S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Nüchtern und besonnen? So ein Quatsch

Nach den Anschlägen in Brüssel sollen wir wachsam, aber demokratisch offen bleiben, heißt es. Dabei sind die Menschen nicht selbst für so etwas wie Zuversicht verantwortlich.

Eine Kolumne von


Wieder ein Anschlag. Einer, der uns betrifft, also an einem Ort, mit dem sich der Deutsche identifizieren kann. Sind Deutsche unter den Opfern? Sind es Zivilisten? Sehen sie aus wie wir?

Seltsame Kriterien entscheiden über ein paar Sekunden des Mitgefühls, ehe die Welt sich wieder zu schütteln scheint und mit der Steigerung der Angst fortfährt. Die lässt sich nicht wegschreiben. Die lässt sich nicht gegenrechnen mit absurden Zahlen wie: Es sterben mehr Menschen in Amerika infolge von Waffenbesitz als bei Terroranschlägen. Wir sind nicht in Amerika.

Wir sind an Flughäfen, in Zügen, in Restaurants. Die Bevölkerung der westlichen Welt scheint gerade einer Meinung: Wir wollen Frieden. Und fast scheint es, sie wollte diesen Wunsch mit Waffen verteidigen. Der alte Konflikt rechts gegen links, der überholt schien, ist mit Macht zurückgekehrt. In der Mitte Hilflosigkeit. Einige Journalisten raten dazu, nüchtern und besonnen zu bleiben, was vermutlich schwierig ist, wenn man einen Angehörigen oder ein Körperteil in einem Massenmord verloren hat.

Nüchtern und besonnen. Das war noch nie die Kernkompetenz eines Volkes. Besonders nicht jetzt, da Europa seine Ideen eines lebendigen, kulturellen Miteinanders um die Ohren fliegen. Rassismus wächst, angesichts der Viertel in europäischen Großstädten, die für Frauen oder Homosexuelle zur unbetretbaren Zone geworden sind. Fremdenfeindlichkeit und Spießigkeit sind aus den Kellern ans Licht gekommen und werden nicht so schnell wieder verschwinden.

Europa ist ein unsolidarischer Klumpen von Ländern, die sich nicht mehr als Nachbarn, sondern als Gegner empfinden. Schaut man sich die Stimmung in Deutschland, Polen, Frankreich und so weiter an, so kann man sich verschwommen Dinge wie einen Bürgerkrieg vorstellen. Oder findet der bereits statt? Vielleicht ist die Welt unregierbar geworden, oder die verschlungenen Pfade des Kapitalismus lassen sie gerade außer Kontrolle geraten.

Für solche Fälle ist eine Regierung gedacht

Im Moment scheint die Bevölkerung der Länder, die ich ein wenig kenne, allein gelassen. Jede Gruppe mit ihren Ängsten, die einen vor dem Verschwinden der Welt, wie sie sie kannten, die anderen vom Verschwinden ihrer Werte, die sie sicher und unfehlbar glaubten. Klar ist im Moment, dass auf lange Zeit die scheinbare Ruhe gestört sein wird. Dass sich die Welt weiter auflösen wird, in Pharmaskandalen, Erdrutschen, vergiftetem Meeresboden, Kriegen und Attentaten. Klar ist, dass Molenbeek, Whitecheapel, die Banlieues auf längere Sicht keine prosperierenden, freundlichen Wohnviertel werden, durch die man abends stromert, um eine Tasse Tee zu trinken.

Glaubt jemand, es wäre jetzt noch möglich, eine gesunde Kultur der Zuwanderung und des Miteinanders aller Menschen herzustellen, die besagt: Herzlich willkommen in unserem Land. Wir haben hier Demokratie, wir haben eine (theoretische, aber gesetzlich verankerte) Gleichberechtigung aller Menschen, halten Sie sich bitte daran. Die Menschen glauben nichts mehr. Sie meinen zu wissen. Jeder mehr als der andere. Die Gesellschaften sollen wachsam bleiben, wie es dieser Artikel vorschlägt?

Wachsam, misstrauisch, aber demokratisch, offen? Das soll jetzt jeder für sich erledigen? So ein Quatsch. Es braucht mehr als den Einsatz einzelner Autorinnen, um das fundamentale Gefühl der Verunsicherung zu entkräften. Für solche Fälle ist eine Regierung gedacht, die Vorschläge macht, beruhigt, Gruppen wieder vereint, das Einhalten von Regeln sicherstellt. Regeln wie: Man bringt andere nicht um, man pöbelt Frauen und Schwule nicht an, man ist nicht kriminell, man hetzt in Kirchen gleich welcher Religion nicht gegen Menschen anderen Glaubens. Und wer diese Regeln bricht, ist kein Opfer gescheiterter Integration oder schlechter Kindheit. Sondern ein Verbrecher. Wer zum "Islamischen Staat" geht, um sich praktisch oder theoretisch an Morden zu beteiligen, ist ein Verbrecher, wer Minderheiten nicht respektiert, ist ein Verbrecher, wer anderen körperlichen Schaden zufügt, ist ein Verbrecher.

Wenn die Gesellschaft nicht noch weiter auseinanderklaffen soll, wenn es so etwas wie Zuversicht geben soll, braucht es eine besonnene Regierung. Schnell. Es gibt in der deutschen Geschichte ein ekelhaftes Beispiel dafür, was passiert, wenn die fehlt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 170 Beiträge
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Seite 1
wachsame 26.03.2016
1. Danke
es ist das erste Mal, dass mir ein Artikel von Ihnen aus der Seele spricht.
WolfgangSauter 26.03.2016
2.
Chapeau, Frau Berg.
vox veritas 26.03.2016
3. Augenblick mal
"Besonnenheit und Nüchternheit war noch nie eine Stärke des Volkes. ... Dabei sind die Menschen nicht selbst für so etwas wie Zuversicht verantwortlich." Das bedeutet weitergedacht, der Souverän - also das Wahlvolk - hat nichts mehr zu melden? Entmachtung der Wähler und Übernahme der Macht durch die Parteienß Das habe ich bestimmt falsch verstanden.
info@buch-perl.de 26.03.2016
4. Weg mit den Fronten,
her mit einer übergeordneten Gemeinsamkeit. Sie haben so recht, Frau Sybille. Reden und Handeln über alle Fronten hinweg ist schnellstens geboten. Wer sich Erfolge dann an die Brust heften möchte, wer´s schon immer gesagt hat, wer schon immer recht gehabt hat, ist völlig egal. Alle müssen zusammenhalten und die Fronten zwischen Menschen, Regierungen, den Parteien, in den Parteien, in der EU, in Europa, in der Welt gegen allen Einzelinteressen gedanklich aussetzen. Um überhaupt endlich reden und handeln zu können. Damit die Regierungen ihren Pflichten, wozu auch eine übergeordenete Gemeinsamkeit gehört, nachkommen können. Zu den Pflichten der Regierungen gehört auch, mit den Menschen zu reden und sich laufend zu erklären. Diese Pflicht ist nicht festgeschrieben, aber für den Erhalt einer gefährdeten Demokratie zwingend nötig.
AZ1 26.03.2016
5. nicht wegen Terrorismus
Terrorismus macht mir keine Angst. Als Todesursache ist er lächerlich erfolglos, im Vergleich zu Dingen wie Grippe, Strassenverkehr oder Klimawandel.
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