Streit über Thatcher-Schmähung: Die "Hexe" ist tot, der Pop lebt

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Thatcher-Schmähung: Darf man das? Fotos
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Als Jubel-Hymne der Thatcher-Gegner stürmt "Ding Dong! The Witch is Dead" in Großbritannien erneut die Charts. Nun wird der Erfolg des rund 70 Jahre alten Lieds zur Staatsaffäre, denn die BBC gerät unter Druck: Darf sie den Song senden? In Deutschland, das ist sicher, wäre all das nie passiert.

In der englischsprachigen Version von Wikipedia gibt es einen eigenen Eintrag: "List of Songs banned by the BBC". Darauf findet sich anzügliches Liedgut ("Je t'aime" von Serge Gainsbourg und Jane Birkin), als drogenbeeinflusst geltendes ("Lucy in the Sky with Diamonds" von den Beatles) und völlig harmloses, das aufgrund einer Doppeldeutigkeit während des britischen Luftangriffs auf den Irak nicht mehr gespielt werden durfte ("In the Air Tonight" von Phil Collins).

Am Wochenende hätte ein neuer Titel hinzukommen können: "Ding Dong! The Witch is Dead", ein über 70 Jahre altes Kinderlied aus einem über 70 Jahre alten Kinderfilm - "The Wizard Of Oz" mit Judy Garland. Weil das Lied nach dem Tod Maggie Thatchers zum Symbol der posthumen Abrechnung mit deren Politik geworden ist, musste der neue BBC-Chef Tony Hall, erst seit Anfang April im Amt, jetzt eine Entscheidung von staatstragender Bedeutung treffen: Soll der Titel am Sonntag in der Hitparade von BBC Radio 1 gespielt werden?

Der Londoner "Daily Telegraph", von den Engländern seiner politischen Linie wegen auch "Torygraph" genannt, widmete der Frage am Freitag bereits einen längeren Kommentar. Die Überschrift: "Warum die BBC das Lied nicht spielen sollte". Die "Daily Mail" wiederum zitierte den Konservativen John Whittingdale, Vorsitzender des Unterhauskomitees für Medien, der das unverhoffte Comeback von "Ding Dong! The Witch is Dead" grimmig verdammt: "Die meisten Menschen finden das beleidigend und zutiefst unsensibel. Es wäre besser, wenn die BBC es nicht spielen würde." Der Sender entschloss sich schließlich zu einem Kompromiss: Thatcher-Kritik? Ja, aber nur ein bisschen. Das Lied soll nur zum Teil gespielt werden.

Die Social-Media-Kampagne, die zum Erfolg von "Ding Dong! The Witch is Dead" führte, ist, wie auch die öffentliche Verhöhnung der toten Thatcher im Londoner Stadtteil Brixton, Ausdruck einer Aufmüpfigkeit, die in Deutschland - allen antiautoriären Phasen zum Trotz - bis heute nicht vorstellbar ist. In der Bundesrepublik hat es einen Fall wie den von "Ding Dong! The Witch is Dead" nie gegeben.

Wie auch der Großteil der Franzosen mögen viele Briten konservativ sein. Doch sie sind, wie die gern verhöhnten frogs jenseits des Kanals, dabei immer anarchisch geblieben und pflegen wie sie eine andere Tradition des Protests als in Deutschland, wo die Mehrheit der Bevölkerung Angela Merkels Durchökonomisierung des Politischen derzeit fast wortlos akzeptiert oder sogar gutheißt. Man kann das Verhalten vieler Deutscher als Ausdruck obrigkeitsstaatlichen Denkens betrachten - wie auch die Rekordamtszeiten von Konrad Adenauer oder Helmut Kohl. Im modernen Großbritannien wären sie undenkbar. Thatcher wurde von ihrer eigenen Partei trotz ihrer Wahlerfolge gestürzt. Churchill verlor sein Amt gar auf dem Höhepunkt seines Ruhms als Kriegsheld. Ewig regiert hier nur die Queen.

Dagegen hat der ironische Witz der englischen Kultur sich in Deutschland nie wirklich durchsetzen können. Dass in Großbritannien nun ausgerechnet eine infantil wirkende Varietémusiknummer dem Unbehagen über die Politik Thatchers noch einmal eine späte, griffige Formel verleiht, ist angesichts des unernsten Charakters des Liedes eher charmant als gemein, eher verspielt als verbittert - mit einem Wort: Pop.

Mag "die Hexe" auch tot sein, die Popkultur - das zeigt der Erfolg von "Ding Dong! The Witch is Dead" - lebt. Wer hätte damit noch gerechnet?

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Thatcher im Porträt