Theaterabend über die Situation in der Türkei Keine Morgenröte in Sicht

Zwei Stunden Aufführung, sechs Akteure, ein Thema: Das Schauspiel Köln widmet sich in einem Langzeitprojekt der Türkei.

David Baltzer/ Schauspiel Köln

Von Andreas Wilink


"Istanbul wurde nicht 1453 erobert, sondern heute", schreibt der türkische Autor und französische Staatsbürger Nedim Gürsel: Die Machtübernahme durch die Osmanen hat erst der Präsidenten-Pascha Erdogan in Reaktion auf den Putschversuch vor zehn Monaten vollendet. Die für eine Weile gelungene Synthese aus Ost und West sei gescheitert, die Verbindung zwischen einer heroischen osmanischen Vergangenheit und dem Versuch und der Versuchung einer westlichen Moderne zum Zerreißen gespannt. Ist es nicht so, dass Istanbuls Bosporus-Brücken, die die Trennung von Europa und Asien überwinden halfen, in eine Richtung gesperrt wurden? Und keine Morgenröte in Sicht.

Die Hängepartie zwischen dem Clash of Civilizations und einem Dialog der Kulturen wollte das Schauspiel Köln mit einem Langzeitprojekt stabilisieren. Im Dialog mit dem Regisseur Nuran David Calis begann die Theater-Recherche auf der nahe der Ausweichstätte des Schauspiels in Köln-Mülheim gelegenen Keupstraße: "Die Lücke" nahm die Folgen des Nagelbomben-Anschlags durch die NSU 2004 für die türkischstämmigen Bewohner auf. Fortsetzung war der ähnlich programmierte Abend "Glaubenskämpfer", der das Thema religiöser Vielfalt und Eigenheit mehr an losen Fäden baumeln ließ, als sinnstiftende Verknüpfungen herzustellen. Das Projekt hat der Dramaturg Thomas Laue initiiert, der bald zu dem mit allen Mainstream-Wassern gewaschenen Deutschen Geschichtserklärer und -bereiniger Nico Hofmann (Ufa) wechselt.

Ein weites Feld

"Istanbul" beendet nun die Trilogie mit ihrem partizipativen Ansatz: Laien und Betroffene begegnen Ensemble-Mitgliedern in einer offen angelegten Diskurs-Dramaturgie. Calis selbst hat nach einem vom Auswärtigen Amt vergebenen Stipendiaten-Aufenthalt in Istanbul einen Text geschrieben, der mit den Sätzen schließt: "Istanbul, eine wüste, hitzige, verwegene Stadt, Schmelztiegel zwischen Orient und Okzident, steuert auf eine Eiszeit zu." In der zweistündigen Aufführung überlässt er die Temperaturmessung den sechs Akteuren, die ein weites Feld abschreiten. Am Ende des Widerstreits der Positionen driften sie auseinander, bilden zwei Parteien und separieren sich, jeweils zu dritt, auch räumlich im Depot 2. Außer persönlicher Sympathie scheint sie nichts zu verbinden: hier die stolzen Verteidiger des (Erdogan-)Staats; dort die regimekritische, aufklärerische Fraktion mit zwei deutschen Schauspielern sowie dem exilierten Schriftsteller Dogan Akhanli, der erstmals 1980 inhaftiert und gefoltert worden war und 30 Jahre später erneut festgenommen wurde.

Starke Texte. Die Schauspielerin Ines Marie Westernströer verliest als Prolog einen Brief von Asli Erdogan, der Gefangenen einer gleichgeschalteten Justiz. Es ist ein anderes De Profundis über ihren Zustand "außerhalb des Lebens und außerhalb der Zeit". Dann folgen Akhanlis "Live"-Erzählungen und Notizen aus dem beschädigten Leben in ihrer imponierenden Reflexionsfähigkeit. Als die Polizei den Verhafteten über die Bosporus-Brücke fuhr und die Geschwindigkeit des Autos verlangsamte, damit er das überwältigende Panorama betrachten könne, ist seine Reaktion, dass ihm "die schöne Aussicht auf einmal hässlich erschien". Das sagt mehr über das unglückliche Bewusstsein als Willkür, Foltermethoden und Traumatisierung.

Nationalgefühl, Staatsliebe, Pflicht

Calis' inszenatorische Mittel bleiben bescheiden und sind kaum mehr als Vehikel, um überhaupt etwas szenisch zu bewegen. Aber auf die installative Situation (Bühne: Anne Ehrlich) mit Kamera und Leinwänden, projiziertem historischen Fotomaterial, rot-weißen Baustellenabsperrungen und einem Tisch, an dem man beim Tee sitzt, kommt's nicht an. Gegen das Authentische lässt sich formal-ästhetisch ohnehin schwerlich argumentieren.

Wir hören von der Anwohnerin Ayfer Sentürk Demir über Boykotte und Denunziationen auf der Keupstraße beim Disput um das Verfassungsreferendum. Empfinden Unwohlsein beim Ausrufen von Nationalgefühl, Staatsliebe, Pflicht gegenüber dem Vaterland und der Verabsolutierung von Heimat ("Dieses Land ist meine Seele", sagt der Anwohner Ismet Büyük). Solche Tugendwächter ignorieren Strukturfehler des Systems gern. Das kommt uns bekannt vor. Wir erfahren zu viele sich verzettelnde Details über die türkische Geschichte seit Ausrufung der Republik 1923, die kaum weniger kompliziert, zwiespältig und gewalttätig ist als die Deutschlands seit Reichsgründung. Forciert wirkt es, wenn Westernströer die engagierte, emotional-humane Stimme vertritt ("Ich bin echt sauer" / "Ich check nicht, wie könnt ihr dieses System verteidigen") und dabei die Proben- und Spiel-Situation gleichzeitig ausstellt und abbildet. Banalisiertes Reenactment.

Der Abgrund scheint unüberbrückbar

Produktiver ist es, wenn Kutlu Yurtseven, auch er ein Nachbar aus Köln-Mülheim, und der Schauspieler Seán McDonagh Rechtfertigungszwänge, die Opferrolle des Migranten, Bekenntnisdruck, Anpassungswünsche, Minderwertigkeitskomplexe und weitere psychologische Muster und Identitäts-Kalamitäten auftischen. Man hört im Saal förmlich, wie es in den Gehirnen arbeitet. Und wird von einer raffinierten Szene übermannt, wenn McDonagh mit Kostüm-Turban Mehmed II. darstellt, der Byzanz besiegte, das Kalifat ausrief und trotz Glaubenstoleranz Zwangsbekehrungen vornahm, um langsam überzublenden auf den Demagogen Erdoan, der in Köln 2010 "Assimilation als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit" bezeichnete.

Dass und wie sich Haltungen und Überzeugungen aus massiven Brocken und winzigen Splittern von Biografie fixieren, wird beim Verfertigen der Gedanken in den Redebeiträgen, Berichten und Fallbeispielen anschaulich. Der Abgrund zwischen laizistischer Republik und religiös autoritärem Staat scheint unüberbrückbar. Was bleibt, ist betretene Ratlosigkeit.


"Istanbul". Schauspiel Köln, Depot 2. Nächste Vorstellungen am 16. (ausverkauft) und 30.5. sowie 1., 5., 13. und 20.6., www.schauspiel.koeln.de

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Yabanci Unsur 14.05.2017
1. Theatralische Blutfehde und verhinderte Täter
Die Gegner Erdoğans sind genauso wenig Opfer, wie seine Anhänger die alleinigen Täter sind. Opfer der modernen Türkei sind religiöse und ethnische Minderheiten (Kurden, Christen, Juden, Alewiten) - und Fremde. Die große türkisch-sunnitsche Mehrheit sind Heuchler. Sie bilden die zwei Hauptgruppen einer Blutfehde, die sich bitterlich darüber beschweren, wenn einer von ihnen das "Opfer" der anderen wird. Ein schönes Beispiel dafür sind die diktatorischen Befugnisse Erdoğans in Zeiten des Ausnahmezustandes. Den haben sich die weltlichen Putschisten von 1980 hineingeschrieben, um fromme Regierungen wie die Erdoğans elegant abservieren zu können. Ärgerlich ist, dass bei dem Geheule der jeweils unterlegenen Bluträcher die wahren Opfer erst gar nicht zu Wort kommen. Wie wäre es mit einem Theaterstück, dass die falschen Opfer als das hinstellt, was sie in Wirklichkeit sind: verhinderte Täter.
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