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Theater-Hits 2014 - Teil 2: Die besten neuen Klassiker-Inszenierungen

Von , und Wolfgang Höbel

Theaterhits 2014 - Teil 2: Die besten neuen Klassiker-Inszenierungen Fotos
Matthias Horn

Mephisto als gefallener Engel, Romeo und Julia als Popstars: Theaterkritiker von SPIEGEL und KulturSPIEGEL blicken zurück auf ihre Lieblings-Klassiker-Inszenierungen des Jahres 2014. Das Beste: Auch 2015 sind sie noch zu sehen.

München: "Faust"

Es rumst gewaltig und blitzt wunderkerzenhell in der Action-Inszenierung, die der Münchner Staatstheaterchef Martin Kušej im eigenen Haus angerichtet hat - nach Art einer vergnüglichen Höllenfahrt. Der gute "Faust", Lieblingsklassiker der Deutschen, ist hier neu zusammengepuzzelt. Erstens, weil Szenen aus Teil zwei des Dramas philologisch astrein mit den Evergreens aus dem ersten Teil verquirlt werden. Zweitens, weil der Dichter Albert Ostermaier frech neue Texte in Goethes Großdrama hineingeschrieben hat. Das ist auf durchaus kraftmeierische Art frisch und lebendig. Auch weil die Besetzung hammermäßig einschlägt.

Der Mephisto ist Bibiana Beglau, kein diabolischer Verführer, sondern ein gefallener Engel mit blutigen Flügel-Abrissspuren auf dem Rücken, ein wild herumkaspernder, melancholisch verträumter Teufelskerl. Den Doktor Faust spielt Werner Wölbern als gramvollen Bankmanagertypen voller Erlebnishunger. Das Gretchen, garantiert kein Unschuldskind, verkörpert Andrea Wenzl als magisch krächzendes Sehnsuchtsweib. Die Welt, in der sie alle agieren, ist, wie stets bei Kušej, ein düsteres Tollhaus. Der beste Krawallzauber, den das deutsche Regietheater im Jahr 2014 zu bieten hatte. höb

"Faust". Von Johann Wolfgang von Goethe, Regie Martin Kušej. Residenztheater München, nächste Vorstellungen am 22. und 23.1., Karten unter Tel. 089/21 85 19 40.

Bremen: "Die zehn Gebote"

Dreieinhalb Stunden Texttheater, ganz konzentriert und still und pur, auf fast leerer Bühne: Das stellt sich manch einer schrecklich vor. In Bremen ist es unvorstellbar schön.

Das liegt an guten Schauspielern wie Martin Baum und Lisa Guth, vor allem aber liegt es am Konzept des Regisseurs Dušan David Parizek, der es mit seiner Wiener Version von Wolfram Lotz' "Die lächerliche Finsternis" in der vergangenen Woche auch schon in unsere Hitliste neuer Stücke geschafft hat. In Bremen hat Parizek die Filmklassiker "Dekalog 1-10" zu zehn Theatermonologen verdichtet, durchbrochen von nur wenigen dialogischen Szenen. Nichts lenkt ab von den moralisch vertrackten Geschichten, die die Schauspieler vorstellen, nicht mal die Schauspieler selbst. Sie erzählen sie mehr, als dass sie sie spielen, ganz behutsam, ganz zurückgenommen.

Es ist ein Abend, der an eine Therapierunde erinnert. Parizek lässt das Saallicht brennen, dreieinhalb Stunden lang, um zu signalisieren: Hier und heute, im Jetzt des Live-Mediums Theater, geht es um uns alle, um die Gemeinschaft der Anwesenden. Er nutzt das Theater als Ort der Entschleunigung, der Besinnung - und der Selbstverständigung. tob

"Die zehn Gebote" . Nach Krzysztof Kielowski und Krzysztof Piesiewicz, Regie Dušan David Parizek. Theater am Goetheplatz Bremen, nächste Vorstellung am 30.1., Karten unter Tel. 0421/365 33 33.

Hamburg: "Die Tragödie von Romeo und Julia"

Die tollste und schrecklichste Liebesgeschichte der Welt, wunderbar neu zu durchleiden in schlau ausgedachten Spiegelungen. Der schöne Romeo (kratzig, melancholisch, charmant: Mirco Kreibich) und die schöne Julia (frech und lustig altklug: Birte Schnöink) sind hier zwar gar nicht modelmäßig schön, aber grandios besetzt als herzergreifend perfektes Paar. Dazu lässt Steckel das Musikerpaar Anja Plaschg (alias Soap&Skin) und Anton Spielmann (der sonst bei der Band 1000 Robota spielt) als Romeo-und-Julia-Doppelgänger auftreten mit traurigen, schönen, natürlich auch brutal pathetischen Liedern.

In einem Bühnenbild aus bunten Lichterketten (Florian Lösche) erspielen sich Schnöink und Kreibich einen popmusikverliebten und hemmungslos jugendseligen Theaterabend, in dem Karin Neuhäuser in der Rolle der einzig wirklich Erwachsenen, der lebenserfahrenen Amme, die großen Lacher abräumt. Am Ende zeigt die Regisseurin selbst den Liebestod der Heldin auf andere, spektakuläre Art - und man begreift ihren Anspruch: Hier wird nicht eine olle, weltberühmte, letztlich schnurzegale Liebesgeschichte erzählt. Sondern diese eine, schmerzlich aktuelle: die einzige, die es zu erzählen lohnt. höb

"Die Tragödie von Romeo und Julia" . Von William Shakespeare, Regie Jette Steckel. Thalia Theater Hamburg, nächste Vorstellungen am 6. (ausverkauft) und 21.1., Karten unter Tel. 040/32 81 44 44.

Berlin: "Warten auf Godot"

Zwei Männer warten - worauf? Auf bessere Zeiten, auf den Sinn des Lebens, auf die Erlösung? Man weiß es nicht, und es ist keine Überraschung, dass auch Samuel Finzi und Wolfram Koch als die großen Wartenden Vladimir und Estragon Becketts Rätsel nicht lösen. Dass das famose Duo Finzi und Koch so etwas wie eine Idealbesetzung für Vladimir und Estragon ist, ist ebenfalls keine Überraschung. Aber die beiden hier miteinander spielen zu sehen, in und mit ihren Rollen, scheinbar schwerelos hin- und herspringend zwischen grimmiger Komik und verschmitzter Melancholie, ist dennoch eine Sensation.

Ivan Panteleev, der als langjähriger Mitarbeiter des verstorbenen Dimiter Gotscheff an dessen Stelle die Regie übernahm, lässt seinen Schauspielern viel Raum. Auch, indem er ihnen die wenigen Requisiten verweigert, die Beckett vorgesehen hat. Selbst der berühmte kahle Baum fehlt; stattdessen gibt es nur einen Mast mit einem Scheinwerfer dran, dessen Licht die beiden im Nichts Ausgesetzten immer wieder verfolgt. Ein Straflager? Panteleev drängt einem keine Interpretation auf - und gerade deshalb lässt sich Becketts Klassiker neu sehen. Als schrecklich komisches Drama der Gegenwart. and

"Warten auf Godot" . Von Samuel Beckett, Regie Ivan Panteleev. Deutsches Theater Berlin, nächste Vorstellungen am 16., 22., 26. und 31.1., Karten unter Tel. 030/28 44 12 25.

Hamburg: "Die Schule der Frauen"

Die Menschendressur ist die Kunst des Theatermachers Herbert Fritsch. Fritsch stellt in vielen deutschsprachigen Theatern grell geschminkte, bunt kostümierte Kreischmamsells und Hansdampfe auf die Bühne - und die Schauspieler lieben ihn dafür. Fritschs ebenso heitere wie prinzipiell harmlose Entertainerspäße werden zum Theatertreffen eingeladen und landauf, landab vom Publikum gefeiert. Das ist okay, aber auf Dauer fad.

In Hamburg aber hat es nun in Molières "Schule der Frauen" der Schauspieler Joachim Meyerhoff geschafft, auf böse, hochintelligente und brutal komische Weise über das Herbert-Fritsch-Theater zu triumphieren. Meyerhoff spielt einen Mann namens Arnolphe, einen hochgeachteten Dreckskerl, der sein hübsches Mündelkind Agnès vor der Umwelt versteckt, weil er sie zu seiner ahnungslosen Sex-Gespielin abrichten will. Natürlich geht das schief. Aber wie Meyerhoff sein Scheitern inmitten von schrulligen Marionetten mit Leben füllt, das ist nicht nur der brav andressierte Untergang eines sympathischen Schurken, der seine Geilheit als Kapitalanlage betreibt, das ist die Rebellion eines Schauspielkünstlers gegen seinen entertainmentverrückten Regisseur: eine Augen- und Ohrenweide. höb

"Die Schule der Frauen" . Von Molière, Regie Herbert Fritsch. Deutsches Schauspielhaus Hamburg, nächste Vorstellungen am 14. und 22.1., Karten unter Tel. 040/24 87 13.

Letzte Woche: Die besten neuen Stücke des Jahres 2014.

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