibt und man hier auch gefährdet ist, wenn man als Frau einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt.

Aber wozu die Panikmache. Wegen eines Einzeltäters. Ein Islamist und eine Islamistin, die eine Weihnachtsfeier in einer Behinderteneinrichtung attackieren, das ist interessanter. Sind wir deswegen bigotte, rassistische Eier? Oder ein bisschen frauenfeindlich, vielleicht, oder alles zusammen? Nö. Wir haben nur Prioritäten. Ach, und selbst wenn! Die Doppelmoral macht es so schön übersichtlich.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 158 Beiträge
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Seite 1
eisbärchen_123 03.12.2015
1. Warum eigentlich?
Zitat: "Terror gibt es nur mit Bart und Koran. Wenn aber Menschen in einer Abtreibungsklinik erschossen werden, dann war es immer ein Einzeltäter. Warum eigentlich?" ---- Ist das eine rethorische Frage oder tatsächlich ernst gemeint? Wenn sie wirklich eine Antwort wollen, wie wäre es mit dieser: Das liegt wahrscheinlich daran, dass es tagtäglich im Schnitt Dutzende islamistisch motivierter Terrorakte weltweit gibt, bei denen laut Statistik jährlich Tausende Menschen sterben, während Angriffe auf Abtreibungskliniken - so schlimm sie im Einzelfall sein mögen - tatsächlich nur alle Schaltjahr mal vorkommen. Ist ihre Frage damit hinreichend beantwortet?
SeasickSteve 03.12.2015
2. Unfug ...
... ein an den Haaren herbeigezogener Vergleich, um den islamischen Terror, dem in 2015 weltweit bislang ca. 33.000 Menschen (in ihrer Mehrzahl Muslime) zum Opfer gefallen sind, zu relativieren. Ein weiterer Tiefpunkt in der nach unten scheinbar offenen Augstein-Skala ...
maipiu 03.12.2015
3. Gut gebrüllt, Löwin!
Wir sollten auch in der Sprache viel genauer sein und aus einem Massaker in einer Familie, in der wehrlose Frau und Kinder ermordet werden, nicht euphemistisch ein Familiendrama machen. Aber wen juckt das schon?
brille000 03.12.2015
4. Medienterror
Danke, Frau Stokowski, endlich mal 'n Artikel von Ihnen, mit dem ich leben kann und den ich nicht erst mühsam auf seinen Inhalt hin entschlüsseln muss. Sie haben schon recht damit, dass islamistisch geprägte Gewalttaten in unserer ach so freiheitlich-demokratischen Welt medial sehr breit bearbeitet werden. Im vorliegenden Fall war die Tat gerade einmal geschaehen, da liefen in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern schon die Sondersendungen an. So wurden Leute präsentiert, die selber auch nichts wussten, aber schon mal darüber berichten sollten. Der mittlerweile so typische Medienterror dieser Staatssender. Hört endlich auf damit! Dümmer geht nimmer. In den USA geschehen aller naselang Amokläufe wie diese. Wenn aber der Amokläufer einen Bart trägt und noch eine Ehefrau aus dem nahen Osten hat, ja dann ... .
Hank Hill 03.12.2015
5. Die Zahl
der Toten bei Attacken christlicher Fanatiker und Islamisten steht in keinen Verhältnis. Die Bedrohung geht ganz klar von den islamischen Wahnsinnigen aus, wie man es dreht und wendet. Allein in Staaten mit mehrheitlich moslemischer Bevölkerung ist die Zahl der Opfer von islamischem Terror riesig. Das hat die Autorin wohl übersehen.
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