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Theater: Feuchtgebieterin frisst Bücherwurm

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Uraufführung in Berlin: Das neue Stück der Erfolgsautorin Yasmina Reza heißt "Ihre Version des Spiels" und handelt von einer Erfolgsschriftstellerin, die während einer Lesung ausflippt - Corinna Harfouch macht aus dieser Rolle eine wilde Raubtiernummer.

Ein Dichter, der liest, ist wie ein Koch, der isst: Mit diesem schönen Satz hat Karl Kraus einmal die naturgegebene Reizarmut der Schriftstellerlesung an sich beschrieben. Wer der Schriftstellerin Nathalie Oppenheim zusieht, die im Berliner Deutschen Theater von Corinna Harfouch gespielt wird, der kann Karl Kraus sofort begreifen. Die Frau zittert und zagt im Rampenlicht, mit flatterndem Blick und zuckenden Mundwinkeln blickt sie auf das vor ihr aufgeschlagene Buch. Sie presst ihre Beine zusammen unter dem Lesetisch und stottert ein paar Zeilen, sie blickt panisch im Raum umher und sieht grelles Licht und grinsende Gesichter und in die Linse einer Videokamera, die das Gesicht der Vorleserin auf einer Leinwand ins Riesenhafte vergrößert. Am Anfang des Theaterstücks "Ihre Version des Spiels" erleben die Theaterzuschauer die Großschriftstellerin Nathalie Oppenheim als zappelndes Elend.

Das Gastspiel der berühmten Autorin im Rampenlicht vor Live-Publikum ist eine Höllentortur, das will uns die 53-jährige Pariser Dramatikerin Yasmina Reza, Autorin von sensationell erfolgreichen Theaterstücken wie "Kunst" und "Der Gott des Gemetzels", in ihrem neuesten Werk weismachen. Aber was genau ist das Drama in "Ihre Version des Spiels"? Die Dummheit des Lesevolks, die Banalität der Literaturjournalisten, die Aufdringlichkeit der in Liebe zu ihrer Autorin entflammten Fans! Im Deutschen Theater ist Corinna Harfouchs Heldin Nathalie Oppenheim an ihrem Lesetischchen erst mal eine erbarmungswürdige Jammerfigur, eingeklemmt zwischen einer superblonden, supereitlen, superaufgekratzten jungen Fernsehmoderatorin, die von Katrin Wichmann gespielt wird, und dem großkotzigen jungen Bibliothekar Roland, der die Starschriftstellerin eingeladen hat zu diesem Vorleseabend irgendwo in der französischen Provinz. Der Schauspieler Alexander Khuon zeigt diesen Roland als beflissen durchs Brillenglas blinzelnden Streber, der fingerschnipsend seine Saaltechniker kommandiert.

"Ihre Version des Spiels" ist zuallererst der Klagegesang einer Schriftstellerin, die es unfassbar nervt, dass alle immer wissen wollen, was ihre Bücher mit ihrem Leben zu tun haben - puh, nicht gerade der Stoff für einen Bühnenthriller, denkt man. Aber immerhin ist diese Klage verpackt in einen furiosen, komischen Zickenkrieg: Frau Oppenheim, deren Bücher nicht ganz so reißerisch, aber ungefähr so populär sind wie "Feuchtgebiete", und die blonde Moderatorin Rosanna geraten nämlich schnell aneinander. Rosanna will mit tausend Fragen immer wieder die privaten Leiden, Lüste und Obsessionen der Erfolgsautorin ergründen. Die aber blafft mit jähem Zorn in der Stimme: "Meine persönlichen Gefühle sind vollkommen uninteressant!"

Katrin Wichmann spielt diese Rosanna, die Karikatur einer Journalisten-Trulla, zum Piepsen scheußlich, stets darauf bedacht, ihr Kleid zurechtzuzupfen, ihr Dekolleté zu richten und die Augen aufzureißen. In ihr präsentiert Reza - ein paar Tage vor der Frankfurter Buchmesse - eine Spottgestalt der weitverbreiteten biografischen Literaturkritik: Wie Rosanna sind viele Kritiker heute schier unermüdlich auf den Beweis erpicht, dass Autoren und ihre Helden identisch reden und denken, handeln und fühlen. Warum nur? Die Pointe des Stücks ist, dass die Schriftstellerin Oppenheim in "Ihre Version des Spiels" ganz offensichtlich so redet und denkt, handelt und fühlt wie die Erfolgsautorin Yasmina Reza. Der literaturtheoretische Kernsatz des Stückes geht so: "Wenn das Leben nicht unzulänglich wäre, würde man nicht schreiben."

Yasmina Rezas Stück ist, wie alle ihre besseren Werke, eine Boulevardkomödie aus amüsantem Bildungsbürgergeschwätz mit maßvoll tieferer Bedeutung. Der Regisseur Stephan Kimmig und die Bühnenbildnerin Katja Haß machen im Deutschen Theater aus dieser Komödie ein surrealistisches Horrordrama: Frau Oppenheims Geisterstunde im Welttheater. Das Publikum der Berliner Uraufführung sitzt nämlich selbst auf Bänken mitten auf der Kammerspielbühne und blickt auf die leeren Stühle des Zuschauerraums. Zwischen den Stuhlreihen stakst Corinna Harfouch handytelefonierend herum, bevor sie sich an ihren Vorlesetisch unter der Bühnenrampe setzt. Und immer wieder mal zwischendurch flüchtet sie sich hinaus ins leere Gestühl.

Die Schauspielerin Harfouch verwandelt sich von der verklemmten Schreibstubenhysterikerin der Anfangsminuten mehr und mehr in ein trotziges, kratzbürstiges, brüllendes Raubtier. Das wird von den beiden Gastgebern bald höhnisch (die Moderatorin) bis ängstlich (der Bibliothekar) begafft. Die Harfouch klappt zum Beispiel ihr Buch zu und schmettert es beidhändig auf den Tisch, sie stöhnt und schreit und stampft hinweg in die rückwärtige Finsternis, sie lässt sich von Roland zurück bitten ins Rampenlicht und kippt sich mit Rotwein die Birne zu, bis sie lallt. Dann ist die Lesung aus und die Inszenierung kippt vollends ins bizarre Chaos.

Frau Oppenheim, die nun in Dominapose auftrumpfende Feuchtgebieterin, fällt her über den armen Bücherwurm Roland - und der ganz verdutzt auch über sie. Ein Provinzbürgermeister (Sven Lehmann) stolpert herbei und mampft Chips, Rosanna plappert von ihrer bevorstehende Homestory im Haus des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth. Irgendwann torkelt Roland ans Klavier und spielt Gilbert Bécauds "Nathalie". In wilder Entschlossenheit geben die Schauspieler alles. Das ist vor allem im Fall von Corinna Harfouch entschieden zu viel. Sie gluckst und japst, tanzt und windet sich am Boden, als hätte ihr Regisseur sich fürs Finale plötzlich freigenommen. Nathalie Oppenheim gibt die Irre von Chaillot - ach was, die Mehrzweckhalle in Rezas Stück steht ja in einem Kaff namens Vilan-en-Volène.

So endet das anfangs so brave literarische Terzett als wüstes Orgien- und Mysterientheater. Inmitten des schrillen Ausflipp-Grusels zwischen Weinbechern und Chipstellern aber denkt man als Zuschauer plötzlich wieder an Karl Kraus: Es ist ganz so, als sähe man Köchen beim Essen zu.

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