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Theater-Kahlschlag in Wuppertal: Protest gegen die Tränenliste

Aus Wuppertal berichtet Olaf Sundermeyer

Theater, Schulen, Bibliotheken - in Wuppertal wehrt sich die kulturelle Elite gegen die drastischen Sparmaßnahmen der Stadt. Sie versteht nicht, warum gerade jetzt, wo viele Millionen Euro in das Kulturspektakel Ruhr.2010 gesteckt werden, andernorts in der Region Kahlschlag herrschen soll.

Protest an der Fassade des Wuppertaler Schauspielhauses: Die fetten Jahre sind vorbei Zur Großansicht
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Protest an der Fassade des Wuppertaler Schauspielhauses: Die fetten Jahre sind vorbei

Wenn immer so viele Leute die Wuppertaler Bühnen besucht hätten, wie an diesem Tag, an dem der Eintritt frei ist, dann könnten sich die Menschen ihren Protest gegen das Sparkonzept der Stadt wohl sparen. Das Theater hat zu einem 24-stündigen kostenlosen Kulturspektakel geladen; die kulturelle Elite der Stadt nahm die Einladung gern an. Die übrigen wieder nicht. Aber anders als bei Kulturschaffenden und einem allgemein schrumpfenden Theaterpublikum, spielen schnöde Zahlen bei Politikern eine große Rolle.

So verlautete aus dem hiesigen Rathaus, dass zu machen Stücken mehr Menschen auf der Bühne stünden als im Publikum säßen. Das soll als Argument dafür gelten, dass nun das Wuppertaler Schauspiel in einer Reihe mit anderen öffentlichen Leistungen auf einer sogenannten Tränenliste steht. Das Wort hat in Nordrhein-Westfalen bereits jetzt das Zeug zum Unwort des Jahres. Bochum hat eine Liste, auf der 500 Verwaltungsstellen stehen, zwölf Schulen, und zwei Stadtteilbibliotheken. Die Duisburger Tränenliste umfasst 400 Streichvorschläge. Und beim Stichwort Kultur zeigt man aus dem dortigen Rathaus auf die Nachbarstädte.

"Zusammenlegung" heißt der Schlüssel - mit Oper und Schauspiel der anderen. Ohne Hilfe vom Land kann Duisburg auch die 840.000 Euro Eigenanteil für die Loveparade nicht zahlen, die in diesem Jahr eigentlich hier stattfinden sollte. Und Dortmund muss im laufenden Jahr eine Million beim Theater sparen. Diese Tränenlisten sind eine Konsequenz aus den Haushaltssicherungskonzepten, zu denen die Städte gezwungen werden. Es droht ihnen Zahlungsunfähigkeit wegen der Finanzkrise.

Im Kulturleben sind die fetten Jahre vorbei

Die Wuppertaler Bühnen sind ein Symbol der Krise. Sie sind erst der Anfang für den sich abzeichnenden kulturellen Kahlschlag. In dem lange Zeit saturierten öffentlichen Kulturleben sind die fetten Jahre vorbei.

Während hier im Theater zum Protest applaudiert wird, gratuliert man in der Landeshauptstadt Düsseldorf der Wuppertaler Politik zu dem mutigen Schritt, zwei Millionen Euro an den Bühnen einzusparen. Vor Elektromarkt und Multiplexkino peitscht der Schauspieler Armin Rohde den Protest an: "Mit solchen Äußerungen schafft sich die Politik selbst ab", wütet er ins Mikro auf der Bühne vor dem Theater. Vor allem schafft sich die Städteregion um das Ruhrgebiet gerade selbst ab. Sie leidet stärker als andere unter einem Bevölkerungsrückgang. Alte sterben, Junge hauen ab.

Und die, die bleiben, gehen eben lieber ins Kino als ins Theater - oder amüsieren sich zu Hause. Die Szenerie spricht für sich: Während Rohde seine Wut vor einer Schar frierender Kulturfreunde inszeniert, strömen noch mehr Menschen in den Elektromarkt und in das Seichtgebiet des Kinos. Von Theaterprotest und kostenlosem Kulturprogramm nehmen sie keinerlei Notiz. Sie wollen "Zweiohrküken" statt "Zerbrochener Krug".

Rohde dreht auf: "Diese Stadt besteht bald nur noch aus einem Haufen Steine, aus Häusern durch die Straßenzügen laufen." Die Stadt solle sich an jene Banken wenden, die die weltweite Finanzkrise verursacht haben. Mit Ledermütze auf dem Kopf proklamiert er fast schon den Straßenkampf: "Diese Politiker können froh sein, dass hier nur ein paar Hundert protestieren, und nicht schon längst Tausende mit Knüppeln durch die Straße ziehen."

Flachbildschirme statt Knüppel

Doch die greifen lieber zum Flachbildfernseher statt zum Knüppel. Vor der Bühne haben sich nur die Bedrohten versammelt, Theaterleute aus ganz NRW. Dazu noch ein paar Politprofiteure von der Linkspartei, die es nicht lassen können, den Protest der Kultur für ihre Wahlkampfzwecke zu nutzen. Im Mai sind hier Landtagswahlen, sie suchen die Nähe zu den heimischen Kulturschaffenden, bei denen gerade jetzt - im Jahr der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 - frostige Stimmung herrscht. Die stoßen sich an dem Widerspruch, dass in Zeiten des Sparzwangs 62,5 Millionen Euro für diese Großveranstaltung ausgegeben werden, an der sich vorwiegend auswärtige Protagonisten laben. Nach Ende der Veranstaltung bleibt für die Region nicht viel übrig - außer Haushaltslöchern.

Deshalb kann Jörg Stüdemann (SPD), der Vorsitzende des Kulturausschusses im Städtetag von NRW, das Ende weiterer Theater nicht ausschließen. Als akut bedroht nennt er Hagen und Essen, auch um Dortmund, wo er selbst als Kulturdezernent zuständig ist, stehe es schlecht, "wenn die Finanzkrise noch weiter zu uns durchschlägt". Um Schließungen zu verhindern, müsse man vor allem kommunal übergreifende Theaterproduktionen forcieren. Und Dieter Gorny, einst Gründer des Musiksenders Viva, heute künstlerischer Leiter der Ruhr.2010, macht sich auch bei der Theaterklientel unbeliebt, indem er solche Sätze sagt: "Wenn ich Spaß am Theater habe, dann fahre ich sowieso eher nach Bochum - das ist keine Entfernung aus Essen." Ruhrgebietsweit solle man sich lieber auf einzelne Spielstätten beschränken.

Kultursponsoring ist auch keine Lösung

Aber jetzt gilt es Ideen zusammenzutragen, um das Ruhrtal der Tränen wieder mit kultureller Freude zu füllen. Hoffnungsträger sind spektakuläre Projekte wie der viel beachtete Neubau des Folkwang-Museums in Essen, der dank einer Zuwendung der Krupp-Stiftung in Höhe von 55 Millionen Euro dieser Tage eröffnet werden konnte. Oder das Bochumer Konzerthaus, in das der Lotto-Unternehmer Norman Faber fünf Millionen Euro gesteckt hat.

Doch Kulturpolitiker Stüdemann bremst die Euphorie: "Prozentual macht das Kultursponsoring nicht mehr als vier Prozent der Kulturetats aus." Für ihn bleibt die öffentliche Hand in der Pflicht, sich um eine intellektuelle Daseinsfürsorge zu kümmern. Und dann ist auch er schon bei den Banken. "Das Geld aus öffentlicher Hand, das benötigt wird, um die Hypo Real Estate über Wasser zu halten, würde ausreichen, um vom kleinsten Verein bis zum größten Opernhaus sechs Jahre lang das gesamte deutsche Kulturleben zu finanzieren."

Immerhin schaut die gesamte deutsche Kulturszene nun auf Wuppertal - zumindest glaubt das Christian von Treskow, der Intendant des bedrohten Schauspiels. "Schließlich ahnt man schon, was hinter der nächsten Wegbiegung liegt." Der kulturelle Kahlschlag. In Wuppertal wird nun ein Drama aufgeführt, das gewissermaßen als Parabel funktioniert - für ganz viele Städte in Deutschland.

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