Theater Ach Gottchen - Kresniks Nackte in der Kirche

Im Bremer Dom durfte der österreichische Regisseur Johann Kresnik seine Version der christlichen zehn Gebote nicht vorführen, dafür hatte sein Spektakel nun am Donnerstagabend in der Bremer Friedenskirche Premiere - und überraschte das Publikum mit müden Kitschbildern zu tollem Operngesang.


Schauspielerin in Johann Kresniks "Die zehn Gebote": Blonde Eva auf dem Altar
AP

Schauspielerin in Johann Kresniks "Die zehn Gebote": Blonde Eva auf dem Altar

Da wird der liebe Gott aber sehr gestaunt haben, als er am Ende dieses Theaterabends eine nackte blonde Eva auf dem Altar seiner Kirche stehen sah: Sehr anmutig und rund sah der Po der Schauspielerin aus, die da über flackerndem Kerzenlicht ihre Rückenansicht dem Publikum entgegenhielt, lang waren ihre Beine und samtig-bleich schimmerte ihre Haut: Das ist doch was, verglichen mit dem oft eine wenig hutzeligen, fast immer dick eingemümmelten Menschenvolk, das sich sonst so zum Beten in der Bremer Friedenskirche versammelt!

Ach, nicht nur der Allerheiligste hoch droben im Christenhimmel konnte zufrieden sein mit diesen eineinhalb Theater-Betstunden unter dem Titel "Die zehn Gebote", die der 63-jährige Österreicher Johann Kresnik am Donnerstagabend in der Friedenskirche präsentierte:

  • Die "Bild"-Zeitung hatte hübsch für Unterhaltung gesorgt, als sie vorab Krach schlug, dass da ein durchgeknallter Atheist aus Österreich (immerhin katholisch erzogen) einen Haufen von nahezu Nackten im Gotteshaus herumtoben lasse - nach ein paar fetten Schlagzeilen mussten "Die zehn Gebote" vom Bremer Dom in die Friedenskirche umziehen. Ist es nicht prima, dass es noch echte Theaterskandale gibt, die schließlich die Lebendigkeit der Kunst beweisen?


  • Christus-Interpret Kaufmann: Großartig brummige, warme Bassstimme
    AP

    Christus-Interpret Kaufmann: Großartig brummige, warme Bassstimme

  • Die Herren von der Bremer Polizei hatten auch einen netten Abend an der frischen Luft, weil sich die angerückten Kräfte angesichts von nicht mal einer Hand voll Demonstranten vor der Kirche darauf konzentrieren konnten, die per Fahrrad angerückten Premierenbesucher freundlich aufzufordern, mit ihren Gefährten nicht den Fußweg zu blockieren. Ansonsten schien das Licht etlicher von diversen Kamerateams herbeigeschleppten Scheinwerfern auf die gutgelaunten Männer in Grün, die fleißig gefilmt wurden. Ist es nicht herrlich, Ordnungshüter in einer funktionierenden Demokratie zu sein?
  • Die Demonstranten selber hielten ein Transparent in die Höh', auf dem ein Bibelspruch zu lesen war, wonach das Haus des Herrn recht eigentlich zum Beten dienen solle (für fromme Freaks: Es handelt sich um Matthäus 21, 13). Ist es nicht wunderbar, dass man es mit so einer schwachen Pointe in die Nachrichtensendungen fast aller deutschen TV-Sender schafft - und so den Lieben daheim in die Kameras winken kann?
  • Ach, den besten Spaß hatten dann aber doch die 200 Leute, die sich zwar im Stehen, aber immerhin von einer Heizung gut gewärmt, das Kresnik-Spektakel antun durften: Es gab einen Chor von lieben Kindern zu begucken, die lustige rote Zipfelmützen trugen und ein Schlumpf-Lied sangen. Es gab sechs nackte Damen, die an Nähmaschinen werkelten und lauter deutsche Fahnen flickten.

    Kopulationsszene aus "Die zehn Gebote": Du sollst nicht ehebrechen
    AP

    Kopulationsszene aus "Die zehn Gebote": Du sollst nicht ehebrechen

    Der Schauspieler Günther Kaufmann, der gerade im realen Leben aus dem Knast und einem offenbar haltlosen Mordverdacht entlassen wurde, trat als ein dunkelhäutiger Ersatzchristus auf, den es für kurze Zeit auf Erden und in die Kirche verschlagen hatte - eine großartig brummige, warme Bassstimme hat der Mann. Ist es nicht supernett, solche und ähnliche Attraktionen genießen zu dürfen?

Naja, ganz so toll dann doch wieder nicht. Denn das Hirn möchte ja auch beschäftigt sein, wenn man so zugeknallt wird mit verwegenen Bildern von gefolterten Menschen in weißen Unterhosen oder einem seine MG schwingenden Soldatenheini, wobei meistens auch noch zwei fabelhafte Opernsängerinnen berühmte und halbberühmte Arien schmetterten wie die aus Catalanis "La Wally".

Was bitte hat das alles mit den zehn Geboten zu tun, denkt es also hinterm Zuschauer-Stirnbalken, während man den beherzten, aber doch nur mittelbegabten Kresnik-Schauspielern bei der Arbeit zuschaut. Die Antwort heißt: So irgendwie hat doch alles mit allem zu tun, schließlich sollten die zehn göttlichen Erlässe ja das ganze, totale, universale Menschenleben regeln.

Regisseur Kresnik: Vor lauter Wildheit ganz fromm geworden
AP

Regisseur Kresnik: Vor lauter Wildheit ganz fromm geworden

Also rennen zu "Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren" (Gebot Nummer vier) viele schreiende Kinder auf die Hauptbühne, die rätselhafter- und putzigerweise Mickymausohren an den kleinen Köpfen tragen. Also kopuliert zu "Du sollst nicht ehebrechen" (Nummer sechs) der von Kaufmann gespielte heilige Fremde mit einer rosa bestrumpften jungen Frau, wobei die Szene garniert ist mit einem halb zerschmetterten Autowrack. Seufz - und so weiter.

Wirklich dämlich aber ist der strikt antikapitalistische, leider strunzdumme Text des Librettos von Christoph Klimke, in dem nach Art einer sehr lahmen Predigt ein Klischee aufs andere gehäuft wird: Beim Thema "Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten" (Gebot Nummer acht) geht es allen Ernstes um die bösen Amis und den Irak-Krieg - und es heißt wörtlich: "Öl gut - alles gut".

Ja, manchmal ist's schon schlimm. Aber Zetern gilt nicht, wenn's um so was schönes Christliches, ja rundum Versöhnliches geht wie das hier. Was einzig hilft, ist Beten. Drum: Lieber Gott, drück den Kresnik Hans, der mal ein schlimmer Skandal-Bub war und jetzt vor lauter Wildheit ganz fromm geworden ist, an dein alles verzeihendes, göttliches Herz - und hab ihn bitte wieder ganz, ganz lieb!





© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.