Migrationskomödie "Wir Zöpfe" Das Biest atmet schwer unter seinem haarigen Pelz

Die gefeierte Jungautorin Marianna Salzmann hat ein Berlin-Stück geschrieben, in dem Einwanderer haltlos durch die kalte Stadt taumeln. Die Regisseurin Babett Grube macht daraus eine Weihnachtsgeschichte für die Karnevalssaison.

Ein Berlin-Stück von Marianna Salzmann: Integration ist, wenn Weihnachten mit einem Selbstmord endet
Ute Langkafel

Ein Berlin-Stück von Marianna Salzmann: Integration ist, wenn Weihnachten mit einem Selbstmord endet

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Marianna Salzmann ist eines der größten Komödientalente, die das deutsche Theater zurzeit hat. Geboren 1985 in Wolgograd und aufgewachsen in Moskau, kam sie mit zehn Jahren nach Deutschland, als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling, und gewann mit 27 Jahren schon den Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen. 2013 war das, und ihr damaliges Erfolgsstück hieß "Muttersprache Mameloschn": eine herzenswarme, hochkomische Drei-Generationen-Komödie, in der Tochter und Mutter keine gemeinsame Sprache finden, ebenso wenig wie Mutter und Großmutter. Zu vollgerümpelt sind ihre Köpfe mit alten Geschichten, historischem Ballast.

Auch in Salzmanns neuem Stück prallen drei Generationen einer russisch-deutsch-jüdischen Familie aufeinander, wobei dieses Mal familienfremde Personen in die Kollisionen verwickelt sind. "Wir Zöpfe" ist der merkwürdige Fall einer muslimisch-jüdisch-christlichen Weihnachtsgeschichte, eine Verwechslungs- und Verdrechslungskomödie, ein Berlin-Stück, in dem die Geschichten und die Geschichte der Figuren ineinander verflochten sind wie Zöpfe.

Nichts für Klamauk-Allergiker

Sieben Menschen mit Migrationsbiografien taumeln durch Berlin, dargestellt als abweisend graue und kalte und depressive Stadt, und suchen nach einem Halt, einem Anker, einer Identität. Sie suchen jahrein jahraus, aber selten suchen sie so verzweifelt wie jetzt, denn bald ist Weihnachten: das Fest der Mehrheit, das sie überdeutlich mit ihrem Minderheitenstatus konfrontiert. Und mit ihrer Einsamkeit.

Das gilt für Wera, eine jüdische Ärztin, die aus Russland eingewandert ist und zu Hause ihren todkranken Vater Konstantin pflegt, einen ehemaligen Helden der Roten Armee. Das gilt für Imran, einen kurdischen Blumenverkäufer, der nach einem Neonazi-Überfall in Weras Klinik liegt und sich in Wera verguckt. Und das gilt auch für John, einen US-amerikanischen Klamottenverkäufer, der sowjetische Röcke und Blusen unter die hip-nostalgischen Menschen Berlins bringt, mal eine Affäre mit Weras Tochter Nadeshda hatte und der nun Wera vögelt. Nicht wissend natürlich, dass er es mit Mutter und Tochter zu tun hat.

Salzmann hat eine Weihnachtskomödie geschrieben, mit eher stiller Komik und märchenhaften Elementen, doch wer einen besinnlichen Bühnenabend erwartet, den enttäuscht die Regisseurin Babett Grube bei der Uraufführung am Berliner Maxim Gorki Theater. Ihre Fassung ist rau, rotzig, derbe - eher inspiriert von der baldigen Karnevalssaison als von der vergangenen Weihnachtszeit. Kurzum: Der Abend ist nichts für deutsche Theater-Protestanten mit Klamauk-Allergie.

Allein das Bühnenbild für "Wir Zöpfe" ist eine haarige Angelegenheit. Ein braunes Tier verstopft den Raum, ein russischer Bär vielleicht, aber sicher ist das nicht, denn mehr als die Pfote, ein Hinterbein und der halbe Leib des riesigen Wesens sind nicht zu sehen. Sein Bauchfell hebt und senkt sich gleichmäßig; es atmet schwer unter seinem Pelz.

Vor dem Tier, auf dem Tier und um das Tier herum tollen die Schauspieler, meist ganz schön kurzatmig. Herrlich sind die Auftritte des Großvaters Konstantin, den Tim Porath mit schützengrabenrauer Veteranenstimme und der Hibbeligkeit eines Bluthochdruck-Greises spielt. Herrlich ist auch die Szene, in der die jüdische Ärztin Wera (llknur Bahadir) mit ihrem muslimischen Patienten Imran (Mehmet Ylmaz) flirtet, ihn zu einer gemeinsamen Weihnachtsfeier einlädt und sich dazu immer mehr Lebkuchen in den Mund stopft, bis sie irgendwann kaum mehr reden kann. Es ist eine schlichte Methode, um Komik zu erzeugen, aber es ist eine Methode mit Hintersinn: Wera droht fast zu ersticken am deutschen Weihnachtsgebäck.

Das grelle Lachen steckt im Hals

Regisseurin Grube drückt auf die Tube und gibt dem Affen ordentlich Spekulatius. Das führt dazu, dass die Weihnachtskomödie am Gorki flacher ist als die Vorlage, zerfahrener auch, als ob sie nicht ganz fertig geworden sei. Es führt aber auch zu manch unfroher Botschaft, bei der einem das grelle Lachen im Hals stecken bleibt. Einen denkwürdigen Aufritt hat zum Beispiel das ungeborene Kind Ljubov, zu Deutsch: Liebe, das Nadeshda abgetrieben hat. Dimitrij Schaad spielt das Kind in rosa Leggins, aber mit bitterschwarzem Gemüt. Er tritt an die Bühnenrampe und erzählt rassistische Witze, einen nach dem anderen, minutenlang. Bei den ersten ein oder zwei grölen viele im Saal noch, harharhar, bald lachen sie nur noch irritiert, hohoho, dann stopfen ihnen die immer übleren Juden- und Türken- und Russen-Späße das Maul, so wie der deutsche Lebkuchen wenige Szenen zuvor Wera das Maul gestopft hat. "Ich merke schon, völkische Witze kommen gut an in Deutschland", sagt Schaad. Und der Saal schweigt.

Am Ende feiern alle Figuren gemeinsam Weihnachten, und für einen Moment wirkt es, als verbinde ihre Migrationserfahrung sie, als verstünden sie sich in ihrer Diskriminiertheit, als gehörten sie zueinander, weil sie nicht dazugehören - und weil sie sich gemeinsam an der deutschen Weihnachtsgans verschlucken. Doch die Atmosphäre wird immer gezwungener, immer angespannter, wie in einer guten deutschen Familie an Heiligabend, bis der jüdische Konstantin den kurdischen Imran, den er konsequent Imam nennt, als Mitgiftjäger beschimpft. Und bis, am bitteren Ende, die Tochter Nadeshda in den Freitod geht.

Die zynische Botschaft: Gelungene Integration ist, wenn Weihnachten mit einem Selbstmord endet.


Marianna Salzmann: "Wir Zöpfe". Uraufführungsinszenierung von Babett Grube am Maxim Gorki Theater Berlin. Nächste Vorstellungen 5. und 8. Februar sowie 5. und 19. März. Karten unter Telefon 030 20221115.

Zum Autor
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
koenigludwigiivonbayern 05.02.2015
1. Sehr haarig!
Da kommt mir beim Lesen schon das Gewöll hoch!
hermannheester 05.02.2015
2. Kein Lustspiel und sicher nicht karnevalistisch
So könnte man das umschreiben, was Migranten und Asylbewerber derzeit in deutschen Innenstädten durchleben müssen. Da versucht man sich mit Betteln oder dem Verkauf von Handarbeiten am Stand am Leben zu halten und keine Spur ist da von Luxusflüchtlingen, die nur abstauben wollen.
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