Ausstellung "The Neighbours": New Yorker empört über voyeuristische Fotos

Ist Arne Svenson ein einfacher Spanner oder ein Künstler? Die Empörung über seine Ausstellung "The Neighbours" ist groß: Svenson hat ohne Erlaubnis mit dem Teleobjektiv in die Wohnungen fremder Menschen fotografiert. Jetzt hängen die Bilder in einer Galerie - die Porträtierten wehren sich.

The Neighbours: New Yorker Ausstellung provoziert mit Voyeurismus Fotos
AP

New York - Kann aus Voyeurismus Kunst werden? In New York sorgt jetzt eine Kunstausstellung mit Fotos aus dem alltäglichen Leben für Empörung. Für die Ausstellung "The Neighbors" (Die Nachbarn) hat der Künstler Arne Svenson ohne Wissen der Bewohner in die Fenster fremder Wohnungen fotografiert.

Svenson habe "die tägliche Routine seiner Nachbarn in Downtown Manhattan studiert", hieß es von der Julie Saul Gallery, wo seine Bilder derzeit zu sehen sind. Er nutzte ein Teleobjektiv, um aus seiner Wohnung im ersten Stock einfach durch die Fenster in andere Apartments hinein zu blicken. Die Bilder zeigen unter anderem einen schlafenden Mann, eine sich bückende Frau von hinten, nackte Beine unterm Bademantel und eine Frau im Schaukelstuhl mit Teddybär. Komplette Gesichter sind nie abgebildet, allerdings Partien.

"Ich bin empört, weil auch viele Kinder in dem Gebäude leben", sagte ein Bewohner dem Sender NBC. "Ich habe Kinder, kleine Kinder. Und ich bin sicher, dass es da viel mehr gibt, was wir noch nicht gesehen haben." Der Fotograf habe sicher noch einiges auf dem Film. "Und wir alle fragen uns: Was hat er noch und was will er damit tun?"

"Ich habe aus dem Schatten meiner Wohnung geknipst"

Svenson sieht das ganz anders. "Für meine Objekte gibt es die Frage der Privatsphäre nicht", sagt er. "Sie stellen sich hinter einem durchsichtigen Schleier auf einer Bühne dar, die sie selbst gestaltet haben und auf der sie den Vorhang selbst hochgezogen haben." Dabei räumt er selbst ein, etwas spannerhaft gearbeitet zu haben: "Die Nachbarn wussten nicht, dass sie fotografiert werden. Ich habe vorsichtig aus dem Schatten von meiner Wohnung in ihre geknipst."

Die Porträtierten wohnen in einem luxuriösen Wohnhaus mit Glasfassade gegenüber von Svensons Apartment. "Ich denke, es ist kein Verstoß im rechtlichen Sinne, aber es verletzt eine Grenze für mich als New Yorkerin", sagte Anwohnerin Michelle Sylvester, die im "Zinc Building" im angesagten Viertel Tribeca wohnt. "Ich sehe ein, dass einen Blicke streifen, wenn man hier mit Glasfenstern lebt, aber es fühlt sich anders an, wenn jemand eine Kamera benutzt."

Wie ein Vogelbeobachter auf den richtigen Moment gewartet

Svenson hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen der Bewohner des "Zinc Building" geäußert. Im Begleitmaterial zu seiner Ausstellung gibt er an, er habe die Idee zu dem Projekt gehabt, nachdem ein befreundeter Vogelbeobachter ihm sein Teleobjektiv vermacht hatte. Svenson vergleicht sich mit einem Vogelbeobachter, der auch stundenlang ruhig warten müsse, um im entscheidenden Moment Erfolg zu haben. Tag und Nacht habe er darauf gewartet, dass sich Vorhänge öffnen, um den Blick auf eine Vorstellung freizugeben.

Die Bewohner des Wohnhauses, in dem einzelne Apartments für mehr als sechs Millionen US-Dollar auf dem Markt waren, beruhigt Svensons Erklärung wenig. Unter den Anwohnern zirkuliert eine E-Mail, in der ein von Svenson Porträtierter vorschlägt, rechtliche Schritte gegen den Künstler anzustrengen. Allerdings ist unklar, inwiefern die Betroffenen eine rechtliche Handhabe gegen die Bilder haben.

Es käme auf den Kontext an, urteilen befragte Juristen. "Die Frage an die klagende Person wäre, wenn sie nicht zu identifizieren ist, wo ist dann der Verlust der Privatsphäre?", sagte der Anwalt Norman Siegel.

In jedem Fall hat es Arne Svenson geschafft, die Aufmerksamkeit der New Yorker auf seine für bis zu 7500 US-Dollar pro Bild angebotenen Fotos zu lenken. Die Nachbarn sind Stadtgespräch, unabhängig von ihrer künstlerischen Qualität.


Die Ausstellung "The Neighbours" ist noch bis zum 29. Juni in der Julie Saul Gallery, 535 West 22nd Street in New York City, zu sehen.

Lesen Sie hier mehr über Skandalkunst: Kopflos in den Skandal +++ Im Puff mit Vincent van Gogh +++ Die ehrwürdige Galerie und die mysteriöse Señora

dba/dpa/AP

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Hollywood
toskana2 18.05.2013
Zitat von sysopAPIst Arne Svenson ein einfacher Spanner oder ein Künstler? Die Empörung über seine Ausstellung "The Neighbours" ist groß: Svenson hat ohne Erlaubnis mit dem Teleobjektiv in die Wohnung fremder Menschen fotografiert. Jetzt hängen die Bilder in einer Galerie - die Portraitierten wehren sich. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/the-neighbours-aerger-in-new-york-ueber-fotos-von-voyeur-arne-svenson-a-900666.html
Ich meine, eine "robuste Definition" über Kunst haben wir bis heute nicht. Davon abgesehen: Die "Neighbours", die sich über ihr verhunztes Privatleben aufregen, sollten ruhig von der Palme runter. Sie wie ihre Landsleute haften dafür, dass aus ihrem Leben "Hollywood" geworden ist - ein anderes Wort für zur-Schau-stellen. Des Privaten sowieso! Und das bringt, na was? - Geriebenes!
2. Nichts Neues
diefetteberta 18.05.2013
Der New Yorker Fotograf ist doch nur ein Trittbrettfahrer, diese Idee wurde schon oftmals vorher umgesetzt , z. B. von Merry Alpern in der Serie "Dirty Windows".
3. Kein Vergleich
James Agee 18.05.2013
Ich finde Stevensons Bilder nicht nur gut gesehen, sie scheinen konzeptionell ja gerade mit der Ambivalenz von Öffentlichkeit und Privatheit zu spielen. Im Vergleich etwa zu den Bildern von Miroslav Tichy, die auf dem Sekundärmarkt längst zu unglaublichen Preisen gehandelt werden, sehe ich hier keinerlei Ansatz für eine moralische Diskussion. Schade nur, dass dieser Artikel auf die ästhetische Dimension der Arbeiten gar nicht eingeht, sondern den plattesten Ansatz wählt, um sich mit Fotokunst auseinanderzusetzen.
4. Der Begriff Kunst ist
geronimo49 18.05.2013
Zitat von sysopAPIst Arne Svenson ein einfacher Spanner oder ein Künstler? Die Empörung über seine Ausstellung "The Neighbours" ist groß: Svenson hat ohne Erlaubnis mit dem Teleobjektiv in die Wohnung fremder Menschen fotografiert. Jetzt hängen die Bilder in einer Galerie - die Portraitierten wehren sich. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/the-neighbours-aerger-in-new-york-ueber-fotos-von-voyeur-arne-svenson-a-900666.html
bekanntlich auf der Strasse des Marketing Hypes verloren gegangen. Heute verkauft ein perverser Spanner, so bezeichne ich Leute die mit Teleobjektiven Aufnahmen von Privatwohnungen und deren Bewohner machen, qualitativ schlechte Fotos fuer 7500 $, bald wird er 100000 dafuer bekommen, weil einige Irre auf so was anspringen und als grosse Kunst feiern. In was fuer einer kranken Welt leben wir..?
5.
primemover 18.05.2013
Ich weiss nicht, ob es moralisch ok ist fremde Menschen ohne deren Wissen abzulichten und diese Fotos dann zur Schau zu stellen. Angesichts von Nackt-Scannern, Überwachung jeglicher Kommunikation, Telemetrischer Daten Erfassung, Kamera-Überwachung des öffentlichen Raums, etc, finde ich die Reaktion allerdings heuchlerisch. Wir leben in einer Welt in der das Private nicht mehr existiert. DAS ist ein Problem. Wenn diese Austellung erreicht, dass dieses Problem ins Bewusstsein der Besucher dringt, ist sie ein großer Erfolg. WIR aber sollten uns tatsächlich klarmachen, dass wir alle, zu jeder Zeit, an jeden Ort, ein Objekt der Beobachtung sind. Unser aller Leben ist aufgezeichnet, digitalisiert und gespeichert. Diese Daten sind ein begehrtes Gut, das auf vielen Märkten feilgeboten wird, Period.
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