Theater in Bremen: Schwarzer Mann - was nun?

Von Anke Dürr

"Unschuld" am Theater Bremen: Keine Schwarz-Malerei Fotos
Jörg Landsberg

Der Regisseur Alexander Riemenschneider inszeniert am Bremer Theater "Unschuld" von Dea Loher. Das Stück erzählt von fast alltäglichen Tragödien am Rand unserer Gesellschaft - im Mittelpunkt stehen zwei Afrikaner, die schon mal einen Skandal verursacht haben.

In Bremen sind Elisio und Fadoul weiß. Das ist an sich keine große Überraschung. Elisio und Fadoul sind zwar illegale Einwanderer aus Afrika, aber sie sind Figuren in einem Theaterstück, das an einem deutschen Stadttheater gespielt wird. An deutschen Stadttheatern sind geschätzte 95 bis 100 Prozent der Ensemblemitglieder weiß.

Mit diesem Widerspruch muss man umgehen, wenn man ein Stück wie "Unschuld" von Dea Loher inszeniert, in dem die vielfach preisgekrönte Dramatikerin von den kleinen, meist unbeachteten Tragödien am Rand unserer Gesellschaft erzählt.

Der Star-Regisseur Michael Thalheimer hat, als er das Stück "Unschuld" von Dea Loher vor zwei Jahren am Deutschen Theater Berlin herausbrachte, den weißen Darstellern von Elisio und Fadoul einfach schwarze Farbe ins Gesicht schmieren lassen. Fünf Monate nach der Premiere reagierte die Organisation Bühnenwatch mit einer Protestaktion auf diese ihrer Meinung nach rassistische Darstellung von Schwarzen.

Thalheimer und das Deutsche Theater reagierten damals souverän auf die Vorwürfe, sie stellten sich der Diskussion mit den Aktivisten, die Schauspieler spielten die Rollen von Elisio und Fadoul danach mit weiß geschminkten Gesichtern - die Fremdheit würde auch so deutlich, sagte Thalheimer, ihm falle dadurch kein Zacken aus der Krone. Er habe niemanden verletzen wollen.

Thalheimer befolgte damit im Nachhinein auch die Empfehlung der Autorin Dea Loher, die in ihrem zehn Jahre alten Stück als Regieanweisung schrieb: "Wenn Elisio und Fadoul mit schwarzen Schauspielern besetzt werden, dann bitte, weil es ausgezeichnete Schauspieler sind, nicht, um eine Authentizität zu erzwingen, die unangebracht wäre. Ansonsten keine 'Schwarz-Malerei', lieber die Künstlichkeit der Theatermittel durch Masken o.ä. hervorheben."

Und nun also, beim jungen Bremer Hausregisseur Alexander Riemenschneider: gar keine Mittel. Was ja auch ein Mittel sein kann. Elisio (Robin Sondermann) und Fadoul (Alexander Swoboda), im gelben Strickpulli der eine, im hellen Blouson der andere, sehen aus, als hätten sie gerade ein Feierabendbier am Bremer Hauptbahnhof getrunken, und so reden sie auch. Und genau dadurch fallen sie auf zwischen den anderen Figuren, die anfangs einheitlich im schwarzen Mantel auf der Bühne stehen und sich im Rhythmus der unsichtbaren Meereswellen bewegen. All diese Figuren - das blinde Mädchen mit seinen auf den Lidern aufgemalten Augen, die immer wieder durchs Bild geisternde Ertrunkene, die diabeteskranke Frau Zucker mit ihrer Beinstumpfattrappe, die die Schauspielerin Gabriele Möller-Lukasz meist einfach vor ihrem gesunden Bein baumeln lässt - stellen ihre Theatermittel aus, haben eine bühnengemäße Künstlichkeit.

Nicht so Elisio und Fadoul. Ist das jetzt die Angst des Regisseurs vorm schwarzen Mann beziehungsweise vor den Aktivisten, die manchmal auftreten wie eine Gesinnungspolizei? Oder ist es der Versuch, uns zu beweisen, dass diese beiden Immigranten wie du und ich sind, wenn wir nur mal Farbe und Akzent vergessen? Die Fremdheit, das Andere, von dem sie bisweilen sprechen, wie etwa von der Scharia, die in ihrer Heimat gilt, bleibt in Bremen bloße Behauptung.

Gottes Willen steckt in einer Tüte

So gerät der Umgang mit dem Fremden in Alexander Riemenschneiders Inszenierung von "Unschuld", absichtlich oder nicht, in den Hintergrund zugunsten der anderen großen Themen, die all die Figuren in Lohers Episodenstück verbinden: Es geht um Schuld und Schicksal, die Fragen, wie viel man Gott überlassen kann oder muss und wie viel Tod das Leben verträgt. Elisio und Fadoul sehen eine Frau ertrinken in dem Meer, über das sie gerade nach Europa gekommen sind, und helfen ihr nicht. Elisio lähmt diese Schuld, Fadoul verwandelt sie: Aus dem verzagten Außenseiter wird ein tatkräftiger Optimist, der eine Tüte voller Geld findet, darin Gottes Willen zu erkennen glaubt und es der blinden Tänzerin gibt, um sie sehend zu machen. Das kann - Dea Loher ist eine Moralistin, und Glück kann man nicht kaufen - natürlich nicht gutgehen.

Meist treffen Riemenschneider und sein Ensemble sehr gut den tragikomischen Ton, der für Lohers Stücke so wichtig ist, damit sie nicht in den Kitsch abrutschen. Die Auf- und Abtritte über die halbhohen Zimmerwände und durchs Souterrainfenster geben dem Ganzen einen surrealen Touch, überbrückt werden die schnellen Szenenwechsel von drei Live-Musikern, die meist mit auf der Bühne sind. Gespielt wird in einem betongrau getünchten Allzweckraum, dessen Vertiefung in der Mitte mal Gruft, mal die Kleinstwohnung von Frau Zucker, deren Tochter und Schwiegersohn darstellt.

Dieser Schwiegersohn trägt den schönen deutschen Allerweltsnamen Franz und hat seine Erfüllung gefunden, seit er bei einem Bestattungsunternehmen die Leichen herrichtet. In Bremen wird er gespielt von Simon Zigah, einem Deutschen mit dunkler Hautfarbe. Zigah spielt den Franz als gutmütigen, sanften Riesen. Das könnte die Normalität sein, die Bühnenwatch immer fordert - aber dann blickt die Darstellerin von Franz' Frau, die es nach Süßigkeiten verlangt, beim Stichwort "Schokokuss" verstohlen zu ihm rüber. Ironisch vielleicht, aber nicht ganz politisch korrekt.

Das Stück hat durch die Farbenblindheit des Regisseurs zwar nicht gewonnen, aber es kann ihr standhalten - vom verdient großen Schlussapplaus hätte also auch Dea Loher etwas zugestanden. Die scheue Autorin saß bei der Premiere sogar im Publikum, verschwand aber sofort nach der Aufführung durch einen Hinterausgang.


Unschuld. Wieder am 1., 20., 23. und 25.10. im Kleinen Haus des Theaters Bremen, Tel. 0421/365 33 33, www.theaterbremen.de

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1. Schwarzmalerei
Ballonmütze gestern, 09:57 Uhr
Mit 'Blackfacing' hat der Regisseur Riemenschneider allerdings schon gearbeitet, in dem er am Hamburger Schauspielhaus die einzige schwarze Figur in Steinbecks "Von Mäusen und Menschen", von einem Weißen mit Schwarzer Farbe im Gesicht hat spielen lassen. Da es ein klassisches Lehrplan Stück war, kamen viele Schulklassen in den Genuss dieser ansonsten sehr guten Aufführung. Die Schüler schwarzer Hautfarbe allerdings, und davon gibt es in Hamburg einige, waren hingegen einigermaßen irritiert. "An deutschen Stadttheatern sind geschätzte 95 bis 100 Prozent der Ensemble-Mitglieder weiß." Nicht nur das, auch der Anteil türkischer oder gar asiatischer Schauspieler an Theatern ist fast bei null. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Obwohl die Schauspielschulen immer wieder migrantische Schauspieler auf den Markt werfen. Es handelt sich auch nicht um eine "Ausländerfreindlichkeit", sondern um Rassismus. Denn weiße Schauspieler schwedischer, russischer, polnischer oder norditalienischer Herkunft, findet man durchaus regelmäßig. Nur die Dunklen hat man nicht so gern. Denn es darf ja nicht sein das die Griechin Antigone, der Italiener Romeo oder der Afrikaner Othello, auch von Landsmännern und Frauen gespielt werden. Ich freu mich auf die neue Spielzeit am Gorki Theater Berlin...
2. Bei der Ruhrtriennale gibts weniger Aufregung...
herrbausb gestern, 10:26 Uhr
Dort sind die Charaktere um US-Theaterstar Robert Wilson auch komplett weiß geschminkt und er selbst malt sich im Verlauf des Stückes schwarz: http://www.bochumschau.de/ruhrtriennale-das-maedchen-mit-den-schwefelhoelzern-2013.htm
3. Interessant
blackpride gestern, 11:37 Uhr
Zitat von sysopDer Regisseur Alexander Riemenschneider inszeniert am Bremer Theater "Unschuld" von Dea Loher. Das Stück erzählt von fast alltäglichen Tragödien am Rand unserer Gesellschaft - im Mittelpunkt stehen zwei Afrikaner, die schon mal einen Skandal verursacht haben. Theater Bremen: Alexander Riemenschneider mit Dea Lohers "Unschuld" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/theater-bremen-alexander-riemenschneider-mit-dea-lohers-unschuld-a-925224.html)
Die Hautfarbe ist ja kein Kriterium für authentische Schauspielerei. Und da ja nun erwiesen ist, dass ein Afrikaner auch von einem weißen Schauspieler dargestellt werden kann, wird es Zeit, dass schwarze Schauspieler (und davon gibt es ziemlich viele in Deutschland) auch mal den Faust geben. Das Ziel muss ohnehin die "Farbenblindheit" sein. Wir müssen davon weg, dass ein Deutscher immer von einem Weißen gespielt werden muss und ein "Afrikaner" immer von einem Schwarzen. Nochmal: Authentizität kommt von der Art und Weise des Schauspiels, nicht von der Hautfarbe!
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