Von Christine Wahl
Schwer zu sagen, was andere Schauspielerinnen tun, wenn sie direkt vom Studium ans Wiener Burgtheater engagiert werden. Wahrscheinlich fallen sie fünfmal Mal am Tag dankbar auf die Knie und üben sich ansonsten in erwartungsfroher Demut, was die theatrale Champions League so mit ihnen vorhat. Was Birgit Minichmayr tat, hätte sich jedenfalls kaum eine getraut: "Ich stand alle zwei Wochen in der Theaterdirektion und habe gesagt: Das möchte ich spielen, das, das und das. Weil ich dachte: Die müssen einfach wissen, was mich interessiert, damit sie eine Ahnung haben, was sie mit mir machen sollen!"
Dass es sich hier nicht um postpubertäre Hybris, sondern um einen klaren Fall von Berufsleidenschaft handelte, merkt man sofort, wenn man mit Birgit Minichmayr über ihre Arbeit spricht. Immer ist da die Rede von "anregenden Menschen", von "inspirierenden Probenzeiten" – und von Begegnungen, die sie ganz bewusst sucht. Zum Beispiel die mit dem Regisseur Klaus Michael Grüber, unter dem sie vor einigen Jahren am Burgtheater in "Ödipus" spielte: "Ich war so fasziniert von diesem Mann, dass ich ihn immer anstarren musste. Der war wie eine alte griechische Gottheit für mich, mit einer unglaublichen Aura, wie nicht von dieser Welt." Der aktuelle Traum(-Mann): Michael Haneke. "Einmal mit dem in Berührung kommen, den hinter der Kamera erleben, und wenn's nur eine Minute ist!", schwärmt die Schauspielerin.
Beneidenswerte Überfülle
Dabei liest sich ihre Arbeitsbiografie schon jetzt wie ein Almanach der internationalen Film- und Theaterbranche: Als die Kommilitonen am renommierten Max-Reinhardt-Seminar noch geduldig in den Startlöchern hockten, zählte sie bereits Leute wie Harvey Keitel und István Szabó zu ihren Arbeitskollegen. Der ungarische Filmregisseur hatte die damals 23-jährige Studentin für seinen Film "Taking Sides – Der Fall Furtwängler" engagiert. Panik, neben den Berühmtheiten kein einziges Wort herauszubekommen, ließ sie gar nicht erst aufkommen: "Natürlich ist man am Anfang nervös oder hat ein bisschen Schiss, dass man einen Fehler macht. Aber ich lege das dann relativ schnell ab, weil ich mich einfach wahnsinnig über die Begegnung freue und total neugierig bin, wie diese Leute arbeiten."
Später sah man Birgit Minichmayr neben Bruno Ganz in Oliver Hirschbiegels Hitler-Film "Der Untergang" und in Tom Tykwers "Parfum". Auf den Theaterbühnen arbeitet sie sowieso mit den Top-Regisseuren: Luc Bondy, Frank Castorf, Dimiter Gotscheff. Dabei ist die Frau gerade mal 30 Jahre alt.
Als sie vor fünf Jahren den Ulrich-Wildgruber-Preis zur Förderung junger Schauspieler bekam, goss die Laudatorin Monica Bleibtreu ihre Art zu spielen in eine schöne Formulierung: Sie sagte, Birgit Minichmayr verschwende sich. Nicht in einem bedrohlichen Sinn, sondern – im Gegenteil – aus einer beneidenswerten Überfülle heraus. Wer gesehen hat, wie sie sich in Dimiter Gotscheffs Berliner Tschechow-Inszenierung "Iwanow" als verliebte Gutsbesitzer-Tochter Sasha auf ihr konsterniertes Objekt der Begierde Samuel Finzi wirft wie eine ganze Panzerdivision, weiß genau, was Bleibtreu meint: Da ist eine Kraft am Werke, die einen noch im zweiten Rang, letzte Reihe, vom Sitz haut.
Dutzende Geschichten im Gesicht
Diese überbordende Energie bringt ihr jedoch nicht nur Segen: "Wir hätten di scho gern ghabt", imitiert die im österreichischen Pasching geborene Schauspielerin einen Wiener Castingagenten, den sie letzte Woche am Telefon hatte, "aber du bist halt so ne Kraftvolle." Es war nicht das erste Mal, dass man ihr eine handzahme Introvertierte nicht so recht zutrauen wollte. "Diese Schubladen-Casterei geht mir so was von auf die Nerven", ruft Birgit Minichmayr und lacht.
Wer sie jetzt im Kino in Barbara Alberts Film "Fallen" sieht, wird wohl nie wieder behaupten können, Minichmayr fehle das Zeug zur ruhigen Rolle. Unter den fünf Frauen, die sich dort bei der Beerdigung ihres früheren Lehrers wieder treffen, ist sie – als engagierte Pädagogin mit marxistischen Idealen - eindeutig die Stillste, Kontrollierteste, auch die Geheimnisvollste. Die besondere Beziehung, die sie zu dem Verstorbenen hatte, spiegelt sich oft nur in ihrem Gesicht – und das erzählt dann in einer einzigen Einstellung dutzende Geschichten auf einmal.
Birgit Minichmayr pendelt zwischen Wien und Berlin, mag weder auf die "Schmuckkästchenstadt" noch auf "die laute, dreckige, schöne, vielschichtige Metropole" verzichten – wo sie im Theater allerdings leider nur noch zwei Gastrollen spielt, seit sie nach einem kurzen Intermezzo an der kriselnden Volksbühne ans Wiener Burgtheater zurückgekehrt ist. Dem Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf bescheinigt die Schauspielerin zwar nach wie vor absoluten "Einmaligkeitsstatus". Aber: "Ich hatte das Gefühl, in dieser Umbruchsphase nicht dabei sein zu können und zu wollen." Und da ihre Liebe zu diesem Haus auch sehr viel mit dem tollen Ensemble zu tun hatte – das mittlerweile fast komplett gekündigt hat oder wurde – ist die Volksbühne Berlin für Birgit Minichmayr momentan keine Option.
Und dann ist sie schon wieder am Schwärmen: In Doris Dörries Berlinale-Wettbewerbsfilm "Kirschblüten – Hanami" spielt sie "die lesbische Tochter von Elmar Wepper und Hannelore Elsner" – und die Dreharbeiten seien einfach großartig gewesen: "Es gab keine Aufnahmeleitung, jeder war für seine Maske selbst verantwortlich. Das mag ich total gerne, denn beim Drehen wird man oft wieder zum Kind: Da wirst du hier angezogen, dort werden dir die Haare gemacht, als nächstes wird dir Essen in den Mund geschoben, dann wirst du zum Set gestellt – das ist furchtbar", lacht Minichmayr. "Du verlierst jede Eigenverantwortung!"
Dass sie die je aus der Hand gibt - das wäre nun wirklich unvorstellbar.
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