"Romeo und Julia" in Hamburg Spiel ihnen das Lied vom Tod

Am Hamburger Thalia Theater stellt die Regisseurin Jette Steckel dem berühmtesten Liebespaar aller Zeiten ein Musikerduo an die Seite - so wird Shakespeares Tragödie zu einem mitreißenden Live-Act nicht nur für Teenager.

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Diese Julia ist noch ein Kind. Sie flegelt sich auf den schwarzen Konzertflügel, als sei er ein Sofa. Sie spuckt die Banane, die ihr nicht schmeckt, in die Hand ihrer Amme. Flöte spielt sie wie eine Sechsjährige.

Sie kann aber auch sehr erwachsen sein: Klug und ernst von der Liebe sprechen und vom Tod. Und, ganz wichtig, ihren Seelenzustand verbergen vor jenen, die Ehe und Waffenstillstand in einem Atemzug verhandeln.

"Romeo und Julia" ist die Liebestragödie, klar, aber es ist auch ein Pubertätsdrama, das macht Jette Steckel in ihrer großartig popmusikverliebten und jugendseligen Inszenierung zum Saisonauftakt am Hamburger Thalia Theater deutlich. Birte Schnöink als Julia, mit rosa gefärbten Haarsträhnen und am liebsten barfuß, ist ernst und kindisch, rotzfrech und vernünftig, aufbrausend und melancholisch, und das alles ansatzlos wechselnd. Man vergisst sofort, dass diese konzentrierte, genaue Schauspielerin längst aus dem Teenageralter raus ist und auch, warum das Aufgehen in einer Rolle eigentlich so aus der Mode gekommen ist.

Mirco Kreibich als Romeo, auch schon über dreißig, spielt ebenso aufrichtig den depressiven Typen, der sich zunächst mit vollem Körpereinsatz so richtig hängen lässt, bevor die Liebe ihm ungeahnte Energie verleiht und er mit rauer Stimme seinen kratzigen Charme versprüht.

Bei der ersten Begegnung von Romeo und Julia auf dem Fest der Capulets bleibt die Magie dieser Liebe noch ein wenig Behauptung, doch spätestens bei der Hochzeitsszene springt der Funke über: Kurz und unsentimental traut der Pater die beiden, dann sind sie für sich und zelebrieren all die fälligen Rituale pantomimisch und mit kindlicher Ausgelassenheit: das Ringanstecken, das Tortenanschneiden, das Brautstraußwerfen - und auch die berühmte Hebefigur aus "Dirty Dancing". Dass die nur halb klappt, ist Absicht und trägt zum lässigen Charme dieser Inszenierung bei.

Für die Atmosphäre sorgen fünf Vorhänge aus Lichterketten, die die Bühne in der Tiefe gliedern und immer neue Räume schaffen (Bühne: Florian Lösche). Fantastisch leicht funktioniert auch die zu Tode inszenierte Balkonszene - Jette Steckel kommt ganz ohne Balkon aus. Julia steht schlicht vorne auf der Bühne, Romeo im Parkett vor der ersten Reihe. Und auch in der Liebesnacht stehen die beiden sich lange einfach gegenüber, und die Anziehung zwischen ihnen ist viel deutlicher zu spüren als in jeder vermeintlich intimen Bettszene.

Der Pater steckt sich einen Joint an

Wo Shakespeares metaphernselige Liebesbekundungen (auch in der geradlinigen Übersetzung von Frank-Patrick Steckel, dem renommierten Theatermann und Vater der Regisseurin) an ihre Grenzen stoßen, kommt die Musik zum Zug: Jette Steckel stellt dem Liebespaar ein zweites an die Seite, die Musiker Anja Plaschg und Anton Spielmann. Der wuchtige, schwermütige Sound, mit dem die Österreicherin Plaschg unter dem Namen Soap&Skin auch international bekannt geworden ist, geht direkt in den Magen und ins Herz; Spielmanns deutsche Songs haben es da schwerer, aber seine ausgefeilten Elektro-Beats für die Capulet-Party sind mitreißend. Wenn er mit einem Ensemble von knapp 20 jungen Männern, allesamt mit E-Gitarre ausgestattet, die Akkorde immer lauter anschlägt, trifft jeden im Publikum Romeos Schmerz, als er die Geliebte tot glaubt.

Die Jungs sind Teil eines Kollektivs von Jugendlichen, die immer wieder als heutige Alter Egos von Romeo und Julia auftauchen. Sie spielen auch das Partyvolk, in deren Mitte sich das Paar zum ersten Mal erblickt, und später bilden sie eine Art Konfirmandenschar, denen der Pater (fast konfuzianisch gelassen: Stephan Bissmeier) was von den Heilkräften der Natur erzählt, bevor er sich einen Joint ansteckt.

Solche Scherze erlaubt sich die Regisseurin öfter mal, vor allem mit Karin Neuhäuser als Amme und Julian Greis als Mercutio, bevor sie dann ziemlich stringent auf den düsteren Schluss zusteuert: Als Julia den toten Romeo erblickt, schmeißt sie sich von der bühnenhohen Leiter, die in die Gruft hinunterführt. (Bei Shakespeare tat es ein simpler Dolchstoß.)

Ein spektakuläres Ende für eine Inszenierung, bei der die vielen Elemente und Ebenen erstaunlich gut ineinandergreifen. Und es schadet auch gar nichts, dass die Regisseurin diesmal alle klugen Philosophenäußerungen ins Programmheft verbannt hat. Nur auf Julias Totengewand prangt in Großbuchstaben ein Poesiespruch, der von so schlichter Schönheit ist wie das Kleid selbst (Kostüme: Pauline Hüners): "Omnes vulnerant, ultima necat" - zu deutsch: Alle Stunden verwunden, die letzte tötet. So kann man "Romeo und Julia" natürlich auch zusammenfassen.


"Romeo und Julia". Thalia Theater Hamburg, nächste Vorstellungen: 10. und 29.9., 18. und 19.10., Tel. 040/32 81 44 44.

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insgesamt 2 Beiträge
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lockvogel100 29.09.2014
1. Nee Freunde!
Das war mit Abstand die schlechteste Inszenierung eines Shakespeare-Stückes, die ich je gesehen habe. Wie man hier einen Großteil des unsterblichen Textes einfach durch Gossensprache und flachen Humor ersetzt, grenzt an täuschender Werbung. Wenn die Regisseurin ihre stümperhaften Texte auf die Bühne bringen will, soll sie es nicht unter dem Deckmantel von Romeo und Julia tun. Lange kein so lustloses Ensemble gesehen. Die ganze Truppe hatte offenbar keinen Bock auf den Text, die Handlung, das Stück und den Autor, ja dann sollen sie halt was anderes nehmen. Ein hühnerbrüstiger Drako-Verschnitt als Romeo, eine Witzfigur als Mercutio und eine Plattitude an die andere gereiht. "Hey, lasst uns mal was skandalöses versuchen! Ein kiffender Pfarrer, eine wiederkäuende Amme, ein aufgedunsener Mercutio, der trunken vor Einfalt in das Messer rennt." Dabei fing es sehr kraftvoll und spritzig an. Doch die Begeisterung wurde durch die dümmlichen Textimprovisationen völlig zerstreut. Unerträglich!
D-Arvit 20.10.2014
2. Doch, doch, Römer, Mitbürger, Freunde!
Das war am 19.10. die beste moderne Inszenierung eines Stückes von Shakespeare, die ich je gesehen habe. An die Rezension von Anke Dürr, mit der ich in allen Teilen übereinstimme und die mich überhaupt erst zu dem Besuch gebracht hat, möchte ich nur noch anfügen, dass ich an zwei Stellen bis zu Tränen bewegt war vom Spiel der beiden Hauptdarsteller, vor allem von Birte Schnöink, und das ist mir im Theater seit gefühlten Äonen nicht passiert. Grandioses Bühnenbild, grandiose Schauspieler bis in die kleinste Nebenrolle und eine überwältigende Musik. Einfach großartig!
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