Theater-Skandal Hannelore Kohls unwillkommene Wiederkehr

Ausgerechnet in Ludwigshafen, der Heimat von Altkanzler Helmut Kohl, wird Johann Kresniks Skandal-Stück über seine verstorbene Ehefrau Hannelore neu aufgeführt. Die CDU-Granden der rheinland-pfälzischen Stadt sind brüskiert, dabei war es eine Unionspolitikerin, die das Gastspiel bereits im vergangenen Sommer genehmigt hatte.

Von


Hans Jürgen Moll und Sarka Vrastakova als Helmut und Hannelore Kohl in Kresniks Bonner Inszenierung: "Ausgeburt deutscher Dekadenz"
DDP

Hans Jürgen Moll und Sarka Vrastakova als Helmut und Hannelore Kohl in Kresniks Bonner Inszenierung: "Ausgeburt deutscher Dekadenz"

Der Park ist beliebt bei den Ludwigshafenern: Am Rande eines Auwaldes mit Blick über den Rhein kann der pfälzische Industriestädter die Seele baumeln lassen und einer geschätzten Bürgerin der Stadt gedenken. Seit vorigem Frühjahr heißt der Rhein-Uferweg "Hannelore-Kohl-Promenade". Die Straßen-Umbenennung war eine Ehrung für die Gattin von Altkanzler Helmut Kohl, die sich 2001 das Leben nahm, nachdem sie eine unheilbare Lichtkrankheit zu einem Leben in immerwährender Dunkelheit verdammte.

Nun, drei Jahre nach ihrem Freitod, beschäftigt Hannelore Kohl noch einmal die Gemüter der Ludwigshafener. Am Mittwoch nämlich will das Stadttheater im Pfalzbau Johann Kresniks Bonner Skandal-Inszenierung "Hannelore Kohl - Ich verbrenne von innen" aufführen.

Ballett-Theatermann Kresnik, seit Jahrzehnten für Bühnenrandale bekannt, lässt die Kohl-Gattin in 22 Bildern durch die Bonner Republik und das Machtsystem des Bimbes-Kanzlers in den Tod tanzen. Derb geht es dabei zu, Feinsinn ist Kresniks Sache nicht. Ein besonders fetter Kohl kopuliert zwischen Aktenordnern, eine besonders einsame Hannelore kippt einen Cocktail nach dem anderen. Die Gläser sind voll Gift, dann versinkt sie samt Tisch im Bühnenboden.

Altkanzler-Gattin Hannelore Kohl: Selbstmord nach schwerer Krankheit
AP

Altkanzler-Gattin Hannelore Kohl: Selbstmord nach schwerer Krankheit

"Es ist eklig, auf dem intellektuellen Niveau von Nacktfilmchen" empörte sich die Kohl-freundliche "BILD"-Zeitung; der Politologe Arnulf Bahring, oberster Sachverständiger in Sachen Bonner Republik, schüttelte sich angewidert: "Geschmacklos, vulgär - eine Ausgeburt deutscher Dekadenz". Helmut Kohl selbst faxte erbost an einen Parteifreund: "Ein erbärmlicher Missbrauch künstlerischer Freiheit".

Dass dieses Skandalstück ausgerechnet in Helmut und Hannelore Kohls Heimatstadt auf die Bühne kommt, bringt die Ludwigshafener Christdemokraten so richtig in Rage - zumal sich die CDU-regierte Stadt auf die feierliche Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den Altkanzler einstimmt. Beim Gläschen Pfälzer Wein jammern sie über "die Schande", dass ausgerechnet in ihrer Stadt "der Mist" aufgeführt wird, und ihre CDU-Oberbürgermeisterin das nicht verhindert hat. Stadtoberhaupt Eva Lohse findet das Stück zwar auch "abscheulich und geschmacklos", sie stehe jedoch "uneingeschränkt hinter der Freiheit der Kunst".

Mit klammheimlicher Freude beobachten die lokalen CDU-Granden nun, wie sich der Volkszorn in den Leserbriefspalten der Lokalpresse austobt. Von einem "Schundstück" ist da zu lesen, von "primitiver Verhöhnung des ehemaligen Bundeskanzlers und seiner hochverdienten Gattin". Empfohlen wird, "Text- und Regiebuch gleich zu verbrennen". Besonders eingefleischte Kohlianer planen zur Aufführung am Mittwoch mit Transparenten anzurücken. "Vielleicht", so orakelt ein lokaler CDU-Funktionär, "wird auch noch etwas Überraschendes passieren".

Szene aus Kresnik-Stück: "Abscheulich und geschmacklos"
DDP

Szene aus Kresnik-Stück: "Abscheulich und geschmacklos"

Theatermann Kresnik, der am Mittwoch selbst in Ludwigshafen dabei sein will, kann das nur recht sein. Der österreichische Provokateur hat es am liebsten, wenn es richtig knallt: "Sollen sie doch Stinkbomben werfen und mein Stück kaputt brüllen", hofft er. Zahnlose Aktionen wie von der Jungen Union in Bonn findet er eher peinlich: Der CDU-Nachwuchs hatte sich vor einem knappen Monat noch nicht einmal zur Premiere ins Opernhaus getraut, sondern in einer nahe gelegen Cocktailbar zur Protestlesung geladen: Die Unions-Youngsters rezitierten brav aus Hannelore Kohl-Biografien. "So sehen heute Skandale aus", hämte die "FAZ".

Gut möglich aber, dass die Ludwigshafener CDU den Krawallbruder Kresnik enttäuscht. Denn die Partei steckt in einem Dilemma, schließlich hat die Kulturdezernentin und CDU-Frau Cornelia Reifenberg das Kresnik-Gastspiel abgenickt - und das schon vor einem dreiviertel Jahr. Bereits im vorigen April legte Theater-Chefdisponent Jörg Fischer dem Kulturausschuss der Stadt das Vorhaben "Hannelore Kohl" vor. Freilich konnte der Theatermann den Kommunalpolitikern nicht en detail sagen, wie Kresnik die Geschichte der Ex-Kanzler-Gattin auf die Bühne bringt. Die Inszenierungsarbeiten waren damals erst im Anfangsstadium. Doch dass von dem "Politberserker" Kresnik ("FAZ") kein vergnüglich, erbaulicher Theaterabend erwartet werden könnte, darüber ließ Fischer die Politiker nicht im Unklaren.

Theater-Provokateur Kresnik: Er hat es am liebsten, wenn es richtig knallt
AP

Theater-Provokateur Kresnik: Er hat es am liebsten, wenn es richtig knallt

Protestiert hat damals niemand. Nun aber fühlt sich CDU-Kreis-Chef Josef Keller von den Theatermachern getäuscht. Ihm sei - wie vielen Theaterfreunden - nie klar gewesen, "dass der Mensch Hannelore Kohl massiv verunglimpft und in unwürdiger Weise mit ihrem tragischen Tod umgegangen" wird. Das Theater solle bereits verkaufte Karten zurückgeben und den Preis erstatten. Dafür jedoch sieht Theater-Intendant Hans-Günther Heyme überhaupt keinen Grund. Kresnik habe für das Hannelore Kohl Stück "viel Lob bekommen wie schon seit Jahren nicht mehr". Ihm sei offenbar "eine wichtige Aufführung gelungen". Die jedoch möchte Heyme zumindest den Inhabern von Theater-Abonnements nicht zumuten. In den Abo-Plan wurde die einmalige Aufführung nicht aufgenommen.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.