Thalia Theater Lettischer Regisseur sagt Gastspiel aus Protest gegen Flüchtlingshilfe ab

Das Hamburger Thalia Theater engagiert sich für Flüchtlinge und baute den Spielplan um. Dem lettischen Theaterregisseur Alvis Hermanis stieß das auf - aus Protest strich er sein geplantes Stück.

Theaterregisseur Alvis Hermanis: Gefährliche Begeisterung
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Theaterregisseur Alvis Hermanis: Gefährliche Begeisterung


Es kommt dieser Tage nicht oft vor, dass sich Persönlichkeiten aus dem Kulturbetrieb öffentlich gegen ein Engagement für Flüchtlinge aussprechen. Der lettische Theaterregisseur Alvis Hermanis bricht nun damit: Er hat die Aufführung des Stücks "Russland. Endspiele" am Hamburger Thalia Theater überraschend abgesagt. Damit will er gegen das Engagement des Hauses für Flüchtlinge protestieren.

Hermanis halte das humanitäre Engagement für falsch und wolle damit nicht in Verbindung gebracht werden, hieß es vom Theater zur Begründung. Die deutsche Begeisterung, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, sei extrem gefährlich für ganz Europa, weil unter ihnen Terroristen seien, sagte Hermanis demnach.

Der 50-Jährige ist ein europaweit gefragter Regisseur und arbeitet zurzeit an der "Opèra Bastille" in Paris. 2011 inszenierte er "Eugen Onegin" an der Schaubühne in Berlin. Das Stück wurde von der Kritik gelobt. Ein Jahr später kehrte er mit "Sommergäste" von Maxim Gorki an das Theater am Lehniner Platz zurück.

"Nie für möglich gehalten"

Sein Debüt als Opernregisseur feierte Hermanis 2012 bei den Salzburger Festspielen. Ein Jahr später überraschte er dann mit einer Andeutung, sich nach zehn Jahren vom Sprachtheater zurückziehen zu wollen. Als Begründung nannte er die Missverständnisse bei der Rezeption seiner Werke. Diese seien den unterschiedlichen kulturellen Kontexten im Ausland geschuldet.

Die Hamburger Theaterverantwortlichen zeigten sich nun überrascht ob der plötzlichen Absage: "Wir hätten nie für möglich gehalten, dass humanitäres Engagement für Hilfsbedürftige zur Aufkündigung der Zusammenarbeit führen könnte", sagte Intendant Joachim Lux. Außerdem verstehe sich das Thalia als Ort des offenen gesellschaftlichen Diskurses und gebe in zahlreichen Debatten dem größtmöglichen politischen Spektrum Raum, so Lux weiter.

Das Theater hatte zu Beginn dieser Spielzeit dazu aufgerufen, 100.000 Euro für Flüchtlinge zu sammeln und änderte kurzfristig den Spielplan. "Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek ist wieder im Programm aufgenommen worden. Das Stück soll all jenen gewidmet sein, "die an der Flüchtlingspolitik der Europäer scheitern", wie es in einer Pressemitteilung hieß.

Mit "Späte Nachbarn" läuft derzeit bereits ein von Hermanis inszeniertes Stück am Thalia. Aus Respekt vor seinem Werk solle es auch weiterhin im Spielplan bleiben, heißt es in einer Stellungnahme des Theaters.

cor/dpa

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