Gigantisches Kunstspektakel Fukushima steht jetzt in Berlin

Die Anti-Expo: Mit einer sogenannten Weltausstellung verabschiedet sich Berlins umjubelter Theatermacher Matthias Lilienthal aus der Stadt. Mit dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof nutzt er eine riesige Fläche, um die Logik von Großausstellungen auf den Kopf zu stellen.

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Berlin - Staunend klettern der japanische Regisseur und sein Assistent durch die Ruinen des zerstörten Kernkraftwerks. Sie filmen jeden ihrer Schritte und befragen sich immer wieder, mit welchen Gefühlen sie sich dem Gebäude nähern. Doch ein ums andere Mal müssen sie verwundert feststellen: von Panik keine Spur, selbst beim Kontakt mit glühenden Brennstäben nicht. Wie kommt's nur? Langsam dämmert es dem Regisseur: "Je weiter entfernt die Menschen sind, desto größer ist ihre Angst."

Es gehört zu den schönsten Ideen der "Großen Weltausstellung 2012", die das Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) und das raumlaborberlin am Freitag auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof eröffnet hat, dass inmitten des riesigen Areals nun für einen Monat ein Nachbau des Kernkraftwerks Fukushima II steht. Weder maßstabsgetreu noch dem tatsächlichen Zerstörungsgrad nachempfunden ist das Modell, das der japanische Theatermacher und Autor Toshiki Okada gebaut hat.

Dennoch verleitet der anthrazit gestrichene Theaterbau zu den interessantesten Erkundungen der Ausstellung: Wie konnte es dazu kommen, dass ein Störfall an einem japanischen AKW ausgerechnet in Deutschland die radikalsten Konsequenzen hatte? Warum konzentrieren die Deutschen ihren moralischen Furor auf die Atomkraft, wenn in Japan ungleich mehr Menschen durch Erdbeben und Tsunami getötet wurden? Welche Klischees über asiatische Gelassenheit stecken dahinter, wenn sich Deutschland darüber empört, dass japanische Regierung und Betreiberfirma zu wenig zur Eindämmung des Strahlenrisikos tun?

Kühlwasser mit Gummistiefeln geschöpft

Angesichts solcher Fragen hilft es, dass Okada seine Installation mit viel Humor gestaltet hat: Als Regisseur und Assistent - zwei professionelle Schauspieler - auf das Dach des AKW-Modells vorgestoßen sind, führen sie dort ein hochnotkomisches Ballett in Schutzkleidung auf, bei dem sie ihre gelben Gummistiefel nutzen, um Kühlwasser zu schöpfen.

15 Pavillons sind für die sogenannte Weltausstellung unter dem Motto "The World is not Fair" - je nach Lesart "Die Welt ist keine Ausstellung" oder "Die Welt ist nicht gerecht" - über das 300 Hektar große Tempelhofer Feld verstreut. Zusammen mit einer Marathonlesung des Romans "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace ist die Ausstellung Teil der Abschiedsvorstellung des gefeierten HAU-Intendanten Matthias Lilienthal, der nach dieser Spielzeit auf eine Professur nach Beirut wechselt. Auch wenn mit dem Regisseur Hans-Werner Kroesinger oder dem Künstlerkollektiv machina eX einige bekannte Lilienthal-Lieblinge dabei sind, hat die Ausstellung weniger von einer HAU-Leistungsschau denn von einer tatsächlichen Reflexion über die ästhetischen und stadtpolitischen Bedingungen von Großausstellungen.

Signale von Wirtschaftskraft und Leistungsfähigkeit

Erik Göngrich nimmt das Thema in seinem "Pavillon der Weltausstellungen" auf und zeigt anhand einer einfachen Panoramagrafik auf, welchen Wertesystemen Städte und Länder folgen, wenn sie eine Expo ausrichten. Auf der 40 Quadratmeter großen, schwarz-weißen Zeichnung hat der Künstler diverse Repräsentationsbauten wie den Pariser Eiffelturm, der aus Anlass einer Expo gebaut wurden, in ein fiktives Stadtbild eingefügt. Der Anblick ist ebenso amüsant wie grotesk: Riesenrad reiht sich an Riesenrad, Turm um Turm wird die Stadt zugestellt. Expos, das zeigt das Tableau, sind in keine innerstädtischen Verständigungen eingebunden, sondern bedienen sich der immer gleichen Architektursprache, um Signale von Wirtschaftskraft und Leistungsfähigkeit nach außen zu senden.

Auch in anderen Pavillons hallt das Thema Expo nach, etwa wenn am "Quartier 52.4697°N 13396°" von Tamer Yigit und Branka Prlic ein hölzernes Riesenrad steht, das sich nicht drehen kann. Und auch Okadas Installation zeigt einen Bezug zu einer offiziellen Weltausstellung auf: Der Strom für die erste Expo, die in Asien stattfand, die Expo Osaka 1970, stammte aus der Energiequelle der Zukunft, dem damals neuesten Kraftwerk Japans: Fukushima.

Gewaltige Entfernungen auf brachigen Feldwegen

Ansonsten findet die Auseinandersetzung mit den Bedingungen von Großschauen eher in der Anlage der Ausstellung selbst statt. Unregelmäßig sind die Pavillons über das weitläufige Gelände verstreut, Leihräder stehen bereit, um sich das gesamte Areal zu erschließen. Dabei sind es gerade die Distanzen zwischen den einzelnen Spielstätten, die neue Reflexionsmomente schaffen. In der atemlosen Taktung und örtlichen Verdichtung von Biennalen überlagern sich die Bilder und Töne verschiedener Kunstwerke schnell. Sich dieser ästhetischen Überforderung hinzugeben, ist gewissermaßen Grundvoraussetzung für den Besuch.

Auf dem Tempelhofer Feld kommt der hochtourige Kunstkonsum jedoch ins Stocken, wenn man eine Viertelstunde auf einem brachen Feldweg unterwegs ist, um zur nächsten Installation zu gelangen. Von nichts abgelenkt als der Ödnis des Feldes können die Eindrücke gar nicht anders als zu sacken. Prompt fängt das Gehirn an, nach Verbindungen zwischen den einzelnen Stationen zu suchen - was hat etwa Tracy Roses Performance zu Blackfacing und Whitefacing im südafrikanischen Fernsehen mit Lukas Feireiss' Institut für Imaginäre Inseln zu tun?

Dankenswerterweise sind die Distanzen auf dem Tempelhofer Feld so groß, dass man auch zu der Erkenntnis kommen kann: Da bestehen überhaupt keine Zusammenhänge. Während Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev verzweifelt versucht zu erklären, dass ihre Megaschau kein Überthema haben wird, hat sich die "Weltausstellung 2012" aus dieser wortwörtlichen Show-Logik bereits verabschiedet. Die Lücke zwischen den Kunstwerken ist da, und sie ist riesengroß. Dies nicht nur intellektuell, sondern konkret räumlich und auch noch im Zentrum der Stadt ausdrücken zu können, ist eine der irren Chancen, die Berlin immer noch bietet. Insofern ist auch diese Weltausstellung letztlich eine außenwirksame Darstellung dessen, wozu die Stadt in der Lage ist.


"The World is not Fair - Die große Weltausstellung 2012", 1. bis 24. Juni, Do./Fr. 16 bis 22 Uhr, Sa./So. 14 bis 22 Uhr.



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neu_ab 02.06.2012
1. Bravo! Kunst für die Elitären!
Kunst muß wohl, gerade in Deutschland, so sein, daß kein Mensch es versteht. Kunst muß in Deutschland am besten so sein, daß eine normale Putzfrau gar nicht auf die Idee kommt, gerade eine "Installation" für zigtausend Euro weggewischt zu haben.
neanderspezi 02.06.2012
2. Der Kunst eine Bresche
Selbst der boshafteste Banause muss zu so einem weitläufigen Happening, mit der Intention etwas in Sachen Kunstentfremdung auf die Holzbeine zu stellen, Respekt zeigen, tragen doch die Aktivisten hier freiwillig zur Erhöhung des Ansehens der Berliner Kunstszene bei und stellen ihre nicht interpretierbaren Bruchbudenadaptionen zur Schau. Nur so kann der Anspruch Kunst zu realisieren mutwillige Kreise der Bevölkerung infizieren und in übergreifender Performance in eine flächendeckende Kunstgesamtschau einbinden. Alles ist eben Kunst, wenn man so will, selbst Butterbrotpapiere von Beuys durch die Glasvitrine betrachtet lassen den Galeriebesucher den Wert vieler Dinge neu einschätzen und im privaten Bereich zur Wertschöpfung heranziehen.
wiediebäume 04.06.2012
3. Kein Mensch?
Zitat von neu_abKunst muß wohl, gerade in Deutschland, so sein, daß kein Mensch es versteht. Kunst muß in Deutschland am besten so sein, daß eine normale Putzfrau gar nicht auf die Idee kommt, gerade eine "Installation" für zigtausend Euro weggewischt zu haben.
Kunst muss nicht nur nicht elitär sein, sie ist es in den meisten Fällen auch nicht. Sogar für die obskursten Arbeiten reicht es meistens aus, sich 1-2 Texte durchzulesen oder - noch besser - mal mit jemanden aus dem Umfeld ein Gespräch zu führen. Dafür bieten Museen, Kunstvereine usw. regelmäßig Führungen an - oft genug auch gratis. Geht trotzdem keiner hin: im Internet schimpfen ist wohl einfacher. Ich finde die Arroganz erstaunlich, mit der Leute erwarten, Kunst zu verstehen, ohne sich auch nur ein wenig mit ihr auseinandergesetzt zu haben - das würde in keinem anderen Wissensgebiet passieren. Oder wird der Atomphysik oder der Biochemie vorgeworfen, dass sie elitär ist, weil die Reinigungskraft sie nicht versteht?!
herrrainer 05.06.2012
4.
die fragestellungen die sich der autorin durch die fukushima-arbeit aufwerfen, scheinen mir so nebenbei aus dem ärmel geschüttelt. weshalb sollte sich "moralischer furor" gegen das seebeben samt flutwelle richten. tsunamis sind in nordhonschu nicht unbekannt, 1896 erreichte ein tsunami 42 Meter Höhe, der Tsunami 2011 errreichte in Daiichi eine Höhe von 14 Metern, beim Bau des AKW wurden 25 Meter Steilküste abgetragen, um Betriebskosten beim Pumpen des Kühlwassers einzusparen. Der seinerzeitige japanische Premierminister Kan erklärte beim Weltwirtschaftsforum 2012 in Davos, "...der Nuklearunfall war keine Naturkatastrophe oder ein technisches Versagen, sondern wurde von Menschen verursacht..." ...oder von historischen Verhältnissen affiziertem Verstand. (Die Kritik dieser Verhältnisse wurzelt in den lebendigen Resten deutscher Geistesgeschichte: Was ist der Mensch? Könnten wir uns selbst bestimmen? ...und werden nur von einer ideologisch verblendeten, naturalistischen Machtgeschichte abgewickelt? (Dieses Problem brennt ganz unabhängig von räumlichen Distanzen.) Zur Kunsaktion: Brennstäbe kann man nicht anfassen. Bei diesem Problem hilft kein ästhetischer Weltzugang. - Aufschlussreich ist der Fall jener japanischen Atomarbeiter, die sich in den 90er Jahren eine radioaktive Flüssigkeit über die Hand schütteten ...und über wenige Monate "mumifizierten",... das Problem ist: dass die Eiweißanteile des Erbguts verkleben, eine Regeneration der Zellen unmöglich wird. ...Leider sehe ich in dieser Kunstaktion zu viele Parallelen zu "politischer" Komik: während Premierminister Kan noch im März 2011 vor Gemüse und Rohmilch aus Fukushima warnte, biss Regierungssprecher Edano mit dem Komiker Shizu-Chan auf einem eigens aufgebauten Markt "herzhaft" "hemdsärmelig" in Erdbeeren aus der betroffenen Region: "Auf geht´s Iwaki!", "Sind sehr süß und lecker" erklärte Edano: "In keinem Supermarkt der Welt gibt es ausschließlich sichere Lebensmittel."
hashemliveloirah 05.06.2012
5. Ach ja
Zitat von neu_abKunst muß wohl, gerade in Deutschland, so sein, daß kein Mensch es versteht. Kunst muß in Deutschland am besten so sein, daß eine normale Putzfrau gar nicht auf die Idee kommt, gerade eine "Installation" für zigtausend Euro weggewischt zu haben.
Und da gäbe es - gerade in Berlin - arg viel "wegzuwischen". Verstehen? In Berlin meist ganz einfach: Großkotzig, mit Weltstadtwahn, qualitativ aber eben meist nach wie vor auf Bolles Niveau - da könnt ihr so viel positive Medienresonanz kaufen, wie ihr wollt!
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