S.P.O.N. - Der Kritiker Was tun wir mit der Angst?

Terroristen haben ein Ziel: Sie wollen verändern, wie die Menschen leben, wie sie denken, wie sie miteinander umgehen. Selbst unsere Kinder spüren, was gerade geschieht.

Eine Kolumne von


Als ich ein Kind war, in den Siebzigerjahren in der alten BRD, da war mir klar, wie das Ende sein würde: ein mächtiger blauer Blitz, der alles verschlingt; ich hoffte nur, dass meine Eltern bei mir sein würden. Es war die Zeit der Angst vor dem Atomtod.

Heute ist die Zeit der Angst vor dem Terror, wobei das ja eine merkwürdige Formulierung ist, weil es nur bedeutet: die Angst vor der Angst. Aber das trifft es ganz gut. Denn die Angst an sich ist das Ziel.

Was aber tun wir mit der Angst? Wie gehen wir, als Gesellschaft, als Medien, als Individuen damit um? Erkennen wir sie? Fördern wir sie? Nehmen wir sie ernst? Und was heißt es, die Angst ernst zu nehmen?

Vor ein paar Tagen kam meine Tochter nachts zu uns ins Bett: Sie fürchte sich vor den "Terroristen", sagte sie; ich kenne allein zwei Elternpaare, denen in der vergangenen Woche das Gleiche passiert ist.

Wer sind diese Terroristen? In der Woche nach den Anschlägen von München, Würzburg und Ansbach vermischt sich das alles auf eine sehr seltsame, sehr problematische, sehr gefährliche Art und Weise.

Die Tagesschau etwa, die sich in der Rolle des Staatssenders immer schwer getan hat, ein klares journalistisches Profil einzunehmen, und der das in den vergangenen Jahren (Wirtschafts- und Finanzkrise, Euro, Europa, Griechenland, Ukraine, Flüchtlinge) immer weniger gelingt, weil sie immer staatstreuer geworden ist - die Tagesschau verwandelte sich in einen Sender für CSU-PR.

Die Medien sind für Manipulierbarkeit anfällig

Kaum eine Sendung ohne den neuesten Law-and-Order-Vorschlag aus Bayern, die Art und Weise, wie es Seehofer und Herrmann schafften, sich mit alten und teilweise offen verfassungswidrigen Vorschlägen in die beste Sendezeit zu drängeln, war ein Beispiel für die gar nicht so hohe Kunst der Manipulation - und vor allem für die Anfälligkeit der Medien für Manipulierbarkeit.

Was etwa hat es zu bedeuten, dass die Tagesschau wieder und wieder über den Attentäter von Ansbach berichtete - und komplett das Interesse an dem Attentat von München verloren hatte, bei dem neun Menschen getötet wurden, in einer deutliche rechtsradikal und ausländerfeindlich motivierten Mordserie?

Was bedeutet es, wenn die Tagesschau immer und immer wieder von der Verschärfung von Gesetzen berichtet und gleichzeitig die Suggestion von Lösungen präsentiert und die Simulation einer dauernden Bedrohung erzeugt?

Was bedeutet es überhaupt für eine Gesellschaft, wenn sie an wichtigen Stellen und von Menschen in zentralen Positionen nur Antworten der Verhinderung hört und nicht der Verbesserung - also vor allem Schusswesten und nichts über die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Integration, die Situation der Menschen allgemein in diesem Land?

Mir scheint es so, als ob "wir" an dieser Stelle gerade versagen.

Die Medien befördern die Angst

Nachdem ich in der vergangenen Woche schon einmal darüber geschrieben hatte, wie die unterschiedliche Reaktion auf den islamistischen Hintergrund der Attentate von Ansbach und Würzburg und den ausländerfeindlichen Aspekt der Morde von München vor allem den bestehenden Rassismus in dieser Gesellschaft zeigt, erhielt ich viele Mails, mit dem Tenor: Was wundern Sie sich, das ist das Land, in dem die NSU jahrelang morden konnte?

Haben "wir", hat die Gesellschaft, haben die Medien also nichts gelernt aus den vergangenen Jahren? Die Angst, von der in den Medien meistens die Rede ist, ist die Angst derjenigen, die die Realität lange genug ausblenden konnten, weil sie privilegiert waren - und meistens weiß.

Aber dieses Land lebt nicht außerhalb der Welt und der Realität. Was die Welt erlebt, erlebt auch Deutschland. Es gibt einen Aufstand gegen die Realität, der angeführt wird von Leuten wie Donald Trump. Sie wollen die Realität abwickeln. Aber das wird nicht funktionieren. Oder nur zu einem Preis, den eine freiheitliche Gesellschaft nicht überlebt.

Was also ist mit der Angst der Flüchtlingskinder? Was ist mit der Angst der Kinder, die anders aussehen, die anders heißen, die eine andere Geschichte haben? Was ist überhaupt mit Angst und Ausgrenzung, die nicht mit Gewalt geschieht, sondern im Alltag?

Die Gesellschaft - als ein Mittel gegen die Angst

Was ist bedrohlicher für eine Gesellschaft? Was bringt eine Gesellschaft leichter zum Kippen? Wie hängt beides zusammen, Gewalt gegen "Fremde", so werden sie von ihren Gegner wahrgenommen, und Gewalt von "Fremden"? Und: Was geht gerade verloren?

Terroristen haben ein Ziel: Sie wollen verändern, wie die Menschen leben, wie sie denken, wie sie auf Druck und Bedrohung reagieren, wie sie miteinander umgehen. Ich glaube, dass Kinder das spüren, diese Veränderung, die gerade geschieht - die Möglichkeit der Angst.

Die Medien befördern diese Angst, und es ist das Gegenteil von Aufklärung, es ist das Gegenteil ihres Auftrags. In Frankreich haben sich einige Zeitungen entschieden, keine Fotos oder Namen von Terroristen mehr zu veröffentlichen, so wie sich viele Medien auch entschieden haben, keine Horrorvideos mehr von Hinrichtungen zu zeigen - das ist keine Zensur oder Selbstzensur, das ist ethischer Umgang mit Informationen.

Und wer das für Moral hält, was für manche ja inzwischen ein Schimpfwort ist oder Code für Selbstaufgabe, der hat scheinbar immer noch nicht verstanden, dass Moral, öffentlich formuliert und immer neu zu verhandeln, die Grundlage von allem ist und das, was eine Gesellschaft zusammenhält.

Und dafür ist Gesellschaft da: Als ein Mittel gegen die Angst.

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insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
kleinbürger 31.07.2016
1. medien
ich habe keine angst vor terroristen. ich weiss, es kann mir passieren, aber die chancen stehen schlecht. medienschelte von ihnen herr diez ? vor gut einem jahr war man von ihrer seite noch voll des lobes für die ÖR-medien die merkels "wir schaffen das" durch alle kanäle gejagt haben und uns weis machen wollten es kämen vor allem gut ausgebildete fachkräfte. scheinbar sind die medien doch nicht in fester hand des linken mainsteams, eine schelte von ihrer seite ist wie ein ritterschlag für eine gewisse unabhängigkeit der ÖR-medien.
franz.v.trotta 31.07.2016
2.
"In Frankreich haben sich einige Zeitungen entschieden, keine Fotos oder Namen von Terroristen mehr zu veröffentlichen." Das finde ich ganz ausgezeichnet. Denn damit entfällt ein wichtiges Tatmotiv.
agua 31.07.2016
3.
Danke Herr Diez für diese Kolumne, deren Inhalt meinen Gedanken entspricht.Es sollte aufgehört werden mit Sensationslust Hysterie zu schüren, sondern mehr Besonnenheit gezeigt werden, sonst spielt man denjenigen, die Angst und Terror verbreiten möchten in die Hände.
Freidenker10 31.07.2016
4.
Ständig liest man von Angst Angst Angst. Vor was habt ihr Autoren denn ständig Angst? Nicht zum aushalten! Ich bin eher wütend was aus unserem eigentlich friedlichen Land gerade wird....
zeisig 31.07.2016
5. Zum Thema Tagesschau.
Herr Diez kritisiert speziell die ARD. Ich möchte eine Lanze für die ARD brechen. Ich liebe es, wenn Jan Hofer völlig ohne Emotionsgetue nüchtern seine Nachrichten verliest. Nachrichtensendungen im ZDF sind dagegen deutlich schwerer zu ertragen, sind sie doch geprägt von unterschwelliger Bewertung der Nachrichten, obwohl dies einer Nachrichtensendung nicht zusteht. Dafür gibt es in der ARD den Kommentar, der mir gefallen mag oder nicht, aber deswegen ist es ein Kommentar, die Meinung eines Menschen. Aber daß der Nachrichtenvorleser Betroffenheitsmine aufsetzt und mir signalisiert, wie ich die Nachricht einzuordnen habe, das gibt's nur beim ZDF. Und daß die ARD im Gegensatz zum ZDF nicht nur kanzlertreu berichtet, das gefällt mir außerdem.
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