Thalia Theater Hamburg Der Floh treibt's retrosexuell

Alle mal lachen! George Feydeaus Luststück "Floh im Ohr" garantiert immer ein rasantes Bühnen-Remmidemmi. Regisseur Martin Kusej nutzte die Zutaten - und überraschte mit Schlichtheit.

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Wenn Türen klappen und Augen rollen, dann weiß man: Das ist Boulevard-Theater! Ha, mein Mann! Oh, Gott, meine Frau! So knallt und rollt das charmante Fegefeuer der Spießer ab, so braten Liebhaber, betrogene Ehemänner und durchtriebene Frauen in der Vorhölle der gesellschaftlichen Verdammnis. Hier droht als Gipfel der Qual die peinliche Situation. Seit der 1862 geborene französische Bühnenautor George Feydeau die Ängste und Lüste der Belle Epoque-Bürger auf den schrillen Punkt brachte, gehören seine Ideen zum Regelwerk des kulinarischen Komödientheaters. Am Hamburger Thalia Theater hatte jetzt Feydeaus populärster Kracher "Floh im Ohr" Premiere - und es sah so herrlich altmodisch - pardon, retro! - aus, wie ein Fernsehabend in den siebziger Jahren. Frisch war allerdings die Übersetzung von Elfriede Jelinek, die sich maßvoll modernisiert ins Zeitbild fügte.

So ein Stück solide Schmiere kann einen Regisseur wie den Nachdenker und Provokateur Martin Kusej schon reizen. Mit Opern ("Don Giovanni" in Salzburg, "Titus" in Zürich) und vor allem als fester Regisseur in Stuttgart hat er sich einen einmaligen Ruf erarbeitet, und auch in Hamburg glühten seine Visionen wie Horvaths "Geschichten aus dem Wienerwald" als düstere Parabeln menschlicher Abgründe und Unzulänglichkeit. Die Figuren im "Floh" sind natürlich auch alles andere als zulänglich, denn die Triebfeder jeder Handlung ist das fundamentale Missverständnis, das Misstrauen und der Versuch, sich aus Zwängen und Fesseln zu befreien. Das Repertoire kennt man, das hat man schon gesehen, aber wie sich Kinder immer wieder denselben Comic greifen und Erwachsenen sich stets noch einmal "Manche mögen's heiß" ansehen, so gibt das Spiel um Verführung, Seitensprung und verbotenem Sex noch allemal einen Hingucker ab. Umso mehr in nostalgischer Distanz: Retrosexualität als neuer Bühnen-Bringer.

Die fidele Feydeau-Maschine schnurrt wie ein Uhrwerk

Der biedere Bürger Victor-Emmanuel Chandebise steht im Mittelpunkt des Verwirrspiels, seine Frau Raymonde will die scheinbare Untreue des Gatten rächen, wobei die beiden vom üblichen Arsenal der Freunde, Bekannten, Schrullen und Kasper flankiert werden, die für Pointen in aberwitzigen und bizarren Situationen sorgen - schnell, hart, direkt, perfekt getimt. Die Handlung in all ihren Facetten ist kaum wiederzugeben, denn sie treibt sich gnadenlos selbst voran und entwickelt sich aus sich selbst heraus. Und genau hier muss wohl die Faszination des Stückes für Martin Kusej eingesetzt haben, denn dieses von Feydeau punktgenau konzipierte Uhrwerk des sozialen Schreckens funktioniert nur im Zustand höchster Perfektion. Die fidele Feydeau-Maschine verlangt weniger Genie als Handwerk - und davon gab's an diesem Abend reichlich. Das Räderwerk schnurrte reibungslos und bei behaglicher Betriebstemperatur.

Natürlich bediente sich Regisseur Kusej in der Stil-Steuerung intensiv bei der popmusikalischen Produktion der grellen Seventies und Sixties: Ob Katja Ebstein oder Procol Harum, Blood, Sweat & Tears und Tom Jones, bis hin zu den Doors und Eric Burdons Animals sorgte aufdringliche Szenemusik für die dicke Schicht Emotion, die sich als atmosphärisches Make-up über die Szenerie legte. Im Fernsehen liefen "Flipper" und ein Edgar Wallace-Krimi, natürlich in Schwarzweiß - fast schon ein bissel viel an Stil-Kalkül. Hingebungsvoll realisierte Kostüme (Heide Kastler) agierten in all dem Schleiflack beinahe als eigenständiger Faktor im ebenso peinlich genau geschaffenen Interieur (Katja Haß). Der knallige Gegensatz von pieksauberer Bürgerwohnung des Herrn Chandebise im ersten Akt und der schäbigen Absteige "Barbarella" im zweiten Akt könnte nicht größer sein. Doch alle müssen in die speckige Hölle zum vermeintlich lustigen Seitensprung hinabsteigen, um später wieder geläutert und durchnässt in die sicheren Gefilde der Gesellschaft zurückkehren zu können. Der Spießer und sein Anzug in der Reinigung - so gnadenlos symbolschlicht wie Kusej nahm das wohl noch niemand!

Pure Magie inmitten der Klamotte

Konnte er aber auch ohne Sorge, denn auf das komödiengestählte Thalia-Ensemble war natürlich in jeder Phase dieser Farce Verlass. Aus dem hoch diszipliniert entfesselten Team ragte Norman Hacker als Bürger Chandebise heraus, der in der Doppel/Verwechslungsrolle auch noch den geknechteten Hoteldiener Poche spielte. Ein Drahtseilakt, den der Autor fast bis zu letzten Sekunde und allerletzten Pointe ausreizt - ein Schulbeispiel an dramaturgischer Finesse, ein Laborversuch, wie weit man eine Rolle treiben kann. Ein weiteres wundersames Exempel an hoch entwickelter Komödienarbeit führte Peter Jordan vor, der den sprachbehinderten Camille Chandebise mit allen Tricks spielte, ohne die Figur zu denunzieren. Zwischen Verzweiflung, Wut, Liebe und Klamauk zog er alle Register, die in dieser Rolle angelegt waren.

Seinem Beispiel der Sorgfalt und der Feinarbeit folgten alle anderen Mitglieder der Thalia-Truppe. Der donnernde zweite Akt, das Fegefeuer der unvollendeten Beischlafversuche, trieb das Hetzen und Jagen derart auf die Spitze, dass man fast ein wenig um die Gesundheit der Akteure fürchtete - aber alles lief zwar aus dem Ruder, aber immer wie am Schnürchen. Der Moment, während alle im Halbdunkel zu "The End" von den Doors für einen Moment atemlos verharren, das war pure Magie inmitten der Klamotte. Und ein Beispiel, wozu Theater fähig ist.

Natürlich hat Martin Kusej an diesem Abend keinesfalls das Rad der Komödie neu erfunden. Er hat die Geschichte sogar ziemlich schlicht und werkgetreu, lang und breit erzählt. Bei Shakespeare ließe man ihm das wohl kaum durchgehen. Aber ihm ging es um Niveau bei Feydeau - und diese Boulevard-Spannung über drei Stunden nicht nur durchzustehen, sondern mit immensem Rhythmusgefühl und sekundengenauer Organisation zu steuern, das war eine Etüde der Meisterklasse, souverän realisiert.

Nach pausenlosem Tempo-Entertainment ein grenzenloser Beifallsorkan für eine Hommage an die kultivierte Schmiere - alle keuchten, alle nass, alle glücklich. Endlich im Ziel, aber immerhin siegreich. Wenn gelacht wird, war der Witz in Ordnung.



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