Terror-TV-Drama "Mogadischu" Ohnmachtsthriller aus der Opferperspektive

Minutiös rekonstruiert der Film "Mogadischu" die "Landshut"-Entführung des Jahres 1977 und bringt dabei sachliche Recherche und sinnliches Erleben radikal zusammen. Mit schmerzlicher Wirkung – Parallelen zu den Terroranschlägen in Mumbai drängen sich auf.

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Die Boeing 737 steht am Ende des Rollfelds im Abendrot, aus der Perspektive des Flughafen-Towers wirkt das Szenario sonderbar friedlich. Doch im Bauch der Maschine herrscht Krieg, vier Menschen bestimmen hier über Leben und Tod von 87 anderen. Ein palästinensisches Kommando hat das Flugzeug in seine Gewalt gebracht, um RAF-Häftlinge in Deutschland freizupressen.

Krieg auf dem Rollfeld in Mogadischu: Am 18. Oktober 1977 stürmt die GSG9 die entführte Lufthansa-Boeing "Landshut"
ARD

Krieg auf dem Rollfeld in Mogadischu: Am 18. Oktober 1977 stürmt die GSG9 die entführte Lufthansa-Boeing "Landshut"

Am besten, so eine spontane Idee der Entführer, man erschießt erst mal eine Geisel, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Hektisch werden die Pässe der Reisenden durchforstet, jüdische Passagiere sollen nach dem Willen der Palästinenser als erste sterben. Als die Terroristen einen Füllfederhalter mit einem Zeichen entdecken, das sie für einen Davidstern halten, ist das erste Opfer gefunden – eine junge Mutter. Brutal wird ihr suggeriert, dass sie auf der Exekutionsliste ganz oben steht, dann darf sie sich wieder neben ihren Jungen kauern.

Verstörend, wie dieses Zeitgeschichtsdrama über eine 30 Jahre zurückliegende Flugzeugentführung in seiner Wirkung in die unmittelbare Gegenwart ragt: So könnte es, durchfährt es das Publikum unweigerlich beim Zuschauen, gestern und vorgestern auch im Inneren der Hotels und des Jüdischen Zentrums in Mumbai zugegangen sein.

Schließlich herrschten in der Schreckenskammer namens "Landshut", jener Lufthansa-Maschine also, die sich ab dem 13. Oktober 1977 über vier Tage lang in den Händen der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) befand, Ohnmachtsgefühle, wie sie ganz aktuell die Menschen im "Oberoi" oder "Taj Mahal" heimgesucht haben dürften.

Die Gesichter des Terrorismus haben sich vielleicht geändert – die Willkür aber, mit der seine Exponenten ihre Opfer suchen, ist die gleiche geblieben.

Doku trifft Spiel: Kompromisslos erzählt

Das ist die Erkenntnis, die "Mogadischu" in einer schmerzvollen Formstrenge vermittelt, mit der die Sehgewohnheiten der deutschen Fernseh-Primetime auf eine harte Probe gestellt werden: Will man sich wirklich 100 Minuten lang rigoros der Gewalt der Entführer aussetzen?

Denn im Gegensatz zu anderen Fernsehgroßproduktionen dieser Art lässt der ARD-Film aus Opferperspektive weder dramaturgische Hintertürchen offen, noch bietet er dem Zuschauer über romantische Liebesgeschichten ein emotionales Kompensationsgeschäft für die zu erduldenden Zumutungen an. Der quasi-dokumentarische Sechs-Millionen-Euro-Film aus dem Hause teamWorx, wo zuvor zeitgeschichtliche TV-Blockbuster wie "Die Luftbrücke" oder "Die Flucht" in Szene gesetzt wurden, stellt tatsächlich einen Paradigmenwechseln im Genre der Spielfilme dar, die historische Ereignisse rekonstruieren.

Hintergrundrecherche und sinnliches Erleben gehen in "Mogadischu" eine im deutschen Fernsehen so noch nicht gesehene, durchaus riskante Einheit ein. Zum einen hat der (auch für die später am Abend folgende Dokumentation verantwortliche) Drehbuchautor Maurice Philip Remy für sein Skript neue Erkenntnisse hinsichtlich der politischen Verstrickungen zusammengetragen – so weist er zum Beispiel auf die Verbindungen der Terroristen zum KGB hin.

Zum anderen verdichtete Regisseur Roland Suso Richter ("Dresden") die Ereignisse im Flugzeug selbst zu einem schier überwältigenden Ohnmachtsthriller: Jede Art von Aktionismus führt hier nur noch tiefer in die Ausweglosigkeit, das Bewegungsdiktat des Action-Movies wird auf diese Weise konsequent ausgehebelt.

Was also tun gegen die Ohnmacht? Zwei Handlungsstränge werden in "Mogadischu" verfolgt: Während Helmut Schmidt (Christian Berkel) mit seinem Kabinett in Bonn Maßnahmen berät und die noch junge Spezialeinheit GSG 9 in die Geiselbefreiungspläne einbindet, versucht in der entführten Maschine selbst Kapitän Schumann (Thomas Kretschmann) den Klammergriff der Terroristen zu lösen. Über Funk gibt er heimlich Informationen weiter, und im Laufe der "Landshut"-Odyssee von Flughafen zu Flughafen kann er einmal gar entkommen, um mit den örtlichen Behörden von Aden im Jemen zu verhandeln. Als er wieder an Bord geht, wird er vor den Augen der anderen Geiseln hingerichtet.

Wer nur auf die Opfer schaut, erklärt die Täter nicht

Wie im "Baader Meinhof Komplex", dem anderen großen aktuellen Fiction-Entwurf zum Deutschen Herbst, ordnen auch die "Mogadischu"-Verantwortlichen die historischen Fakten zu einer gleichsam sich selbst erzählenden Geschichte. Bis zum mit Originalfarben bemalten Boeing-Modell ist hier jedes Detail verbürgt.

Im Gegensatz zu Bernd Eichingers atemlosem Shoot-and-Run-Sprint durch die bundesrepublikanische Geschichte versuchen Autor Remy und Regisseur Richter ihrem Film aber eine universale psychologische Note abzuringen, indem sie ganz bei den Opfern bleiben und mitfühlend beschreiben, wie sie in der mörderischen Drohkulisse entmenschlicht werden. Die bleierne Zeit des Terrorjahrs 1977 – hier führt sie zu einer umfassenden Handlungsunfähigkeit. So gesehen funktioniert "Mogadischu" durchaus als kollektives Stimmungsbild des Deutschen Herbstes.

Als problematisch erweist sich jedoch der Versuch, aus Respekt vor den Opfern die palästinensischen Entführer als bloße Handlungsträger auftreten zu lassen. Gerade in der Figur des aggressiven und später immer verzweifelteren Anführers Mahmud (verkörpert vom großartigen französischen "Hass"-Darsteller Saïd Taghmaoui) liegt viel psychologisches Potential, und tatsächlich zieht der Bösewicht gegen den ausgesprochenen Willen der Filmemacher die Aufmerksamkeit des Zuschauers immer stärker auf sich.

Das liegt in der Natur der Sache: Wer nur die Geschichte der Opfer erzählen will, so wie das "Mogadischu" in einer für das deutsche Fernsehen tatsächlich noch nie gesehenen Kompromisslosigkeit tut, bringt sich unweigerlich um wichtige Analysemöglichkeiten. Denn man wird nun mal das Verbrechen nicht verstehen, wenn man sich in den Täter nicht hineindenken will.


"Mogadischu", Sonntag 20.15 Uhr, ARD.
Im Anschluss (22.00 Uhr) diskutiert Anne Will zum Thema, zum Abschluss (22.45 Uhr) wird eine Dokumentation gesendet.



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