Theaterbiennale Impulse Er ist so frei

Das Theaterfestival Impulse hat einen neuen Chef: Florian Malzacher macht sich daran, die Bestenschau der freien Szene neu zu erfinden. Behutsam zwar, aber deutlich. Ab Donnerstag gehören die Bühnen in Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim wieder der Avantgarde.

Atia Trofimoff

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Vor einigen Monaten stand die Theaterbiennale Impulse noch vor dem Aus. Die Kulturstiftung des Bundes war aus der Finanzierung des Festivals ausgestiegen, der Etat um ein Drittel auf 600.000 Euro gesunken. Zu wenig für die traditionsreiche Bestenschau der freien Szene, die seit 1990 in NRW über die Bühnen geht. Doch dann erinnerte sich die Stadtsparkasse Köln/Bonn an einen ebenso traditionsreichen Werbespruch: Wenn's um Geld geht - Sparkasse. Sie half mit 100.000 Euro aus, weitere 50.000 gab das Land NRW dazu. "Das ist etatmäßig gerade noch einmal glimpflich ausgegangen", sagt Florian Malzacher, der neue Leiter des Festivals.

Dennoch: Wenn er am Donnerstag die 17. Ausgabe des Festivals eröffnet, muss er mit 150.000 Euro weniger auskommen als seine Vorgänger Tom Stromberg und Matthias von Hartz. Und: Er muss mehr beantworten als nur finanzielle Fragen. Seine Vorgänger haben die Zuschauerzahlen in ihrer Amtszeit zwar verdoppelt, aber die ursprünglichen Aufgaben des Festivals sind vager denn je. Was nicht an der Arbeit von Stromberg und Hartz liegt, sondern am Lauf der Dinge.

Lange galten die Impulse als das Pendant der freien Szene zum Berliner Theatertreffen, als Bestenschau der Avantgarde. Zu sehen waren die besten Produktionen, die jeweils in den vergangenen beiden Jahren jenseits der Stadttheaterstrukturen im deutschsprachigen Raum entstanden waren. Der Gedanke: Da viele der freien Gruppen lokal verortet waren, sollten ihre Arbeiten wenigstens ein Mal im Jahr überregional sichtbar werden, die Mitglieder der freien Szene sollten wenigstens ein Mal im Jahr Gelegenheit haben, sich zu vernetzen. Und: Das Festival sollte Lobbyarbeit leisten für Arbeitsweisen und vor allem für Ästhetiken, die randständig waren.

Ist das Profil des Festivals noch zeitgemäß?

Aber kann all das noch das Profil ausmachen in Zeiten, in denen Freie-Szenen-Produktionen längst auch beim Berliner Theatertreffen zu Gast sind, in denen Ästhetiken, die einst nur in der freien Szene großer Metropolen zu finden waren, sogar Einzug in die Spielpläne provinzieller Stadttheater gehalten haben? Kann all das noch das Profil ausmachen in Zeiten, in denen die interessantesten freien Gruppen ohnehin von Festival zu Festival touren, so dass die Impulse ein Festival unter vielen sind, noch dazu eines, an dem nichts Neues zu sehen ist? In Zeiten, in denen viele der interessantesten freien Gruppen international zusammengesetzt sind und von internationalen Auftraggebern koproduziert werden, in denen also unklar ist, was genau nun deutsch oder österreichisch oder schweizerisch an den Arbeiten ist? Kurzum: Braucht man das Festival noch? Ein Festival, das ohnehin nie ein richtiges Festival mit Festivalgefühl war, weil es sich auf vier Städte verteilte: auf Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr?

Der neue Impulse-Leiter Malzacher ist vermutlich der richtige Mann, um all diese Fragen zu beantworten: Er hat Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studiert, also den Studiengang absolviert, aus dem viele der prägenden freien Gruppen hervorgegangen sind, etwa Rimini Protokoll, She She Pop und Showcase Beat Le Mot. Er hat jahrelang als Kulturjournalist gearbeitet, unter anderem für "Frankfurter Rundschau", "taz" und "Theater heute", ist also auch medial bestens vernetzt. Er hat Anthologien über die Performance-Kollektive Forced Entertainment und Rimini Protokoll herausgegeben, die auch in der Wissenschaft viel beachtet wurden. Er hat als leitender Dramaturg und Kurator beim steirischen Herbst in Graz gearbeitet, dem wohl traditionsreichsten Festival zeitgenössischer Künste in Europa, zudem als freier Dramaturg am Wiener Burgtheater.

Es wird keine Sieger geben

Malzacher hat einiges umgestellt für die 17. Ausgabe der Impulse. Die wohl wichtigste Neuerung: Er verzichtet auf eine Jury, kürt keine Sieger. "Wir veranstalten keinen sportlichen Wettkampf", sagt er, "dafür umfasst der Begriff freies Theater ein viel zu breites Spektrum an Ästhetiken und Arbeitsweisen. Die Ergebnisse sind kaum miteinander zu vergleichen." Zudem gehe es vielen freien Gruppen nicht um Perfektion, und daher könne es für die Zuschauer auch nicht um Daumen rauf oder Daumen runter gehen. "Es geht viel eher um die Frage: Was wurde versucht? Was stand auf dem Spiel?"

Erstmals in der Geschichte der Impulse wird es nicht nur Gastspiele geben, die schon an anderen Orten liefen, sondern auch zwei koproduzierte Premieren: "Something for the Fans" von Damian Rebgetz sowie "Revolution Vakuum" von Tamer Yigit und Branka Prlic, dazu die Auftragsarbeit "Zwei Minuten Stillstand" von Yael Bartana. Zudem nimmt Malzacher die geografische Einschränkung in den Festival-Statuten wichtiger als seine Vorgänger: "Die freie Szene ist extrem international geworden", sagt er. "Unter den Koproduzenten dieser internationalen Arbeiten findet sich zwar immer irgendein deutscher, aber das war mir als Kriterium zu unklar. Ich habe daher ausschließlich Arbeiten von Künstlern eingeladen, die ihren Lebensmittelpunkt im deutschsprachigen Raum haben".

Verbunden hat er diese Selbstbeschränkung mit einem thematischen Fokus; auch das gab es in der Geschichte der Impulse noch nie: Unter dem Motto "Under the Influence" soll das Festival die Bedeutung nationaler Zuschreibungen untersuchen, soll die Frage stellen nach kulturellen Identitäten, nach geopolitischen Ein- und Ausgrenzungen, nach der Rolle von Sprache und von finanziellen Möglichkeiten.

Mindestens ein Theaterabend lässt keinen kalt

Eingeladen sind insgesamt 14 Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, darunter die auch beim Berliner Theatertreffen gefeierte Produktion "Disabled Theatre" von Jérôme Bel und dem Theater Hora, in der geistig behinderte Schauspieler auf der Bühne stehen. Es geht um Authentizität, und es geht um Voyeurismus. Kalt lässt dieser Theaterabend niemanden. Mit dabei sind zudem Arbeiten von Showcase Beat Le Mot und She She Pop, den Altmeistern der Gießener Schule.

Anders als bisher wird es unter Malzacher in jeder der beteiligten Städte jedoch nur drei Produktionen an drei aufeinanderfolgenden Tagen zu sehen geben. "Wir wollen, dass ein Festivalgefühl entsteht", sagt Malzacher. Wichtiger als die Anzahl der Produktionen in den einzelnen Städten ist ihm, dass das Programm an den Festivaltagen dort möglichst dicht ist. "Wir versuchen, eine andere Intensität herzustellen. Die einzelnen Städte bekommen zwar weniger Festivaltage, aber unter dem Strich bekommen sie deutlich mehr."

Wer nach drei Tagen in seiner Stadt noch nicht genug hat, kann reisen: Busse verbinden die Festivalorte Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr. An Bord sind Reisebegleiter, die Vorträge liefern, Analysen, Lecture Performances. Etwa über die Rolle der Migration in NRW.

"Impulse Theater Biennale 2013": 27. Juni bis 6. Juli in Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr. Info-Hotline: 0202/69827278.



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