Theater-Spektakel "Impulse" Worüber morgen einige sprechen

Am Mittwoch beginnt das Festival "Impulse". Zum 20-jährigen Jubiläum feiert es sich selbst: als Deutschlands führende Leistungsschau für fortschrittliche Theaterarbeiter. Dabei ist gar nicht mehr so klar, was Avantgarde und Normalbetrieb auf deutschen Bühnen eigentlich noch unterscheidet.

Franz Sattler

In diesem Jahr ist Theaterkunst offenbar gut, nur wenn sie laut ist. Wer die Internetfilme ansieht, die zurzeit für Deutschlands wichtigstes Festival der freien Theatergruppen werben, dem dröhnen die Ohren. Weil vom 29. Juni bis 10. Juli, wie's scheint, glorreich wild herumgebrüllt und losgetrötet wird bei den Vorstellungen von "Impulse" in Bochum und Köln, Düsseldorf und Mülheim an der Ruhr. Es tränen einem angesichts der "Impulse"-Clips aber auch die Augen. Wegen der bunten Wunder, die es da zu bestaunen gibt - und vor Lachen.

Die "Rabtaldirndln" zum Beispiel sind fünf ebenso kräftige wie liebreizende österreichische Frauen aus der Oststeiermark, die mit ein paar kariert gedeckten Gasthaustischen nach NRW kommen, um in einem sogenannten interaktiven Diaabend "unser Lebensmodell zu erklären", was hier unbedingt als Drohung zu verstehen ist. "Machina eX" ist eine Studententheatertruppe aus Hildesheim, die zu einem "TheaterGame" nach den Regeln eines Computerspiels einlädt, bei dem sich die Zuschauer durch viele Bleeps und einen Kabelwust in eine Krimihandlung verirren. Und die schwedisch-finnische Theaterformation "Institutet & Nya Rampen" präsentiert eine Grusellektion über den Terror der romantischen Liebe, die in einem lärmend beschallten Kellerverlies spielt, wobei es zumindest den "Institutet"-Leuten um eine "Rückkehr zur Theatralik" geht.

Die "Impulse", ein Jubelfest der fortschrittlichen Theaterkunst, feiern in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum. Wie kommt es, dass man sich selbst hier nach dem Theaterpathos vergangener Zeiten sehnt? Hat sich das lustige Chaos der bunten freien Theaterwelt möglicherweise zu Tode gesiegt? Vor zwanzig Jahren wurden die "Impulse" gegründet als nette Kampfansage an das Berliner Theatertreffen, wo alljährlich die besten Staats- und Stadttheaterproduktionen gezeigt werden. Es sollte ein Festival der freien Gruppen sein, ein Schaufenster des Theaterexperiments, des frei flottierenden Herumprobierens, unter dem halblaut geraunten Motto: Friede den Performance-Garagen, Kampf den Theaterpalästen!

Im Jahr 2011 ist "Impulse" eine sogar international beachtete Institution. "Heute schon sehen, worüber morgen jeder spricht", werben die beiden künstlerischen Leiter Matthias von Hartz und Tom Stromberg für ihr Programm. "In zwanzig Jahren hat dieses Festival die deutsche Theaterlandschaft stark verändert", sagt Stromberg, "man kann schon sagen: radikal verändert." Das klingt nicht nur, als sprächen hier zwei sehr selbstbewusste Obermuftis des deutschen Kulturestablishments.

Ein Festival als Karrierebeschleuniger

Stromberg war unter anderem schon Chef des Expo-Kulturprogramms in Hannover und Intendant des Hamburger Schauspielhauses, er betreut als Agent ein paar der herausragenden Regisseurinnen und Regisseure des deutschsprachigen Stadttheaters, und er mischt in Berlin und in der halben Welt bei praktisch allen Schlachten mit, in denen um Kulturpolitik, Fußball und Kunst gerungen wird. Matthias von Hartz kuratiert bisher neben "Impulse" auch ein Sommerfestspielprogramm in der Hamburger Kampnagelfabrik und übernimmt demnächst das ehrgeizige Hauptstadtfestival "Spielzeit Europa".

Aus den "Impulsen", die 1990 von Dietmar N. Schmidt gegründet und lange auch geleitet wurden, haben Stromberg und von Hartz in den vergangenen Jahren einen bunten internationalen Zirkus gemacht. In Bochum, Mülheim, Köln und Düsseldorf gibt es in den nächsten Tagen rund 50 Aufführungen auf 25 Bühnen zu sehen, an den Wochenenden werden auf "Marathons" Zuschauer in Bussen mit Bordverpflegung von Stadt zu Stadt gekarrt, damit sie möglichst viele Inszenierungen an einem Tag besuchen können. Preise werden auch verliehen, auch der für die beste von neun "herausragenden Inszenierungen" aus Österreich, der Schweiz und Deutschland.

Die vielleicht wichtigste Frage, die in diesem Jahr zu beantworten ist, lautet jedoch: Wie lässt sich die Avantgarde heute noch vom Normalbetrieb unterscheiden? Zu den Hauptattraktionen der diesjährigen "Impulse" gehört zum Beispiel "Testament", eine auch zum Theatertreffen in Berlin eingeladene und dort hochgelobte Produktion, für welche die netten Avantgarde-Veteraninnen des einst in Gießen gegründeten Kollektivs SheShePop ihre Väter auf die Bühne geholt haben. Dort reden sie mit ihnen über die Kosten der alternden Gesellschaft und deklamieren Shakespeares "Lear".

Solche Kurzschlüsse zwischen altem Stücktext und Alltag gehören heute für Regisseure in vielen deutschen Stadttheatern ebenso zu den gängigen Stilmitteln wie Videoprojektionen von Interviews auf offener Straße, Tanzimprovisationen und Klamauk mit Computern. Nicht wenige dieser Regisseure haben in den Unis von Gießen und Hildesheim studiert, wo eine Menge brave junge Menschen aus dem deutschen Mittelstand an neuen Show- und Entertainment-Formaten werkeln. Und viele dieser Stadttheaternachwuchsregisseure haben in frühen Jahren mal eine Produktion zu den "Impulsen" beisteuern dürfen. Ein "Karrierebeschleuniger" sei das Festival, schreibt die Kritikerin Christine Wahl denn auch im Programmheft zum Jubiläum.

Angeblich 300 Bewerbungen gab es in diesem Jahr, aus denen eine Auswahljury mit Stromberg und von Hartz das Programm bastelte; angeblich fünf Dutzend Talentscouts von anderen Bühnen und Festivals fahnden bei den diesjährigen "Impulsen" nach neuen Genies.

Die "Rabtaldirndln" aus dem schönen Österreich aber sind offenbar die einzigen, die auch heute einen Willen zur Sprengkraft und eine Lust an Explosionen mitbringen, wie sie einst in den windschiefen Theatergaragen der Avantgarde geherrscht haben müssen. Der Titel ihres brutal unlustigen Wirtshausabends, bei dem getanzt, gesungen und geschlachtet wird, lautet verheißungsvoll: "Aufplatzen".


Impulse. 29.6.-10.7. in Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr, Tel. 0221/99 22 55 111.



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