Thalheimers "Reigen" im Hamburger Thalia Vögelei mal zehn

Zum Abschied noch mal Sex: Mit einer präzise abschnurrenden Inszenierung von Arthur Schnitzlers Verführungskomödie "Reigen" verabschiedet sich Starregisseur Michael Thalheimer vom Hamburger Thalia Theater. Doch so geistreich seine Gesellschaftsdiagnose ist - diesmal wirkt sie etwas blutleer.

Von Jenny Hoch


Die Zigarette danach ist die Zigarette davor: Zu Beginn von Michael Thalheimers 90 Minuten kurzer Inszenierung von Arthur Schnitzlers Verführungskomödie "Reigen" stellen sich alle zehn Schauspieler an der Rampe auf und quarzen erst mal eine. Doch noch bevor sich der Rauch ins Halbdunkel verflüchtigen kann, springt das Karussell der Triebe an und wird so lange nicht zur Ruhe kommen, bis es jeder mit jedem getrieben hat.

"Reigen"-Schauspieler: Stürzten sich wie aufgezogen kreischende Puppen aufeinander
Katrin Ribbe

"Reigen"-Schauspieler: Stürzten sich wie aufgezogen kreischende Puppen aufeinander

Als Schnitzler das Stück vor mehr als hundert Jahren schrieb, war es genau jene unerbittliche Mechanik des Beischlafs, die den "Reigen" zu einem beispiellosen Skandal werden ließ, der zur Folge hatte, dass das Stück bis 1982 von allen Bühnen verschwand.

Das hatte vor ihm noch keiner gewagt: In zehn Szenen haben zehn Paare schnellen und folgenlosen Sex miteinander - quer durch alle Gesellschaftsschichten: Die Dirne macht es mit dem Soldaten, der Soldat mit dem Stubenmädchen, das Stubenmädchen mit dem jungen Herrn, der junge Herr mit der jungen Frau, die junge Frau mit dem Ehegatten, der Ehegatte mit dem süßen Mädel, das süße Mädel mit dem Dichter, der Dichter mit der Schauspielerin, die Schauspielerin mit dem Grafen, der Graf - und damit schließt sich der Kreis - mit der Dirne.

Es ist also nicht übertrieben zu sagen, dass es im "Reigen" ordentlich zur Sache geht, nur dass der Wiener Arzt Schnitzler den entscheidenden Moment, der Konvention der Zeit entsprechend, jeweils mit Gedankenstrichen andeutete. Seitdem arbeiten sich Generationen von Regisseuren daran ab, jene berühmt gewordenen Strichelchen szenisch zu füllen. Denn auch wenn es heute längst kein Tabu mehr ist, Sex auf der Theaterbühne zu zeigen, geht es doch um mehr: Jede der auftretenden Figuren versucht, durch eine schnelle Nummer die eigene innere Leere zu füllen, die verzweifelte Sehnsucht nach Gefühl zu stillen.

Erbärmlicher Kampf um ein Quentchen Lustgefühl

Michael Thalheimer geht offensiv mit diesem Problem um. Während sich auf der Drehbühne des Hamburger Thalia im Hintergrund neun ungemachte Einzelbetten im Kreis drehen (Bühne: Olaf Altmann), fallen die Paare schon auf dem Boden der Vorbühne übereinander her. Die Kostümbildnerin Michaela Barth hat sie in herrlich unvorteilhafte, verspießte Allerweltsklamotten gesteckt, derer sie sich nicht mal ganz entledigen, bevor sie sich laut keuchend und wie aufgezogen kreischende Puppen aufeinander stürzen.

Diese präzise abschnurrenden Slapsticknummern verfehlen ihre Wirkung nicht. Sie stellen die Sinnlosigkeit der ichbezogenen Triebabfuhr grell heraus und zeigen den erbärmlichen Kampf des Menschen um ein Quentchen Lustgefühl.

Außer Anna Steffens, die als Dirne einen abgeklärten und zugleich rettungslos verlorenen Ruhepol schafft, nutzen die Schauspieler ihre Auftritte zu komödiantischen Kurzdarbietungen. Markus Graf und Olivia Gräser haben als Soldat und Stubenmädchen eine unverstellt direkte erotische Begegnung, Andreas Döhler gibt den Jungen Herrn als verklemmten Onanisten, der, wenn es darauf ankommt, aber sehr wohl einen Stich zu machen weiß. Maren Eggert spielt exaltiert und mit Pagenkopf die untreue Junge Frau, während Peter Moltzen als ihr Ehegatte seine eigenen Verfehlungen selbstgerecht den Frauen in die Schuhe schiebt. Lollipopbunt und grenzenlos naiv ist Katrin Wichmann als Das süße Mädel, in das Felix Knopp als Dichter seine überspannten pseudoliterarischen Phantasien projiziert. Und Paula Dombrowski schmeißt sich als grenzenlos egomanische Schauspielerin dem misanthropischen Grafen an den Hals.

"Hast du mich denn lieb?"

Diese Rolle nutzt Norman Hacker für eine kabarettistische Sondereinlage im Wiener Kaffeehausstil. Mit kräftigem Dialekt lässt er zum Schluss die Sau und seinen Selbstekel raus. Schüttelt sein Schnittlauchhaar und lacht meckernd über seine eigenen Witze. Das Kalkül geht auf: Die Aristokraten-Persiflage kommt an, die Zuschauer biegen sich vor Lachen.

Und trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack: Es wirkt, als wollte Thalheimer am Schluss seiner düster nihilistischen "Reigen"-Interpretation und zu seinem Abschied vom Thalia Theater, wo er nach zehn Inszenierungen und nach dem Weggang von Intendant Ulrich Khuon im Herbst zumindest vorerst nicht mehr arbeiten wird, dem Publikum noch ein Zuckerl gönnen. Denn die schmissige Szene lässt allzu leicht vergessen, was vorher war.

Und da war das große Nichts. Denn wo bei Schnitzler zwischen all den immer wiederkehrenden Phrasen ("Hast du mich denn lieb?") und dem emotional aufgeladenen Geplänkel immerhin noch tiefe Verzweiflung und Sehnsucht hervorblitzten, sind die Figuren bei Thalheimer längst über diesen Zustand hinaus. Sie sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihre Mitmenschen höchstens als Spiegel benötigen, nicht als echte Gegenüber. Sie sind nicht nur post-koital, sondern auch post-emotional.

Es ist eine bittere und wahre Diagnose, die Michael Thalheimer mit seinem feinnervigen Regiestethoskop der heutigen Gesellschaft abgelauscht hat. Doch so luzide sein Befund ist, auf der Bühne wirkt er diesmal seltsam blutleer. Wo nichts mehr ist, sind eben nur noch Hüllen. Und diese Hüllen lassen sich allzu leicht mit Slapstick füllen. Das Publikum mag das versöhnlich stimmen, eine befriedigende Lösung ist das nicht. Aber - gibt es die überhaupt?



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