Premiere von "Jeder stirbt für sich allein": Dem Tod ins Gesicht lachen

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Denunzianten, Einfaltspinsel, Machos: Grausig-genial erzählt Hans Fallada in "Jeder stirbt für sich allein" von den Sadisten des Zweiten Weltkriegs und ihren Opfern. Jetzt traute sich das Hamburger Thalia-Theater, den Roman auf die Bühne zu bringen - und meisterte das Wagnis souverän.

Fallada-Premiere: Raue Sprache, rasanter Drive Fotos
dapd

Eine gestürzte Welt, eine Welt im freien Fall: Berlins Stadtplan steht drohend, monströs groß, monolithisch über der ansonsten kargen Szenerie. Doch dieser Plan bezeichnet mehr als nur eine Stadt, er steckt voller Spuren, er besteht aus vielen Teilen des Gebrauchs, Geschirr, Möbeln, Uhren, den Utensilien des Alltags. Die liegen auch darunter, eine bürgerliche Müllhalde der Zerstörung, ein schlichtes, hartes Bild der allgemeinen Verwüstung der Werte.

Es ist der Alltag im Berlin des Zweiten Weltkriegs, die Szenerie in Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein", der Plan einer Höllenfahrt. Wer mit einem solchen Bühnenbau startet, braucht einen langen Atem. Es ist ohnehin ein Wagnis, was sich das Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters mit dieser Inszenierung vorgenommen hat, die am Samstag Premiere feierte.

Die Quangels sind kein glückliches Ehepaar, sie leben nebeneinanderher, zwei erstarrte Menschen, die eigentlich nur für ihren geliebten Sohn leben. Der wurde zur Wehrmacht gezwungen, er stirbt beim Frankreich-Feldzug, die Nachricht seines Todes ist der pure Schrecken für die Quangels. Ihr Alltag stirbt damit auch, denn die Quangels beschließen, ihren eigenen kleinen Widerstand zu starten, sie verschicken Postkarten gegen Hitler, das "Dritte Reich", den Krieg. Sie werden erwischt und gehen in den Tod: Ein authentischer Fall, den Hans Fallada (1893-1947) für seinen letzten Roman rekonstruiert und in rasanter Sprache aufgeschrieben hat.

Raue Sprache, rasanter Drive

In dieser Fassung, die Luk Perceval gemeinsam mit Dramaturgin Christina Bellingen erstellt hat, behält er den Ablauf der Romanhandlung nahezu komplett bei, vertraut der rauen, sarkastischen Sprache Falladas, nutzt das vorhandene Tempo, dirigiert den Fluss wie ein Dirigent die Partitur strukturiert. Fast alle Personen des Romans tauchen auf, nur wenig wurde gekürzt, um Bühnen-Drive zu erzeugen. Der Drive pulsiert in diesem Roman ohnehin: Hans Fallada stellte ihn in nur vier Wochen fertig. In einer Neuübersetzung wurde er vor zwei Jahren zum Bestseller in den USA und Großbritannien, dann erschien in Deutschland erstmals die ungekürzte Fassung, auf der diese Inszenierung beruht.

Diesen Wust an Personen, Details und Handlungssträngen strukturierten Perceval und Bellingen mit einem einfachen Kniff: Die Schauspieler sprechen wechselnd Dialog und erklären aus dem Quasi-Off, was die Handlung reflektierend bricht - ein Hauch episches Theater weht über die Rampe. Durch dieses perfekt geführte Wechselspiel lebte der innere Fluss des Geschehens, der auch über die Marathon-Distanz von vier Stunden keine Sekunde langweilte. Dass Perceval trotz des düsteren Sujets nie auf komödiantische Treffer verzichtete, verdankt er seinem Theatergespür - noch in der tiefsten Finsternis muss auch närrische Hoffnung aufblitzen.

Perceval schickt seine Darsteller in ein Personenregie-Wechselbad von Statik und wilder Bewegung. Manchmal schwebt das Ensemble wie in einer Pina-Bausch-Choreografie über die Bühne, dann erstarren sie zu einer kalten, harten Menschen-Installation, mal Zeitlupe, mal Slapstick, ständig variiert das Tempo, immer sitzen die Aktionen und Pointen, das Publikum lacht dem Tod ins Gesicht, bevor es wieder heulen möchte.

Denunzianten, Einfaltspinsel, Machos

Pointen des Schreckens gibt es reichlich, denn die Reise der Quangels vom privaten Widerstand in die Folterkeller der Gestapo ist gespickt mit Momentaufnahmen und Charakterzeichnungen ihrer Mitmenschen. Denunzianten, Einfaltspinsel, brutale Machos, verzweifelte Frauen und immer wieder willige Helfer, denen alles egal ist, wenn es ihnen nur nützt. Hans Falladas Talent, immer den authentischen Ton der fiesen Sadisten wie den der sympathischen Verlierer zu treffen, konnte Perceval wunderbar inszenieren, denn ihm stand ein Ensemble voll großartiger Solisten zur Verfügung.

Oda Thormeyer und Thomas Niehaus, die als Ehepaar Quangel aus ihrer kleinen Welt und deren limitierten Möglichkeiten den Heldenkampf führen wollten, spielten das innerlich zerstörte Paar mit nuancenreicher Tiefe. Niehaus knapp, unpathetisch, mit stoischer Akkuratesse eines Kleinbürger-Revoluzzers, Thormayer mit Würde, Hoffnung und gebändigter Trauer, beide jede Sekunde von einer atemberaubenden Präsenz.

Ein Kompliment, das man der gesamten Thalia-Riege machen konnte, denn vor allem die Kontraste zwischen greller Komik und äußerster Kälte und Brutalität schimmerten in packender Dichte. Fast alle spielten mehrere Rollen. Barbara Nüsse brillierte als wüster, trinkender und misshandelnder SS-Mann Prall ebenso wie als mutig helfender Kammergerichtsrat Fromm - größere Gegensätze an einem einzigen Abend sind kaum denkbar. Alexander Simon und Mirco Kreibich ließen ihre Figuren - Hergesell und Barkhausen - förmlich explodieren.

Die Grenze zur Farce wurde häufig berührt, aber das war gewollt, denn diese Form der ins Groteske übersteigerten Komik ließ die Schrecken von Folter und Tod nur noch drastischer erstehen. Wie André Szymanski als glück- und rückgratloser Kommissar Escherisch in der Schlachtensee-Szene den armen, harmlosen Schnorrer Enno Kluge umbringt, trifft mitten ins Herz. Luk Perceval hätte mühelos Szenen dieser Drastik aneinanderreihen können, aber er setzte auf harte Wechselbäder. Überhaupt enthielt sich die Regie aller vordergründigen Gewalt, die man hätte zeigen können. Es floss kein Blut und keine wohlfeile Bühnenfolter fand statt - nur in den Köpfen des Publikums, dessen Phantasie reichlich gefüttert wurde.

Enthusiastischer Premierenbeifall für Darsteller und Regie, auch in dieser Länge ein faszinierender und spannender Abend, brillantes Schauspielertheater.

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