Theater-Regisseur Awni Karoumi "Die Kunst muss den Irakern helfen, sich zu befreien"

Der irakische Theater-Regisseur Awni Karoumi über die Möglichkeiten der Kunst, den Menschen beim Wiederaufbau ihres Landes zu helfen.


Awni Karoumi, 57, hier mit einem Plakat seines neuen Stückes "Fräulein Julie", war Dozent an der Universität in Bagdad, bevor er 1991 über Jordanien nach Berlin flüchtete. Für seine Inszenierungen wurde der im ehemaligen Ost-Berlin ausgebildete Brecht-Spezialist in der arabischen Welt mit zahlreichen Preisen bedacht. Seit 1995 arbeitet er mit Roberto Cuilli am Theater Mühlheim an der Ruhr und als Dozent an der Berliner Humboldt Universität. Karoumi gründete außerdem den Verein "Masrah" ("Theater"), der sich um die Annäherung der deutschen und nahöstlichen Kulturen bemüht.
AP

Awni Karoumi, 57, hier mit einem Plakat seines neuen Stückes "Fräulein Julie", war Dozent an der Universität in Bagdad, bevor er 1991 über Jordanien nach Berlin flüchtete. Für seine Inszenierungen wurde der im ehemaligen Ost-Berlin ausgebildete Brecht-Spezialist in der arabischen Welt mit zahlreichen Preisen bedacht. Seit 1995 arbeitet er mit Roberto Cuilli am Theater Mühlheim an der Ruhr und als Dozent an der Berliner Humboldt Universität. Karoumi gründete außerdem den Verein "Masrah" ("Theater"), der sich um die Annäherung der deutschen und nahöstlichen Kulturen bemüht.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Karoumi, was kann die Kunst nach dem Krieg für Ihr Land tun?

Awni Karoumi: Ehrlich gesagt bin ich da zurzeit eher skeptisch. Die Menschen im Irak brauchen Brot und Kleidung, Schulen und Betriebe. Aber sie warten nicht auf die privilegierte Kunst von damals. Wenn es wieder eine Kunst im Irak gibt, muss sie eine andere Aufgabe haben. Sie muss den Menschen helfen, sich selbst zu befreien. Denn eine echte Befreiung kann nur aus ihnen selbst heraus kommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber dabei kann das Theater doch helfen.

Karoumi: Ja, das habe ich auch lange gedacht und gehofft. Aber ich kann nicht mit Toten ein lebendiges Theater machen. Wenn ich die Gräber im Irak nach all den Jahren Krieg sehe, frage ich mich, wie viele begabte Künstler dort liegen. Vielleicht hat man von ihnen nicht einmal gewusst, dass sie kreativ und begabt waren. Ich sage Ihnen nach 40 Jahren Theaterarbeit: Die Kunst ist nicht wichtig. Sie hat den Krieg zwar stets thematisiert, aber sie hat es nicht geschafft, ihn zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch müssen Sie doch für die Beseitigung von Saddam Hussein sein. Sie mussten selbst ins Exil flüchten.

Karoumi: Ich will diese Regierung nicht verteidigen. Alle Welt weiß, wie sehr wir Iraker darunter gelitten haben. Das ist einfach. Aber muss man das Volk ermorden, um einen Herrscher aus dem Amt zu jagen? Die Iraker haben Lust zu leben wie alle anderen Völker auf dieser Erde. SPIEGEL ONLINE: Dennoch handelten die im Irak inszenierten Theater-Stücke häufig vom Krieg.

Karoumi: Ja. Seit dem ersten Tag, an dem wir das moderne Theater kennen lernten, bekamen wir es auf der Bühne auch mit Krieg und Besatzung zu tun. Die ersten Inszenierungen Ende des 19. Jahrhunderts handelten davon, dass wir Araber uns von der osmanischen Hegemonie befreien müssten. Dann kam der erste Weltkrieg. Erneut wurde aufgeführt, wie wir die britischen Besatzer unserer Städte loswerden könnten. Nach der Machtergreifung der Baath-Partei und Saddam Hussein wurde es schwierig für die kritischen Theatergruppen. Die Regierung versuchte, das gesamte Theater dahin zur bringen, dass es den Krieg lobt. Es ging darum, die innere Front zu sammeln und das Töten zu legitimieren. In einem Stück wird der Vater gezwungen, seinen Sohn zum Wohle der Front umzubringen. Die Herrschaft der Angst erhielt in den Achtzigern eine Macht, die sogar über der Ideologie stand.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie mit Ihrem Theater den Geist gegen diese Propaganda stärken?

Karoumi: Ich habe ernsthaft versucht, ein humanistisches und demokratisches Theater zu schaffen. Aber die Regierung drängte alle sozialen Probleme in den Hintergrund. Es sollte immer nur von der Verteidigung des Vaterlandes die Rede sein. Als Künstler geriet man dadurch in einen großen Widerspruch. Es war, als gerieten wir vom Krebs zu Aids und dann nicht mehr weiter. Ich habe versucht, eine Sprache zu entwickeln, die das Publikum verstand, ohne dass ich dabei direkt politisch wurde. Einmal machten wir ein Stück über eine Frau, die ihren Mann verloren hatte. Sie will ihre Familie zusammenhalten und versucht, ihre Kinder gut zu erziehen, aber die Bedingungen in der Gesellschaft lassen das nicht zu.

Bewohner Bagdads bejubeln amerikanische Soldaten (am 9. April): "Muss man das Volk ermorden, um einen Herrscher aus dem Amt zu jagen?"
REUTERS

Bewohner Bagdads bejubeln amerikanische Soldaten (am 9. April): "Muss man das Volk ermorden, um einen Herrscher aus dem Amt zu jagen?"

SPIEGEL ONLINE: Hat die Zensur etwas gegen dieses Stück unternommen?

Karoumi: Zunächst nicht. Aber als das Publikum sich seine eigene Meinung bildete und das Stück einen bestimmten Ruf erhielt, haben sie es abgesetzt. Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" ist mir nach 50 Aufführungen verboten worden. Als der reale Krieg als Hintergrund dazu kam, und die Zensoren merkten, dass das Publikum das Stück anders las, haben sie reagiert. Dazu kann ich nur sagen: Wann werden wir endlich "Mutter Courage" aufführen können?

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr unternahm das Theater Mühlheim an der Ruhr mit Ihrer Hilfe eine Tournee nach Bagdad. Es zeigte immerhin die "Die Dreigroschenoper" und "Der kleine Prinz". Wie hat das Publikum reagiert?

Karoumi: Ich war selbst nicht dort, aber ich habe Gutes gehört. Die Vorstellungen waren die ganze Zeit voll. Die Menschen haben die Handlung und die Ästhetik so gelesen, dass man die Sprache nicht unbedingt brauchte. Die menschliche Geste des Theaters hat sie erreicht. Sie haben die ganze Tournee als eine solidarische Geste verstanden. Die Iraker merkten, dass sie noch in der Lage waren, etwas Schönes zu sehen und mit dieser Schönheit etwas zu bearbeiten. Das hat Hoffnung gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie vor, nach dem Krieg zurück zu gehen?

Karoumi: Auf jeden Fall. Die Bäume in meinem Garten warten auf mich, die Bücher in meinem Zimmer. Es gibt Menschen, die auf mich warten, mit ihren Gefühlen und ihrer Freude. Ich muss Ihnen auch Freude geben, bevor ich sterbe. Dafür habe ich gekämpft.

SPIEGEL ONLINE: Die Kunst sollte also zunächst für Ablenkung und Unterhaltung sorgen?

Karoumi: Nein, man muss sich der Geschichte des Landes zuwenden, auch der Geschichte dieses Kampfes. Es soll natürlich trotzdem Spaß machen. Vergnügen ist sehr wichtig im Theater, die Menschen sollen es genießen. Aber ich will das Publikum rufen, damit es nicht vergisst, sonst gibt es keine bessere Zukunft. Die Menschen müssen klar sehen, was passiert ist, damit die Tragödie sich nicht wiederholt.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie zuerst inszenieren?

Karoumi: Ich bin ein großer Anhänger von Bertolt Brecht. Seit 1965 inszeniere ich seine Stücke, "Galileo Galilei", "Die Maßnahme", "Der kaukasische Kreidekreis" und viele andere. Ich habe auch Heiner Müller gezeigt, ab 1974 "Der Lohndrücker" und "Die Schlacht". Dieses Stück würde ich gerne wieder aufführen. Müllers Gedanken zur deutschen Kriegserfahrung hätten eine ungeheure Bedeutung, wenn man es für die irakischen Verhältnisse adaptiert. Ich werde mich mit dem Theater, das ich in Deutschland gelernt habe, für einen humanistischen und demokratischen Irak in der Zukunft einsetzen. Da kann die Kunst vielleicht doch etwas leisten.

Das Interview führte Henrike Thomsen



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