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"The Shadow" mit Gonzales: Die dunkle Seele eines stummen Dieners

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Identitätskrise: Das Böse im Nacken Fotos
DPA

Ein Schatten will Mensch werden: Das Sommerfest auf Kampnagel in Hamburg beginnt mit dem Märchen "The Shadow". Und das musikalische Multitalent Chilly Gonzales hat Musik dafür komponiert. Was für ein Ritt.

Er schwitzt, er krümmt sich, er leidet. Sein weißes Hemd ist längst durchnässt und gibt den Blick auf die Konturen des Oberkörpers frei. Der Mann, ein namenloser Professor, ist krank. Die Schwäche beglaubigt sein Schicksal, der Anfang vom Ende ist eingeläutet. Auch die Muse hat ihn verlassen.

Die Kultur- und Theaterstätte Kampnagel in Hamburg hat sich zum Auftakt ihres Internationalen Sommerfestivals ein Märchen von Hans Christian Andersen ausgesucht, das in Koproduktion mit dem Schauspiel Köln entstanden ist. In "The Shadow" erzählt der dänische Dichter (1805 - 1875), wie der Professor zunächst seinen Schatten verliert, dieser nach Jahren zu ihm zurückkehrt, um dessen Identität anzunehmen. Der Schatten schlägt zu, als der Professor krank wird. Er trickst ihn aus, überredet ihn zu einem Verwirrspiel, dem der Professor nicht mehr entrinnen kann.

Bevor die Schauspieler die Bühne betreten, bleibt das Licht noch ein, zwei Minuten an im Saal. Das kleine Orchester hat auf der Bühne bereits Platz genommen. Und am Klavier sitzt Chilly Gonzales. Der kanadische Musiker, Komponist und Entertainer hat Andersens Märchen in eine Partitur für das Kammerorchester übertragen.

Mit seiner Komposition bestimmt Gonzales, wo es langgeht, wie der Zuschauer empfindet, schon gleich am Anfang. Da schieben sich Nebelschwaden über den Boden, langsam nehmen sie die Bühne für sich ein. Durch die Musik wirkt der Nebel einmal friedlich, plötzlich aber bedrohlich. Der Protagonist dieses Abends ist: Gonzales' Musik.

Arroganz, Hochmut und Hass

Die Zuschauer haben den Musiker, mit bürgerlichem Namen Jason Charles Beck, mit Applaus begrüßt. 42 Jahre alt ist er und sieht ein wenig aus wie Adriano Celentano in den Siebzigern. Tausende Menschen kommen zu seinen Konzerten. Wollen sehen, wie sich seine Finger schier überschlagen, wie er leichthändig zwischen Musikstilen hin- und herwechselt, wollen miterleben, wie er nebenher auch noch rappt.

Gonzales ist ein Multitalent. Er produzierte Alben für Feist und Björk. Im Januar dieses Jahres erhielt er einen Grammy für die Mitwirkung am Erfolgsalbum "Random Access Memories" von Daft Punk. Vor zweieinhalb Jahren veröffentlichte der Kanadier sein Album "Solo Piano II", regelmäßig ausverkaufte Konzerte folgten. Sogar im Guiness Buch der Rekorde steht sein Name, weil er vor fünf Jahren mehr als 27 Stunden am Stück Klavier spielte. Und mit dem Regisseur Adam Traynor realisierte Gonzales im Jahr 2010 den Film "Ivory Tower", in dem die Protagonisten gegeneinander in der erfundenen Sportart "Jazz Chess" antreten. Traynor führte nun auch Regie bei "The Shadow", wohl seinetwegen funktionieren Schauspiel und Musik so gut miteinander.

Niklas Kohrt spielt den Professor, Melanie Kretschmann seinen Schatten. Zunächst unscheinbar noch, mit schwarzem Tuch über dem Kopf, folgt der Schatten dem Professor Schritt auf Schritt. Kretschmann ahmt eifrig jede Bewegung nach, rennt, wenn der Professor rennt, ruht, wenn der Professor ruht. Der Schatten unterwirft sich, ein stummer Diener ohne Seele, ohne Willen. Bis er sich von seinem Professor trennt. Als der Schatten dann wiederkehrt, haucht Kretschmann ihm Stärke ein, Arroganz, Hochmut und Hass. Der Schatten begehrt gegen seinen Herren auf, er will kein Untertan mehr sein.

Wer ist Schatten, wer ist Mensch?

Die Geschichte entwickelt sich nicht nur auf der Bühne, eine weitere Ebene kommt hinzu - auf Leinwänden führen Schattenspiele das Märchen fort, die Regie kann so mit Größenverhältnissen und optischen Täuschungen spielen. Wer ist hier Schatten, wer ist Mensch?

Diese Verschiebungen unterstreicht Gonzales' Musik eindrücklich. Der Pianist erweckt den Eindruck, als befände man sich mitten in einem Alfred-Hitchcock-Film, Verfolgungsjagden und die Suche nach der eigenen Identität erinnern an den Thriller "Vertigo". Doch hier gibt es mehr als Hitchcock: Regisseur Traynor und Komponist Gonzales begeben sich auf eine Achterbahnfahrt durch Genres und Zeiten.

Traynor lockert die Schwere des Stückes auf, indem er die Szenerie in der zweiten Hälfte in die Achtziger holt, der Professor und sein Schatten wollen sich zusammen im Spa erholen, die anderen Schauspieler stecken in bunten Bademänteln mit passenden Pantoffeln. Ein bisschen selbstreferenziell ist das, weil ja auch Gonzales gern in Bademantel und Pantoffeln auftritt. Ebenso wie Traynor mit der Zeitlichkeit spielt, spielt Gonzales mit den Musikstilen. Die Romantik Claude Debussys mischt er mit dem Swing der Zwanziger auf.

Am Ende überspannen Traynor und Gonzales das Märchen leider zu sehr, der Zuschauer ist erschlagen, von all den Schattenspielen und den vielen Genres. Und dann sieht man noch einmal Gonzales am Klavier. Er schwitzt, er krümmt sich, sein weißes Hemd längst durchgeschwitzt. Aber Gonzales leidet nicht.


"The Shadow" ist noch am 7., 8. und 9. August auf Kampnagel zu sehen, sowie ab dem 11. September im Schauspielhaus Köln

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