Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Testosteron-Talk bei "Hart aber fair"": Rückkehr ins Neandertal

Von

Frauenrechte und Männerprobleme: Krawallfreudig ließ Frank Plasberg in seiner Sendung über "50 Jahre Gleichberechtigung – wann kommt der Männerbeauftragte?" diskutieren. Wie das rhetorische Niveau der Show bewies, braucht das einst so starke Geschlecht tatsächlich Unterstützung. Dringend.

1958 wurde die Gleichberechtigung im Grundgesetz verankert. Ein halbes Jahrhundert Kampf um Gleichstellung, das bedeutet auch ein halbes Jahrhundert Argumentieren einerseits und Blockieren andererseits. Der männlichen Gesprächskultur, das legte zumindest die am Mittwoch ausgestrahlte "Hart aber fair"-Ausgabe zum Thema nahe, hat diese Barrikadehaltung nicht gutgetan.

Frauen vs. Männer: TV-Moderatorin Tita von Hardenberg und Fernsehstar Thomas Ohrner bei "Hart aber Fair"
WDR

Frauen vs. Männer: TV-Moderatorin Tita von Hardenberg und Fernsehstar Thomas Ohrner bei "Hart aber Fair"

Unterhaltsam ließ sich an diesem Abend die errungene Debattenhoheit der Frauen und der schleichende Sprachverlust der Männer anhand der beiden Hauptkontrahenten beobachten. Ganz links hatte man Brunhilde Raiser plaziert, die durch ihr Training als Vorsitzende des deutschen Frauenrats sämtliche bekannte männliche Polemiken nonchalant kontern konnte. Ganz rechts hockte Sascha Gerecht, ein DJ und Modedesigner, der aussieht wie eine Mischung aus dem jungen Proll-Comedian Erkan und dem alten Buschkämpfer Sylvester Stallone – und auch so spricht. Die Lust am befreiten Diskurs traf hier also auf einen ungehemmten Atavismus.

Auch wenn Frank Plasberg schon im Titel "50 Jahre Gleichberechtigung – wann kommt der Männerbeauftragte?" ironisch Partei ergriff für das neue gebeutelte Geschlecht, gecastet hatte man die Gäste irgendwie ganz im Sinne der Frauensache. So viel geballte männliche Negativklischees hatte das Publikum jedenfalls schon lange nicht mehr in einer Sendung präsentiert bekommen. Vielleicht – um ein weiteres Klischee zu bedienen – herrschte einfach auch nicht so eine große Auswahl an Männern, da die meisten lieber Fußball gucken wollten, als über ein Thema zu sprechen, zu dem es unter aufgeklärten Menschen keine zwei Meinungen gibt.

Ungleiches Kräftemessen

So diskutierte man eben auf einem extrem unterschiedlichen Sprachniveau aneinander vorbei: Während Frauenrechtlerin Raiser eine "ökonomische Diversität" in der Wirtschaft forderte ("Wo der Ausgleich am stärksten ist, geht es allen gut"), sprach sich Gerecht in einer Lobpreisung des Vorzivilisatorischen dafür aus, dass der Mann draußen in freier Wildbahn das Futter besorge und dafür von seinem Weibe ein schönes Heim bereitet bekommen müsse.

Und mahnte Raiser an, dass auch die wichtigen Schaltstellen in der Wirtschaft weiblich zu besetzen seien (in einem Einspieler wurde gezeigt, dass es in 30 Dax-notierten deutschen Unternehmen keine einzige Vorstandsvorsitzende gibt), forderte Partypatriarch Gerecht ein "Sex and the City"-Verbot für Frauen, da sie dort nur Flausen in den Kopf gesetzt bekämen.

Frank Plasberg, der streckenweise den Eindruck vermittelte, dass er selbst lieber vor dem Fernseher sitzen und die EM verfolgen würde, versuchte, den Konflikt noch mit einigen Einspielern aufzuheizen. Viel Neues ist seiner Redaktion jedoch nicht eingefallen. Es wurde der schon in anderen Talkshows angeführte "Schneekettentest" präsentiert, der nachweist, dass Frauen auch in der Handhabung des Autos das denkende Geschlecht darstellen.

Und es wurde auch noch einmal "Der Fall Emma" durchgekaut, in dessen Verlauf Frauenrechtlerin Alice Schwarzer ihre Angestellte Lisa Ortgies aufs Niederträchtigste in der Presse vorführte. "Vor wie vielen Frauenbeauftragten hätte sich da ein männlicher Vorgesetzter verantworten müssen?", höhnte Plasberg. "Müssen Frauen fehlerfrei sein, um Karriere zu machen?" konterte Brunhilde Raiser.

Als ob es darum ginge, dass Frauen die moralisch besseren Männer zu sein hätten, um mit ihnen beruflich und gesellschaftlich gleichzuziehen. Gleichberechtigung ist aber nun mal keine Charakterfrage, sondern eben ein verbürgtes Grundrecht.

"Wir leben im Zeitalter der Entmannung"

Gerade ein weiteres Grundrecht sah allerdings Diskutant Jürgen Liminski durch die Emanzipation in Gefahr – nämlich das auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Der Journalist, eine Art männliche Eva Herman ohne Autobahnsündenfall, aber mit einer "Die verratene Familie" betitelten Streitschrift auf dem Markt, versuchte die Debatte brachial ins Philosophische zu heben. Mit Verweis auf den Denker Ernst Bloch mahnte er an: "Wir leben in einem Zeitalter der Entmannung". Als weiteren Zeugen rief Liminski ausgerechnet einen türkischen Taxifahrer an, der ihn kürzlich auf der Tour zum Flughafen die Frage gestellt habe: "Wo sind eure Männer geblieben?"

Thomas Ohrner ("Manni, der Libero"), der hier mit einigen verwegen krummen Argumenten für die Sache der Frauen stritt, mag der muslimische Chauffeur jedenfalls nicht im Sinn gehabt haben. Er sei die ganze Woche beruflich unterwegs, so der Ex-Kinderstar und Gelegenheitsmoderator, nach Feierabend aber ordne er sich ganz dem von seiner Frau organisierten Familienalltag unter. Wie modern, Herr Ohrner.

Ja, aber wo blieb er denn nun, der Männerbeauftragte von "Hart aber fair"? Wahrscheinlich holte er gerade Bier oder guckte Fußball.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: