Yael-Ronen-Uraufführung in Wien Eine schrecklich nette Familie

In "Lost and Found" prallen am Wiener Volkstheater westliche Befindlichkeiten auf das Leben eines Flüchtlings aus dem Irak. Regisseurin Yael Ronen beweist, dass aus den brisantesten Stoffen ein leichter Abend werden kann.

Lupi Spuma/ Volkstheater Wien

Keine Frage: Die österreichisch-israelische Regisseurin Yael Ronen ist die lustigste Frau im deutschsprachigen Theater. Sie ist die Tina Fey der Bühne, die Amy Schumer der Stoffentwicklung. Kein noch so schwieriges Thema - vom Nahostkonflikt über Völkermorde bis zur aktuellen Flüchtlingskrise -, das durch ihren trockenen Humor nicht unverzagt mit all seinen Widersprüchlichkeiten ganz nah herangezoomt würde. Ronens Stärke ist es, große, weltpolitisch brisante Fragen in kleinen, persönlichen Geschichten zu verankern. Seltsam, dass noch kein Fernsehsender auf die naheliegende Idee gekommen ist, die 39-Jährige für das Schreiben einer Sitcom zu gewinnen.

Anna Badora hat die in Berlin lebende Regisseurin, die regelmäßig am Gorki Theater arbeitet, schon am Grazer Schauspielhaus engagiert. In "Hakoah Wien" (2012) setzte sich Ronen mit dem gleichnamigen jüdischen Sportklub und ihren eigenen familiären Wurzeln in Wien auseinander. Nun ist es Badora gelungen, Ronen, längst eine der gefragtesten Regiestimmen im deutschen Stadttheaterbetrieb, auch ans Wiener Volkstheater zu binden, das sie mit dieser Saison übernommen hat. Eigentlich hätte es in dem aktuellen Projekt "Lost and Found" um die Motive junger Menschen gehen sollen, in den "Heiligen Krieg" zu ziehen, aber dann kam der Sommer der Flüchtlinge dazwischen. Eine der Schauspielerinnen erzählte, dass ein Cousin aus dem Irak plötzlich angerufen habe, er stehe am Wiener Westbahnhof, ob man ihn abholen könne. Das war der Ausgangspunkt für eine Recherche über die humanitäre und politische Krise, die Europa erfasst hat.

Es gibt keinen politisch korrekten Weg mehr durchs Leben

Aber mehr noch als um den konkreten Verwandten und abstrakte Politik geht es um westliche Befindlichkeiten. "Lost and Found" ist eine kritische Selbstbefragung, eine ironische Nabelschau. Im Zentrum stehen Typen wie wir: Hipster, denen das Schicksal der Flüchtlinge natürlich extrem nahe geht, aber oft ist es einfach gerade schlechtes Timing, um zu helfen. Schließlich will der Lifestyle-Blog mit neuen Meldungen gefüllt werden. Und die biologische Uhr tickt, die Zeit, ein zweites Mal schwanger zu werden, läuft davon.

Auf dem Prüfstand steht das Modell Familie, das sich gerade ohnehin massiv im Umbruch befindet: Nach dem Tod ihres Vaters kommen die Geschwister Maryam (das Energiezentrum des Abends: Birgit Stöger) und Elias (das Weichei der Familie: Sebastian Klein) in der Wohnung ihrer Kindheit zusammen. Beide haben ihre Partner verloren, Elias schreibt jämmerlichen Poetry Slam darüber: "Man kann doch einem Ertrinkenden nicht die Hand verweigern." Maryam versucht mit ihrem schwulen Freund Schnute (cooler Typ: Knut Berger), schwanger zu werden. Für das ungeborene Kind wird besser gleich vorher ein Vertrag aufgesetzt: "Spielzeugwaffen sind nur erlaubt, wenn sie selbst geschnitzt sind." Ihr Ex-Mann Jochen (gekonnt eitel: Jan Thümer) ist Videokünstler ("Du hast vielleicht im Irak schon von meinen Arbeiten gehört") und möchte seinen Platz in der Kleinfamilie nicht aufgeben. Und dann wäre da noch der tote Vater, ein Atheist, der zu seinen Verwandten im Irak längst alle Kontakte abgebrochen hatte. Aber plötzlich bietet Onkel Osama aus London an, die Begräbniskosten zu übernehmen. Es müsse nur eine muslimische Beisetzung sein. "Das wäre doch ein Statement, gerade jetzt", meint Maryam, die bloß froh ist, sich für das Begräbnis nicht verschulden zu müssen.

Es sind die kleinen, persönlichen Widersprüche, die den Abend tragen; die sympathischen Bioladen-Egomanen mogeln sich durch das Leben, in dem es oft keinen klaren, politisch korrekten Weg gibt. Als ihr Cousin Yousef (Osama Zatar) dann tatsächlich vor der Tür steht, sind sie heillos überfordert. Erst als dieser sagt, er wolle ohnehin nach Deutschland weiterziehen, vereint sie in guter österreichischer Tradition der Piefke-Hass, und sie kämpfen darum, dass er bleibt. Das gute Wasser in Wien, die Mehlspeisen, die billigen Zigaretten!

"Lost and Found" wirkt zwar gegen Ende noch ein wenig unfertig, die neue Lässigkeit der Schauspieler tut dem als angestaubt geltenden Volkstheater aber ausgesprochen gut. Es weht ein frischer Wind, seitdem Anna Badora am Ruder ist. Schade ist nur, dass Ronen im Theater keine Sitcoms mit Fortsetzungen entwirft. Man würde gern wissen, wie es mit Yousef in Wien weitergeht!


Lost and found. Volkstheater Wien, nächste Vorstellungen am 19. und 28.12. sowie 4., 8., 14., und 31.1., Tel. 0043 1 52 11 14 00.



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matt_murdockbi 19.12.2015
1. ich halte solche Beiträge
für unterschwellige zionistische Propaganda in bester SPON Manier
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