Thalia Theater Hamburg: Versprechen gebrochen

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In Friedrich Dürrenmatts abgründiger Erzählung "Das Versprechen" sterben Hoffnung, Aufrichtigkeit und der Kriminalroman. Regisseur Armin Petras schrieb fürs Hamburger Thalia Theater zum Saisonstart 2005 eine Bühnenversion. Leider überzeugten nur die Schauspieler.

Thalia-Star Haberlandt: Showmasterin für den Bilderbogen
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Thalia-Star Haberlandt: Showmasterin für den Bilderbogen

Am Anfang ist der Hauptkommissar Gerd Schwarz schon am Boden zerstört: Lang ausgestreckt, todesähnlich liegt Peter Kurth, der ihn spielt, bereits auf den Brettern der Bühne des Thalia Theaters, als die Zuschauer langsam in den Saal tröpfeln. Will uns sagen: Die Geschichte kennt ihr. Vom Kindermörder plus besessenem, edlen Polizisten, von der verhärmten Mutter mit kleiner Tochter, die zum Köder für die Bestie wird. Der Kriminalist, der geschworen hat, den Kindermörder zur Strecke zur Strecke zu bringen und dabei selber zum Outlaw wird. Er will Gutes und zerstört dabei das Gute in sich und anderen. Verfilmt mit Heinz Rühmann und Gerd Fröbe ("Es geschah am helllichten Tag", 1958) und - bösartiger und deprimierender - mit Jack Nicholson ("The Pledge", 2001), ein guter Stoff also.

Regisseur Armin Petras, der am Thalia Theater in Hamburg zuletzt Hauptmanns "Die Ratten" und seinem eigenen Stück "We are camera/Jasonmaterial" brillant inszenierte, wollte natürlich einen dritten, den theatralischen Weg gehen. Dazu bediente er sich zunächst eines Kniffs: Er verschob die Erzählperspektive auf die inzwischen erwachsene Tochter Gini, die seinerzeit den Lockvogel für den Kindermörder abgeben sollte, ohne davon zu wissen. Und diese Gini, dargestellt vom Thalia-Star Fritzi Haberlandt, wird zur Showmasterin für den Bilderbogen namens "Versprechen" - denn mehr als eine schmucke Szenefolge glückte dem sonst so sicheren Theatermacher Armin Petras an diesem Abend nicht.

Ständig rieselt der Schnee

Gini/Fritzi, mit langer Blondhaar-Perücke, erzählt vermeintlich locker ihr Leben, drapiert die Figuren der Handlung zu Spielszenen, wird gar zum eigenständigen Erzähler, sitzt mal am Moderatorentisch, spaziert mit Mikrofon über die Bühne und spielt natürlich kräftig mit. In Kinderkleidchen, Strumpfhosen, dann wieder Minirock und Bluse löst sie die Folge von Erinnerungen aus, die sich - stets kontinuierlich, nie verwirrend - zur bekannten Handlung der Novelle ergänzen.

 Kurth als Kommissar: Die Geschichte kennt ihr
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Kurth als Kommissar: Die Geschichte kennt ihr

Fast ständig rieselt feiner weißer Schnee von oben auf die Akteure, das Leichentuch für die Gefühle, die Wünsche und das vergebliche Streben wird sanft, doch gnadenlos gewoben. Erst am Schluss, als der Kommissar Gini zum Mörder-Köder missbraucht, stoppt das Schneegestöber, und die Kleine steht plötzlich vor loderndem Feuer und aufragenden Stelen, ein dramatisch arrangiertes Opferlamm, das in letzter Sekunde von einem Feuerwehrmann gerettet wird. Das hört sich verdammt plakativ an, und so wirkt es auch: Schaut her, da ist mehr als ihr denkt. Dennoch nur ein flauer Effekt.

Mehr und Aufregenderes hat auf jeden Fall das Ensemble zu tun: Falls es jemand noch nicht wusste, der Schauspieler Thomas Schmauser ist ein Wunder an Wandlungsfähigkeit, sein biegsamer Körper und seine hypnotisierende, swingende Sprache formen die vier Rollen, die er spielt zu einem überraschungsreichen Erlebnis. Selbst seine Darstellung von Ginis Großmutter vermeidet nahe liegenden Travestie-Kitsch und ist dennoch auf bizarre Art lustig.

Arg dick aufgetragen

Auf die mehr brachiale Art, mit wohl dosierter Macho-Komponente rackert sich Peter Moltzen durch seine ebenfalls vier Rollen, vom Polizisten zum Tankstellenbesitzer, und er überzeugt nicht weniger: Schauspielertheater vom Feinsten. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch die weiblichen Rollen - allen voran Ginis Mutter (Leila Adullah) - exquisit besetzt waren und auch über mäßige Distanz von 105 Minuten (normale Spielfilmlänge) gekonnte Regieführung bekamen. Qualitätsbusiness as usual.

Und immer wieder zeigt Regisseur Armin Petras, welch wunderbare Phantasie er hat: Wenn Tochter Gini als Erzählerin plötzlich ihre Blondhaar-Perücke an die Mama loswird und ihre Zöpfe darunter hervorquellen: Schneller, effizienter und bildhafter kann kein Zeitsprung dargestellt werden, Actiontheater pur. Als Running-Gag-Requisite hat sich Petras einen Kühlschrank einfallen lassen, der stets wundersam flink hervorgezaubert wird, wenn Distanzen und Gefälle dargestellt werden sollen: Auch das funktioniert für sich genommen gut, eben als schlauer Gag.

Von diesen Petras-Momenten des schnellen Schnitts gibt es einige, aber sie treiben paradoxerweise die Handlung nicht voran sondern wirken nur als "Nummern". Gekonnt und witzig zwar, aber wie eine Manier. So trennt Petras auch wieder gern die Szenen mit Popsongs. Als der Kommissar Schwarz in Pension gehen soll und seine Jordanienreise plant, singen Sam & Dave "Hold On, I'm Coming". Wenn am Ende der Schmerz zu groß wird, singt der alte Johnny Cash "Hurt". Das klingt wunderschön, ist aber arg dick aufgetragen, auch wenn's nur Momente sind.

 Szene aus "Das Versprechen": Die Bühne entwickelte keinen Sog
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Szene aus "Das Versprechen": Die Bühne entwickelte keinen Sog

So bleibt man am Schluss ratlos, was Armin Petras, der in Gestalt seines alter egos Fritz Kater ja auch einer der erfolgreichsten deutschen Theaterautoren ist, wohl bewogen hat, "Das Versprechen" für die Bühne zu bearbeiten. Mehr als die Verschiebung der Erzählperspektive und damit der Brechung einer vermeintlich wohl bekannten Story passiert nicht. Und dass Geschichten nachwirken und weiter leben, ist auch keine so neue Erkenntnis. Die Bühne entwickelte keinen Sog. So gab es feine Schauspieler und gekonntes Handwerk: Großes Theater jedoch blieb ein Versprechen - das diesmal an Thalia leider nicht eingelöst wurde.

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