Theater-Autorin Haratischwili: Das Unglück klebt wie Kaugummi

Von Maren Keller

Eine Frau läuft vor ein Auto, zertrümmert wird nicht nur ihr Schädel, sondern auch das Leben des Fahrers: Die Dramatikerin Nino Haratischwili ist eine grausame Erzählerin und zugleich eine poetische. Nun hat ihr neues Stück "Drei Sekunden" Premiere.

Theater-Autorin Haratischwili: Das Unglück klebt wie Kaugummi Fotos
Theater Bremen/ Jörg Landsberg

Eine Frau steht auf dem Mittelstreifen, das Gesicht müde, der Regenmantel dunkelblau. Dann läuft sie drei Schritte. Vor ein Auto. Und was in jenem Moment zertrümmert wird, ist nicht nur ihr Schädel. Es ist das Leben von Julian, der am Steuer jenes Autos sitzt. Dies ist nicht das Ende, dies ist der Anfang von Nino Haratischwilis Stück "Drei Sekunden", das am 29. Januar im Theater Bremen Premiere feiern wird.

Julians Schwester sagt, es sei nicht seine Schuld. Die Tochter der Toten sagt, er solle sich keine Gedanken machen. Und ihr Geliebter sagt, er solle sich davon nicht fertig machen lassen. Einfach Weiterleben. Aber das ist natürlich Quatsch. Denn schließlich ist Julian eine Erfindung der Autorin Nino Haratischwili, die nicht einfach nur Geschichten schreibt, sondern ihre Figuren aus der Bahn stößt. Sie erzählt ihre Geschichten entlang der roten Fäden, die ein Unglück zieht. Weil man ein Unglück nie einfach so hinter sich lassen kann, sondern es mit durch das Leben schleppen muss wie einen Kaugummi, der unter der Sohle kleben bleibt.

Im vergangenen Jahr war dieses Prinzip mustergültig nachzulesen in Haratischwilis grandiosem Roman "Mein sanfter Zwilling", in dem ein Todesfall die Leben zweier Kinder so fest aneinanderschraubt, dass sie auch als Erwachsene nicht von der Tragödie und von einander ablassen können. Nach "Juja" war dies ihr zweiter Roman. Eigentlich aber kommt Haratischwili aus dem Theater, schrieb und inszenierte selbst und wurde 2008 mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Auch bei "Drei Sekunden" in Bremen führt sie selbst Regie.

Geisterfahrer im eigenen Leben

Julian wird von dem Zusammenprall mit der Frau in der Regenjacke nicht einfach aus der Bahn geworfen: Haratischwili macht ihn zu einer Art Geisterfahrer in seinem eigenen Leben. Er versetzt ständig seinen Sohn, der bei der Ex-Frau lebt. Er geht kaum noch in den Verlag, den er leitet. Er wird dabei gesehen, wie er traurig die Straße entlang stolpert. Er hat Kopfschmerzen, schreit den besten Freund an, meldet sich nicht bei seiner Mutter.

Julian wird kalt. "Was hast du vor?", fragt ihn seine Schwester einmal. Und anstelle einer Antwort steht in dem Stück nur ein Gedankenstrich. Denn Julian weiß nicht, wie er mit der Schuld leben kann. Wenn er die Frau schon totgefahren hat, will er sie wenigstens in sich zum Leben erwecken. So fängt er an, die Tochter der Toten erst zu treffen und dann zu küssen, die Aufzeichnungen der Toten zu lesen und sich aus ihrem Leben erzählen zu lassen, was nicht einfach ist, denn "sie war eine Frau, die 14 Jahre ihres Lebens irgendwo hatte, wo niemand es gebrauchen konnte", wie ihre Tochter sagt.

Je präsenter die Tote wird, desto mehr geht Julian dahin. Die große Leistung des Stückes ist es, dieses Schwinden trotz großer Zeitsprünge zwischen den Szenen als schleichende Entwicklung zu erzählen. Das ist der sprachlichen Kraft von Haratischwili zu verdanken, bei der selbst einzelne Sätze poetischer klingen als manche kompletten Stücke.

Dieser ist der Allerschönste: "Der Mond ist an der Hepatitis erkrankt und ist gelb."


Drei Sekunden. Premiere am 29.1. im Theater Bremen. Auch am 1., 11. und 21. Februar.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund eines technischen Fehlers musste der Diskussions-Thread unter diesem Artikel entfernt werden. Wir bitten um Entschuldigung.

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