Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nach dem Terror in Paris: Der Preis der Freiheit

Ein Debattenbeitrag von Nils Minkmar, Paris

Blumen nahe dem Bataclan in Paris: Paris changiert zwischen Verdrängung und Depression Zur Großansicht
Getty Images

Blumen nahe dem Bataclan in Paris: Paris changiert zwischen Verdrängung und Depression

Mehr Sicherheit? Mehr Polizei? Mehr Militär? Es wird nichts helfen. Denn Schutzlosigkeit ist das Kennzeichen unserer offenen Gesellschaft, die hohe Zahl der Opfer ist ihr Preis. Diese Wahrheit sollten wir uns ehrlich eingestehen.

Das Plakat leuchtet verheißungsvoll in der Sonne dieses ungewöhnlich warmen Novembersonntags: Die Doors werden spielen. Hier, in Paris. Es ist gar nicht mehr so lang hin, im Januar soll es sein. Der Mann auf dem Bild ähnelt Jim Morrisson, und wenn man blinzelt, dann ist er es ganz sicher, dann liegt er gar, fürsorglich belagert von den Hippies der Welt im Père Lachaise. Die Doors werden an jenem Samstag, dem 16. Januar 2016 dann im Bataclan auftreten.

Es ist ja alles ganz anders, bloß eine Tribute-Kapelle. Und ob dort je wieder Konzerte stattfinden werden, steht in den Sternen. Aber man steht vor dem Poster und möchte alles vergessen, möchte sich eine Karte für diesen Auftritt kaufen, sich drauf freuen und nicht daran denken, dass dieser Saal ein Tatort ist und ein Massengrab.

Zwischen Verdrängung und Depression

Paris changiert zwischen Verdrängung und Depression. Wie eine andere Form traumatischer Verarbeitung, wie ein Wahn klingen die politischen Verlautbarungen, die seit Freitag Nacht die völlig geschockte Öffentlichkeit zu martialischer Ordnung rufen wollen. Das Militär wird beschworen, Drohungen werden feste formuliert, aber wen sollen die beruhigen, wo doch das Schlimmste bereits eingetreten ist?

Hier klafft eine kognitive Dissonanz zwischen den Bürgern, die mitbekommen haben, dass die Mörder stundenlang in der Hauptstadt wüten konnten, und den offiziellen Trostworten, die versprechen, nun aber wirklich alles Notwendige zu tun. Aber hatten sie das nicht bereits im Januar versprochen, nach den Anschlägen auf jenes Symbol französischer Freiheit, die Redaktion von "Charlie Hebdo"?

Niemand hatte es damals ausgesprochen, aber es war doch vielen im Sinn gewesen: Die britische Regierung unter Margret Thatcher hatte es seinerzeit geschafft, Salman Rushdie sicher durch die Jahre der iranischen Bedrohung zu bringen, die Franzosen aber versagten an der Aufgabe, ihre so bedrohten Anarchisten zu schützen. Und nun, nach all den Sicherheitsgesetzen und so vielen heroischen Maßnahmen, nach der großen Demonstration vom 11. Januar und der nationalen Entschlossenheit, dieser alptraumhafte, lange und elende Angriff am Freitag, dem Dreizehnten.

Markige Worte und große Lehren

Im Radio hört man eine irritierend beschönigende Version der Lage. Franzosen klagen oft über das Auseinanderdriften zwischen den glatten Diskursen der Pariser Elite und der ziemlich rauen Realität ihres Alltags, in diesen Tagen aber ist diese Disparität kaum zu ertragen. Es kann einem schlecht werden.

Schon seit Freitag Nacht - die Umstände der Tat waren noch unklar, die Verletzten wurden notdürftig versorgt - zeigten die Politik und schnelle Experten, was für markige Worte sie kennen und welch ganz große Lehren sie plötzlich ziehen. Und das wird dann auf allen Kanälen wiederholt, als sei die Öffentlichkeit ein Kind, dem man mit Lösungen kommen muss, nie mit Sorgen, sonst wirft es sich wütend auf den Boden.

Aber wen soll, nach all den Jahren, die der Krieg gegen den Terror schon andauert, die Aussicht auf noch mehr Krieg überzeugen? Dem Nahen Osten mangelt es an manchem, sicher nicht am Willen und an den Mitteln zur kriegerischen Auseinandersetzung. Doch es wurde damit immer nur schlimmer.

Das Militär vermag einiges, aber in solchen Konstellationen eben nicht so viel. Es führt wohlgemerkt kein Weg daran vorbei, den schon viel zu lange ungehindert wütenden ISIS-Truppen militärisch entgegenzutreten, das wird aber unser Problem nicht lösen. Terrorismus ist eine Form des Bürgerkriegs. In der Zeit Helmut Schmidts zogen linkssektiererische Bürgersöhne und -töchter in den Krieg gegen ihren Staat und es war nicht die Bundeswehr, die dieser Plage Herr wurde. Nun radikalisieren sich Franzosen, Briten und sogar Saarländer in ihren eigenen vier Wänden und erklären den Nachbarn spontan den Dschihad - ein Flugzeugträger wird da nur von begrenztem Nutzen sein.

Eine politische Antwort auf den Terror

Die Bürger vollziehen doch in den grauenhaften Videos von Freitag Nacht, in den Suchmeldungen und Augenzeugenberichten nach, dass die Opfer, in denen sich jeder wiedererkennen kann, über eine Ewigkeit völlig schutzlos waren. Das wird nicht dadurch geheilt, dass man verspricht, künftig dies und das zu tun, damit die Mörder keine Chance haben - nächstes Mal. In Wahrheit ist diese Schutzlosigkeit, die Fragilité das Kennzeichen unserer offenen Gesellschaft und die hohe Zahl der Opfer ihr Preis. Diese Wahrheit sollten wir uns ehrlich eingestehen. Eines Tages werden auch die islamistischen Terroristen, wie all solche Mörder vor ihnen, auf dem Müllhaufen der Geschichte landen, fröhlich entsorgt von gerade jenen Menschen, die sie erleuchten wollten. Aber das wird dauern.

Die Zeit muss genutzt werden, besser als bisher. Der Terrorismus verlangt nach einer ambitionierten politischen Antwort. Der Linksterrorismus endete mit der Teilung Europas. Kaum waren die sozialistischen Länder und die Sowjetunion Geschichte, hörte auch das Morden durch RAF und Co auf. Und der Anfang vom Ende des Ostblocks war der Helsinki-Prozess, waren KSZE und OSZE. Das sind vergleichbare Zeiträume. Und so wie einst, in den siebziger und achtziger Jahren, die Blockkonfrontation das zentrale politische und intellektuelle Thema war, so sollte auch heute, für uns, die Zukunft des Nahen und Mittleren Ostens, die Toleranz unter Mittelmeernachbarn und generell die Struktur einer Weltinnenpolitik im Fokus aller Debatten stehen.

Nach der Französischen Revolution, nach Napoleon und dem Ende der alten europäischen Ordnung gab sich Europa auf dem Wiener Kongress eine neue Gestalt. Sie hielt sehr lang, es folgte vielleicht nicht die glanzvollste, aber auch nicht die übelste unserer historischen Epochen. So werden wir einen Ausweg aus diesem Elend suchen müssen: Mit Ausdauer, klaren Werten und flexiblen Mitteln. Aber wir fangen erst an, bestenfalls. Noch stehen wir, all das Blut vor Augen und völlig verdattert in einer ratlosen Stadt, angewidert und ängstlich, was da noch kommen mag.


Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 133 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
marthaimschnee 15.11.2015
Vielleicht sollten wir langsam mal anfangen, Probleme zu lösen, statt ständig neue zu schaffen. Dazu würde zunächst mal gehören, daß wir Fehler erkennen und diese versuchen zu korrigieren, anstatt einen falschen Weg solange zu gehen, bis es wirklich nicht mehr geht. Nach dem Ende des Ostblocks hatten wir die Chance auf eine bessere Zukunft. Und aus heutiger Sicht haben wir einfach alles falsch gemacht!
2. Die Leichen waren noch nicht mal kalt...
funnyone2007 15.11.2015
Die Leichen waren noch nicht mal kalt... und schon ruft die Polizei nach erweiterter Vorratsdatenspeicherung.. "Der Vizechef der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, hat angesichts der jüngsten Terrorserie in Paris mehr Überwachungsbefugnisse gefordert. Verbindungs- und Standortdaten sollten mindestens ein Jahr aufbewahrt werden." Nicht mal erwähnend, dass Frankreich schon seit 2006 eine umfassende VDS hat und nichts gebracht hat! Wie bewiesen wurde, bringt die Vorratsdatenspeicherung keine erhöhte Sicherheit Wie pervers ist so etwas, dass man die Opfer keine 24std später für eigene Interessen nutzen möchte um die Freiheit der Bürger noch mehr einzuschränken, noch mehr überwachen? Schämen die sich denn gar nicht mehr? Ohne Skrupel, ohne Pietät... http://www.heise.de/newsticker/meldung/Pariser-Anschlaege-Polizei-ruft-nach-erweiterter-Vorratsdatenspeicherung-2921757.html
3. Schutzlos?
cvdheyden 15.11.2015
Die Freiheit kann man verteidigen. Das was der Artikel darstellt ist komplett falsch.
4. eine offene Gesellschaft....
grussausberlin 15.11.2015
....erfordert Wehrhaftigkeit und ein vernunftgeleitetes Handeln, dass nicht von Hass, Gewaltphantasien und Vergeltung getrieben ist. Was im Affekt naheliegt - Wut der Verzweiflung, Aggression, Rache drückt sich erst im Denken, dann in der Sprache und schließlich in der Tat aus. Auf diese Dynamik hoffen die Terroristen. Den Gefallen tun ihnen Leute, die sich bei AfD, PEGIDA und front national wohlfühlen. Sie bewegen sich mental auf der Schiene, die ihnen die Mörder von Paris legen. Wir dürfen das nicht zulassen. Wir müssen lernen als Zivilgesellschaft die Werte hoch zu halten, die unser Zusammenleben ermöglichen im Umgang mit Verschiedenartigkeit und Veränderung. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass das, was woanders in der Welt geschieht, mit uns zu tun hat und von uns beeinflusst wird. Das ist unsere Chance.
5. Terroropfer sind der unvermeidbare Preis der westlichen Freiheit
Wirrrkopf 15.11.2015
Wenn uns diese Freiheit etwas wert ist dann beißen wir die Zähne zusammen und zahlen ihn! Es nützt nichts wenn wir diese Freiheit einem Überwachungswahnsinn opfern der den Terror doch nicht verhindern kann. Aber er kann die moralische Überlegenheit des Westens garantiert unterminieren. Und seien wir ehrlich uns selbst gegenüber: Wir zahlen im gesamten Leben den Preis für Freiheit und Bequemlichkeit. Dieser ist allein im Strassenverkehr im Potenzen höher als die Opfer durch Terror. Und die Mehrheit zahlt den Blutzoll ohne mit der Wimper zu zucken solange sie nicht selber Opfer werden. Warum sollte es beim Terror anders sein?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

Mehr auf der Themenseite | Frankreich | Frankreich-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: