Theater "Die letzten Tage der Menschheit" im Bunker

Ein gigantischer Bau der NS-Zeit wird ab Juni Schauplatz eines monumentalen Theaterstückes sein: Johann Kresnik inszeniert im früheren U-Boot-Bunker "Valentin" bei Bremen das Anti-Kriegs-Werk "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus. Zur Premiere will Kresnik ehemalige Zwangsarbeiter einladen.


Schauspieler des Bremer Theaters proben mit einem amerikanischen M-58 Kampfpanzer
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Schauspieler des Bremer Theaters proben mit einem amerikanischen M-58 Kampfpanzer

Der österreichische Journalist und Schriftsteller Kraus (1874-1936) hatte "Die letzten Tage der Menschheit" während des Ersten Weltkrieges geschrieben. Eine apokalyptische Theatervision hatte Kraus vor Augen, als er sein Monumentalwerk verfaßte. 800 Druckseiten umfaßt das Original, das nie für das Theater geschrieben war. Nun wird Johann Kresnik die monumentale Szenencollage auf die Bühne bringen. Die Probearbeiten haben diese Woche begonnen, Premiere ist am 3. Juni.

Karl Kraus bewegten Zorn und Ekel über die Kriegsmaschinerie. Zum erstenmal verrieten sich Journalisten durch ihren Sprachgebrauch als Werkzeuge der Propaganda. Das Werk zeichnet in fünf Akten - jeder Akt steht für ein Kriegsjahr - Hunderte von Szenen und mit einem enormen Personenaufwand die Tragödie der Menschheit im Ersten Weltkrieg nach. Am Schluß der Kriegschronik wird die Menschheit von Marsbewohnern durch einen zerstörerischen Regen vernichtet.

Proben im U-Boot Bunker
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Proben im U-Boot Bunker

In der Kresnik-Inszenierung werden satirische, phantastische und grausige Szenen, Dialoge und Chöre vor einer gespenstischen Kulisse zu einem Alptraum verdichtet. Schauspieler führen die Zuschauer wie in einem Stationendrama zu den einzelnen Spielorten.

Spielstätte: Ein von Zwangsarbeitern gebauter Bunker

Intendant Klaus Pierwoß wählte mit Bedacht den ehemaligen U-Boot-Bunker "Valentin" in Bremen-Farge, der selbst an warmen Sommertagen Kälte abstrahlt. Theaterbesucher sollen von der Bremer Innenstadt per Schiff über die Weser zum 20 Kilometer entfernten Spielort gelangen, der eine ebenso sakrale wie unheimliche Atmosphäre vermittelt. Für den Bau des festungsartigen Klotzes ließen zwischen 1943 bis 1945 Tausende von Zwangsarbeitern ihr Leben - sie wurden gequält, erschlagen oder starben an Erschöpfung, einige versanken im Beton.

Die Idee zu dem Bunker-Drama hatten die Bremer Theatermacher lange vor dem Kosovo-Konflikt. Mit Blick zurück auf die Geschichte, von ihr wieder eingeholt, an einem historischen Schauplatz vielleicht der Ausblick auf das nächste Jahrtausend - für Kresnik bleibt Theater "das Mittel, um aufzurütteln". Kritik an der Wahl des Spielortes kann der Tänzer, Choreograph und Regisseur nicht verstehen. Zur Premiere will er ehemalige Zwangsarbeiter einladen, die den Leidensweg während des Bunkerbaus überlebt haben.



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