"Theater der Welt" startet mit Jelinek Die Katastrophe namens Lampedusa

Elfriede Jelinek hat mit "Die Schutzbefohlenen" einen wütenden Klagechor über das Elend der Flüchtlinge geschrieben, die in Europa Sicherheit suchen. Uraufgeführt wurde der Text beim Festival "Theater der Welt" in Mannheim.

Von Jürgen Berger

Christian Kleiner

Als im Oktober 2013 mehr als 300 afrikanische Flüchtlingeim Mittelmeer ertranken, dürfte Elfriede Jelinek einmal mehr jene Wut verspürt haben, die sie auch ihrem neuen Text mit auf den Weg gegeben hat. Geschrieben hat sie ihn für das Hamburger Thalia-Theater, und das hatte ihn zum Zeitpunkt der humanitären Katastrophe bereits vorgestellt. Einen Monat zuvor gab es in der Hamburger St. Pauli Kirche eine Urlesung des Textes, mit dem Jelinek sich an das älteste Flüchtlingsdrama der dramatischen Weltliteratur anlehnt: Aischylos' "Die Schutzflehenden".

Von Aischylos hat Jelinek den bittenden Klageton. Es geht ihr aber nicht um die Töchter des Danaos, die in Ägypten ihre Vettern heiraten sollen und im griechischen Argos Asyl suchen. In "Die Schutzbefohlenen" spricht zwar ein Flüchtlingschor, der aber beklagt, dass ihm dort, wo er Asyl sucht, genau das widerfährt, was ihm schon in der Heimat widerfahren ist. Jelinek führt das Theater und den Zuschauer ins Zentrum der Menschenrechtskatastrophe, die den Namen Lampedusa trägt.

Es geht um die Festung Europa, die für die meisten Asylsuchenden aus Krisen- und Bürgerkriegsländern ein Ort der größten Unsicherheit ist. In der Regel wird ihnen nicht nur der Flüchtlingsstatus und damit das Anrecht auf Schutzbedürftigkeit verweigert, man raubt ihnen auch die Identität, indem man sie zu Unpersonen im Flüchtlingslager degradiert.

An der Urlesung vor mehr als einem halben Jahr nahmen auch Afrikaner teil, die dem libyschen Bürgerkrieg entronnen waren. Die Erfahrung mit diesen Experten des Asylalltags hat Nicolas Stemann wohl veranlasst, auf dem Weg hin zur Uraufführung des neuen Jelinek-Stücks nicht nur mit Thalia-Schauspielern, sondern auch mit realen Asylsuchenden zu arbeiten.

Gecastet wurden sie in Mannheim, wo es jetzt zum Auftakt des Festivals "Theater der Welt" die Uraufführung von "Die Schutzbefohlenen" gab. Die Olympiade der darstellenden Künste versammelt alle drei Jahre Theater-Höhepunkte aus aller Welt. Künstlerischer Leiter ist Matthias Lilienthal, der das Festival 2002 schon einmal kuratiert hat. Dieses Mal gönnte er sich zur Eröffnung einen ganz besonderen Aperitif.

Geladen war Jacob Appelbaum, Internetaktivist und Vertrauter des NSA-Enthüllers Edward Snowden. Der kürzlich mit dem Henri Nannen-Preis Ausgezeichnete kündigte in seiner Rede an, wegen der NS-Vergangenheit des Namenspatrons die Bronze-Büste einschmelzen lassen und das Preisgeld an zwei antifaschistische Gruppen weitergeben zu wollen.

Die Fallstricke des Repräsentationstheaters

Kurz darauf ging es dann mit "Die Schutzbefohlenen" weiter - einer Uraufführung, die im ersten Moment den Eindruck erweckte, als mache Nicolas Stemann dort weiter, wo er 2009 mit Elfriede Jelineks Finanzkrisen-Suada "Die Kontrakte des Kaufmanns" aufgehört hatte. Mit dabei sind wieder Stemanns vertraute Thalia-Protagonisten Felix Knopp, Daniel Lommatzsch und Sebastian Rudolph. Sie spielen mit dem Jelinek-Text, schlendern wie verunsicherte Dandy-Choristen, sprechen rhythmisch versetzt, schmecken Wörter ab, stellen sich und die Welt in Frage, kehren all das nach außen, was das Theater derzeit an Selbstzweifeln zu bieten hat. Passagenweise passiert das so routiniert, dass der Text am Zuhörer vorbeirauscht.

Ein anrührender Klageton stellt sich erst ein, wenn Barbara Nüsse mitmischt und mit Thelma Buabeng und Ernest Allan Hausmann plötzlich dunkelhäutige Schauspieler auf der Bühne stehen. Die beiden konterkarieren die chorischen Bemühungen der weißhäutigen Kollegen, verschmelzen dann aber doch mit dem Chorkörper aus dem Hause Thalia.

Man versteht, dass das nur die nächste Pirouette ist, mit der Nicolas Stemann darauf aufmerksam macht, wie unentschlossen er diesem Jelinek-Text und der Tatsache gegenüberstand, dass "Die Schutzbefohlenen" von der Not tatsächlich verfolgter Menschen kündet, das Ganze aber von mitteleuropäischen Schauspielern gesprochen wird, die dem System der Ausgrenzung angehören.

Den Fallstricken des Repräsentationstheaters entkommen zu wollen, ist so einfach nicht. Dass Stemann es versucht, steht außer Zweifel, geglückt ist es ihm bislang nicht. Da er seine Inszenierungen aber als work in progress begreift, ist noch Luft nach oben. Man darf also gespannt sein, wie sich das mit dem Laienchor anfühlt, wenn "Die Schutzbefohlenen" im Herbst im Hamburger Thalia-Theater ankommen.

In Mannheim war da lediglich eine bedrohliche Masse, die sich im Hintergrund ansammelte und allmählich zur Rampe hin vorarbeitete, dort aber nicht weiter auffiel. Auch das spiegelte die Unentschlossenheit der Uraufführung eines Textes, der Elfriede Jelinek so außergewöhnlich wütend geraten ist, dass auch andere Regisseurinnen und Regisseure ins Schleudern geraten können.


Die Schutzbefohlenen. Am 10., 11. und 12.6. beim Holland Festival Amsterdam,
; ab 12.9. im Thalia Theater Hamburg

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.