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02. Juni 2012, 16:17 Uhr

Gigantisches Kunstspektakel

Fukushima steht jetzt in Berlin

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Die Anti-Expo: Mit einer sogenannten Weltausstellung verabschiedet sich Berlins umjubelter Theatermacher Matthias Lilienthal aus der Stadt. Mit dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof nutzt er eine riesige Fläche, um die Logik von Großausstellungen auf den Kopf zu stellen.

Berlin - Staunend klettern der japanische Regisseur und sein Assistent durch die Ruinen des zerstörten Kernkraftwerks. Sie filmen jeden ihrer Schritte und befragen sich immer wieder, mit welchen Gefühlen sie sich dem Gebäude nähern. Doch ein ums andere Mal müssen sie verwundert feststellen: von Panik keine Spur, selbst beim Kontakt mit glühenden Brennstäben nicht. Wie kommt's nur? Langsam dämmert es dem Regisseur: "Je weiter entfernt die Menschen sind, desto größer ist ihre Angst."

Es gehört zu den schönsten Ideen der "Großen Weltausstellung 2012", die das Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) und das raumlaborberlin am Freitag auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof eröffnet hat, dass inmitten des riesigen Areals nun für einen Monat ein Nachbau des Kernkraftwerks Fukushima II steht. Weder maßstabsgetreu noch dem tatsächlichen Zerstörungsgrad nachempfunden ist das Modell, das der japanische Theatermacher und Autor Toshiki Okada gebaut hat.

Dennoch verleitet der anthrazit gestrichene Theaterbau zu den interessantesten Erkundungen der Ausstellung: Wie konnte es dazu kommen, dass ein Störfall an einem japanischen AKW ausgerechnet in Deutschland die radikalsten Konsequenzen hatte? Warum konzentrieren die Deutschen ihren moralischen Furor auf die Atomkraft, wenn in Japan ungleich mehr Menschen durch Erdbeben und Tsunami getötet wurden? Welche Klischees über asiatische Gelassenheit stecken dahinter, wenn sich Deutschland darüber empört, dass japanische Regierung und Betreiberfirma zu wenig zur Eindämmung des Strahlenrisikos tun?

Kühlwasser mit Gummistiefeln geschöpft

Angesichts solcher Fragen hilft es, dass Okada seine Installation mit viel Humor gestaltet hat: Als Regisseur und Assistent - zwei professionelle Schauspieler - auf das Dach des AKW-Modells vorgestoßen sind, führen sie dort ein hochnotkomisches Ballett in Schutzkleidung auf, bei dem sie ihre gelben Gummistiefel nutzen, um Kühlwasser zu schöpfen.

15 Pavillons sind für die sogenannte Weltausstellung unter dem Motto "The World is not Fair" - je nach Lesart "Die Welt ist keine Ausstellung" oder "Die Welt ist nicht gerecht" - über das 300 Hektar große Tempelhofer Feld verstreut. Zusammen mit einer Marathonlesung des Romans "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace ist die Ausstellung Teil der Abschiedsvorstellung des gefeierten HAU-Intendanten Matthias Lilienthal, der nach dieser Spielzeit auf eine Professur nach Beirut wechselt. Auch wenn mit dem Regisseur Hans-Werner Kroesinger oder dem Künstlerkollektiv machina eX einige bekannte Lilienthal-Lieblinge dabei sind, hat die Ausstellung weniger von einer HAU-Leistungsschau denn von einer tatsächlichen Reflexion über die ästhetischen und stadtpolitischen Bedingungen von Großausstellungen.

Signale von Wirtschaftskraft und Leistungsfähigkeit

Erik Göngrich nimmt das Thema in seinem "Pavillon der Weltausstellungen" auf und zeigt anhand einer einfachen Panoramagrafik auf, welchen Wertesystemen Städte und Länder folgen, wenn sie eine Expo ausrichten. Auf der 40 Quadratmeter großen, schwarz-weißen Zeichnung hat der Künstler diverse Repräsentationsbauten wie den Pariser Eiffelturm, der aus Anlass einer Expo gebaut wurden, in ein fiktives Stadtbild eingefügt. Der Anblick ist ebenso amüsant wie grotesk: Riesenrad reiht sich an Riesenrad, Turm um Turm wird die Stadt zugestellt. Expos, das zeigt das Tableau, sind in keine innerstädtischen Verständigungen eingebunden, sondern bedienen sich der immer gleichen Architektursprache, um Signale von Wirtschaftskraft und Leistungsfähigkeit nach außen zu senden.

Auch in anderen Pavillons hallt das Thema Expo nach, etwa wenn am "Quartier 52.4697°N 13396°" von Tamer Yigit und Branka Prlic ein hölzernes Riesenrad steht, das sich nicht drehen kann. Und auch Okadas Installation zeigt einen Bezug zu einer offiziellen Weltausstellung auf: Der Strom für die erste Expo, die in Asien stattfand, die Expo Osaka 1970, stammte aus der Energiequelle der Zukunft, dem damals neuesten Kraftwerk Japans: Fukushima.

Gewaltige Entfernungen auf brachigen Feldwegen

Ansonsten findet die Auseinandersetzung mit den Bedingungen von Großschauen eher in der Anlage der Ausstellung selbst statt. Unregelmäßig sind die Pavillons über das weitläufige Gelände verstreut, Leihräder stehen bereit, um sich das gesamte Areal zu erschließen. Dabei sind es gerade die Distanzen zwischen den einzelnen Spielstätten, die neue Reflexionsmomente schaffen. In der atemlosen Taktung und örtlichen Verdichtung von Biennalen überlagern sich die Bilder und Töne verschiedener Kunstwerke schnell. Sich dieser ästhetischen Überforderung hinzugeben, ist gewissermaßen Grundvoraussetzung für den Besuch.

Auf dem Tempelhofer Feld kommt der hochtourige Kunstkonsum jedoch ins Stocken, wenn man eine Viertelstunde auf einem brachen Feldweg unterwegs ist, um zur nächsten Installation zu gelangen. Von nichts abgelenkt als der Ödnis des Feldes können die Eindrücke gar nicht anders als zu sacken. Prompt fängt das Gehirn an, nach Verbindungen zwischen den einzelnen Stationen zu suchen - was hat etwa Tracy Roses Performance zu Blackfacing und Whitefacing im südafrikanischen Fernsehen mit Lukas Feireiss' Institut für Imaginäre Inseln zu tun?

Dankenswerterweise sind die Distanzen auf dem Tempelhofer Feld so groß, dass man auch zu der Erkenntnis kommen kann: Da bestehen überhaupt keine Zusammenhänge. Während Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev verzweifelt versucht zu erklären, dass ihre Megaschau kein Überthema haben wird, hat sich die "Weltausstellung 2012" aus dieser wortwörtlichen Show-Logik bereits verabschiedet. Die Lücke zwischen den Kunstwerken ist da, und sie ist riesengroß. Dies nicht nur intellektuell, sondern konkret räumlich und auch noch im Zentrum der Stadt ausdrücken zu können, ist eine der irren Chancen, die Berlin immer noch bietet. Insofern ist auch diese Weltausstellung letztlich eine außenwirksame Darstellung dessen, wozu die Stadt in der Lage ist.


"The World is not Fair - Die große Weltausstellung 2012", 1. bis 24. Juni, Do./Fr. 16 bis 22 Uhr, Sa./So. 14 bis 22 Uhr.

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